Mindestens einmal macht sich Johanna Protze alle zwei Wochen noch 20 Minuten früher als sonst auf in Richtung Ohm-Gymnasium. Egal, ob die Sonne scheint oder es im Winter klapperkalt ist, steht Johanna - wenn nicht grad Ferien sind - in der leuchtendgelben Warnweste vor der Schule in Erlangen. In der Hand die rotweiße Kelle mit der Aufschrift "Halt, Kinder".
"Manchmal hilft wirklich nur noch hopsen", verrät die 17-jährige Gymnasiastin. Besonders wenn im Winter die Straßen auch noch matschig sind, "kriegt man schon richtig kalte Füße". Trotzdem macht sie den Job als Schülerlotsin seit über drei Jahren zuverlässig und perfekt.
So perfekt, dass sie beim landesweiten Schülerlotsen-Wettbewerb in Schweinfurt den ersten Platz belegte: Die beste Schülerlotsin Bayerns kommt aus Erlangen. Und sie hat gute Chancen auch beim Bundeswettbewerb Mitte Oktober ganz vorn mitzumischen. Davon ist Stefan Dorsch, der Leiter der Jugendverkehrsschule, überzeugt. Der Polizeioberkommissar hat Johanna ausgebildet und ist ihr größter Fan. "Die hat's drauf. Sie hat den Überblick, ist absolut zuverlässig und lässt sich auch in Stresssituationen nicht aus der Ruhe bringen", lobt der erfahrene Verkehrserzieher.
Johanna sagt nicht so viel. Sie ist ein ruhiger, besonnener Mensch - auch wenn sie gerade nicht lotst. Allerdings merkt man ihr die Aufregung an, im Mittelpunkt einer Ehrung zu stehen. Der Erlanger Polizeichef Adolf Blöchl, Bürgermeisterin Birgitt Aßmus (CSU), die Leiterin des Ohm-Gymnasiums Fuchs und Georg Gebhardt von der Verkehrswacht sind alle stolz auf das junge Mädchen. Johanna wird bei den vielen lobenden Worten im großen Saal der Erlanger Polizei immer verlegener, senkt den Kopf immer tiefer und die langen blonden Haare verdecken immer mehr ihr Gesicht.
Sie taut aber schnell wieder auf bei Fragen nach dem Wettbewerb und ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für die kleinen Schüler. Johannas Bruder war auch schon Schülerlotse. Er hat sie auf die Idee gebracht, mitzumachen, als Johanna 13 Jahre alt war.
Bevor sie die signalgelbe Weste anziehen und sich mit der Kelle zum Lotsen vor die Schule stellen durfte, hat es dann nochmal rund eineinhalb Monate gedauert. Erst Theorie pauken, dann raus auf den Schulweg. Auch in der Praxis steht ihr Stefan Dorsch zur Seite, mehrfach übte er mit ihr, wie die Kurzen sicher über die Straße gelangen.
Das ist aber schon Geschichte. Inzwischen ist Johanna eine der routiniertesten Schülerlotsinnen aus der bewährten Schülerlotsen-Gruppe des Ohm-Gymnasiums. Dort wurde die erste Gruppe der Stadt 1986 gegründet. Seit 2000 nehmen sie an den Landesentscheiden teil und das sehr erfolgreich. Vor drei Jahren stellte das Ohm-Gymnasium schon eine Landessiegerin.

320 Lotsen in Stadt und Landkreis


Heute gibt es in Erlangen 140 Schülerlotsen und 180 Schulweghelfer, so heißen die erwachsenen Schulweg-Schutzengel. Diesen Namen verdienen die engagierten Jugendlichen wirklich. "In Erlangen gab es im Bereich der Schulwege, die von Schülerlotsen und Schulweghelfern besetzt sind, bisher keinen einzigen Schulwegunfall", erklärt Polizeichef Blöchl.
In den anderen drei Inspektionen in Stadt und Land arbeiten ebenfalls Verkehrserzieher mit Schülerlotsen und Schulweghelfern an der Sicherheit der Kleinsten.
In Herzogenaurach gibt es knapp 90 Schülerlotsen, die praktisch alle im Stadtgebiet eingesetzt werden. Beim Landesentscheid schaffte es einer der Herzogenauracher Lotsen bis in den Bezirksentscheid. Auch in Höchstadt wird in der Stadt gelotst mit rund 80 Jugendlichen und außerhalb stehen Erwachsene mit der Kelle. Deutlich weniger Schülerlotsen gibt es im Bereich der Polizeiinspektion Uttenreuth, dort machen den Job zehn Jugendliche.
Das Sterben der Hauptschulen auf dem flachen Land entzieht diesem wichtigen Ehrenamt den Nachwuchs, klagen Vekehrserzieher. Und eine der besten hört bald auf. Denn wenn Johanna 18. Geburtstag gefeiert hat, muss sie aufhören.
Wo's gerade jetzt so gut läuft. Die Theorie ist aufgefrischt, die hat Johanna vor dem Landesentscheid gepaukt.
Sogar bei den schwierigen Schätzfragen lag sie nahe dran. Sie musste zum Beispiel den Bremsweg eines Lkw, eines Kleinlasters, eines Autos und eines Motorrads mit verschiedenen Fahrern am Steuer schätzen. "Das war beim Wettbewerb am schwersten", sagt Johanna. "Da musst du dir die Fahrer ganz genau anschauen. Das ist wichtig, weil man auch die Reaktionszeit mit einkalkulieren muss."
So schwer und so wichtig im täglichen Einsatz der Schülerlotsin. Dann kommt für Johanna der schönste Moment in ihrem Job: Wenn sich einer der Zwerge rumdreht und "danke" sagt. "Das kommt gar nicht so selten vor", sagt Johanna lächelnd.