Oromo - von diesem Wort kann man nicht behaupten, dass es zum Vokabular eines durchschnittlichen Deutschen gehört. Kaum jemand kennt dieses Wort, geschweige denn weiß, was sich dahinter verbirgt. Um genau das zu ändern, war die Volksgruppe der Oromo in diesem Monat das große Thema des Café International, das immer am ersten Freitag im Monat im Jugendzentrum der Fortuna Kulturfabrik stattfindet.
Extra für diesen Termin aus Regensburg gekommen war Felleke Bahiru Kum. Der Äthiopier lebt bereits seit 16 Jahren in Deutschland und konnte den zahlreichen Zuhörern in gutem Deutsch die Situation in seinem Heimatland schildern.

Die Oromo sind eine Volksgruppe mit verschiedenen Untergruppen, die in Äthiopien, aber auch im Norden Kenias ansässig sind. In Äthiopien sind sie das größte Volk und haben seit 1991 sogar einen eigenen Bundesstaat namens Oromia.
Die Regioneneinteilung Äthiopiens basierte damals auf ethnischer Zugehörigkeit und stärkte so auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Oromo und ihrer Untergruppen.

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl zeigt sich auch heute noch, denn die aktuelle politische Lage dort hat einen Widerstand der Oromo gegen die Zentralregierung hervorgerufen. Grund dafür ist die von der Regierung geplante Ausweitung der Hauptstadt Addis Abeba, die mitten in Oromia liegt, um mehr als das Zwanzigfache. Laut der Regierung hätte das enorme Vorteile, was die Infrastruktur und die Entwicklung des Landes angeht. Die Oromo jedoch sehen ihre Souveränität bedroht. Vor allem die Bauern befürchten Zwangsräumungen und Landvertreibung. Alles sieht nach einer Weiterentwicklung der Hauptstadt auf Kosten der Oromo aus.

Obwohl Äthiopien entsprechend der Verfassung von 1995 als demokratisches Land gilt, ist an den Wahlergebnissen immer wieder zu zweifeln. Seit 1991 ist die Partei EPRDF die dominierende politische Kraft. Auch die letzte Wahl im Mai 2015 hielt keine Überraschungen bereit: 545 Abgeordnete des Parlaments gehörten zur Regierungspartei. Nur zwei Abgeordnete gehörten anderen Parteien an oder waren unabhängig. Die Führungspartei führt ihre Wahlerfolge auf den angeblich dank ihr errungenen wirtschaftlichen Fortschritt des Landes zurück. "Eine undemokratische Schande", so die Opposition.


Haft und Folter drohen

Doch wer Widerstand leistet, muss einen hohen Preis zahlen. Wer eine andere Meinung als die äthiopische Regierung vertritt, wird inhaftiert, gefoltert oder getötet. Darunter sind friedlich Protestierende, Studierende, Mitglieder von Oppositionsparteien und sogar Menschen, die nur ihre Zugehörigkeit zu den Oromo betonen. Familienmitglieder solcher Menschen stehen unter einem Generalverdacht.

Dass die Situation in Oromia immer mehr eskaliert, wird an den Flüchtlingszahlen deutlich. "Als ich 2000 nach Zirndorf kam, war ich der einzige Oromo weit und breit", erzählt Felleke Bahiru Kum. Nun wohnen etwa 50 Äthiopier in der Höchstadter Gemeinschaftsunterkunft, davon ungefähr 20 Oromo. Die Äthiopier erhoffen sich in Deutschland eine bessere Zukunft. Doch ihr Heimatland vergessen können sie nicht. Die Leidenschaft ist ihnen anzusehen, wenn sie über die aktuelle Situation dort berichten.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International rechnet mit mindestens 5000 verhafteten Oromo zwischen 2011 und 2014. Grundlage dieser willkürlichen Festnahmen sind meist weit und unklar formulierte Gesetze, wie das 2009 in Kraft getretene Anti-Terrorismus-Gesetz. Aber auch Inhaftierungen ohne Anklage sind inzwischen keine Seltenheit mehr.

Und der Westen? Obwohl die internationale Gemeinschaft Kenntnisse darüber hat, was derzeit in Äthiopien vor sich geht, ist bisher nichts geschehen. Die Äthiopier wollen, dass der Westen endlich Druck auf die äthiopische Zentralregierung ausübt. Mitte November letzen Jahres veranstalteten äthiopische Flüchtlinge deshalb auch eine Demonstration vor dem Berliner Bundeskanzleramt. Doch eine Änderung ist nicht eingetreten. Nach dem informativen Vortrag gab es ein Buffet mit äthiopischen Spezialitäten, das die Flüchtlinge in aufwendiger Arbeit seit Tagen vorbereitet hatten. Larissa Händel