Fränkisches Unternehmen ruft Spendenaktion für 92-Jährigen ins Leben - der Senior war wegen Totschlags an seiner Frau (91) verurteilt worden: Am 12. November wurde ein 92 Jahre alter Mann vor dem Landgericht Würzburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er seine Ehefrau erstickt hatte.

Er habe seine Frau einfach nicht mehr leiden sehen können, sagte der 92-Jährige vor Gericht. Er habe "aus Liebe gehandelt". Fast 70 Jahre waren die Eheleute aus dem unterfränkischen Gemünden am Main (Landkreis Main-Spessart) verheiratet. Die 91-Jährige lebte jahrelang mit schwerer Krankheit, unter anderem litt sie an Demenz. Ihr Ehemann pflegte sie in diesem Zeitraum nahezu alleine.

92-Jähriger wegen Totschlags verurteilt: Firma will Rentner finanziell unterstützen

Die Schuldfähigkeit des 92 Jahre alten Mannes gilt als vermindert - unter anderem, weil er an einer schweren Depression leidet. Deswegen wurde er wegen Totschlags in minderschwerem Fall verurteilt. Die Strafe wurde auf zwei Jahre und neun Monate Haft festgesetzt, allerdings zur Bewährung. Zusätzlich muss er 10.000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen. 

Das nahmen in den Kommentarbereichen der Bericht erstattenden Zeitungen einige Personen zum Anlass, eine Spendenaktion zugunsten des Verurteilten zu fordern. So auch Christian Martin aus Naila im oberfränkischen Landkreis Hof. "Das ist eine ganz traurige Geschichte mit dem Rentner", sagt Martin inFranken.de.

"10.000 Euro aufzubringen ist eine Menge Geld - vor allem in diesem Alter". Der 92-Jährige habe genug bezahlt, er habe alles verloren und letztlich nur aus Liebe gehandelt. "Das hat mich zum Entschluss gebracht, dass man ihm die Geldstrafe als Spende überreichen sollte", erklärt Martin seine Motivation. Ihm selbst habe aber die technische Expertise gefehlt, um ein entsprechendes Spendenkonto einzurichten.

"Ich finde das unmenschlich": Unternehmer findet Urteil ungerecht

Deswegen hat sich nun Fabian Holler von der Firma Pyrotechnik Holler aus dem mittelfränkischen Lonnerstadt (Landkreis Erlangen-Höchstadt) dessen angenommen. Im Namen des Unternehmens richtete er die Spendenaktion auf betterplace.me ein. "Wir hatten einen Bericht gelesen. In den Kommentaren waren viele, die eine Spendenaktion gefordert haben. Das haben wir dann in die Wege geleitet", erklärt Holler.

Das sei jedoch nicht der einzige Beweggrund gewesen: "Wir haben das auch einfach gemacht, weil wir das Urteil ungerecht finden. Wie soll man mit 92 Jahren denn 10.000 Euro aufbringen? Ich finde das unmenschlich", kommentiert der Pyrotechniker.

Auf die Frage, ob es nicht problematisch sei, jemanden finanziell zu unterstützen, der wegen Totschlags verurteilt wurde, antwortet Holler: "Ich sehe es, wie er es im Gericht geschildert hat, als Ausweg. Ich würde ihn nicht als Mörder bezeichnen." Das Thema Sterbehilfe sei ein großes Thema. Man solle sich mehr damit auseinandersetzen, appelliert der Pyrotechniker. Vor Gericht wurde der Fall allerdings als Totschlag in minderschwerem Fall und nicht als Sterbehilfe verordnet.

Konfliktthema: In diesen Ländern ist die aktive Sterbehilfe legal

Zum Thema Sterbehilfe gibt es immer wieder Anfragen an den Bundestag - zuletzt von der FDP. Die Debatte wird seit Jahren geführt. In anderen Ländern - wie etwa Belgien, der Schweiz, Luxemburg und Holland - ist die aktive Sterbehilfe laut patientenverfuegung.digital bereits erlaubt.

In Deutschland hatte das Bundesverfassungsgericht erst im Februar dieses Jahres das 2015 beschlossene Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt. Es verletze den Menschen in seinem Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Die Richter erklärten den Strafrechtsparagrafen 217 für nichtig. Damit wurden die passive, assistierte und indirekte Sterbehilfe zwar erlaubt, die aktive bleibt aber weiterhin verboten.

Eine Übersicht von inFranken.de über die aktuell geltenden Regelungen und eine Erklärung zu den einzelnen Formen der Sterbehilfe finden Sie hier.

Spendenaufruf positiv aufgenommen: "Es gab bisher keine negativen Reaktionen"

Der Spendenaufruf für den 92-Jährigen wurde laut Fabian Holler durchweg positiv aufgenommen: "Es gab bisher noch keine negativen Reaktionen. Die Leute haben sich bedankt. Es ist absoluter Wahnsinn, was da innerhalb weniger Stunden losgetreten wurde", sagt Holler mit Blick auf die bisher gesammelten 4080 Euro (Stand 16. November 2020, 12.00 Uhr). 

Es gehe ihm dabei nicht nur um diesen Fall, er habe generell ein Interesse am Thema Sterbehilfe. "Der Großteil der Bevölkerung ist dafür", sagt Holler. Damit gemeint ist allerdings die ärztliche Sterbehilfe: Laut einer Umfrage von infratest dimap für "Report Mainz" wollten 67 Prozent der Befragten die Strafen für Ärzte nach dem ehemals geltenden Paragrafen 217 abschaffen, schreibt die ARD.

Von eigenmächtigem Handeln ist hier allerdings nicht die Rede. Die aktive Sterbehilfe befürworten laut "Ärzteblatt" ebenfalls 67 Prozent der Befragten. Das Thema an sich solle aber, so Holler, wirklich mal ausdiskutiert und in Deutschland sogar legalisiert werden.