An diesem Tag erlebte ich ein Drama, das zu nachtschlafender Zeit um 23 Uhr seinen Lauf nahm und später als Jahrhundertspiel in die Sportgeschichte einging. Die Akteure: Deutschland und Italien.

Es war Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko und Deutschland stand im Halbfinale gegen die Italiener. Das Spiel fand nachmittags bei brütender Hitze vor über 100.000 Zuschauern im Aztekenstadion von Mexiko-City statt. In Deutschland aber sahen wir wegen der Zeitverschiebung von sieben Stunden das Spiel mitten in der Nacht. Ich war zwölf Jahre alt, saß auf dem Wohnzimmerteppich und schwenkte ein selbstgemaltes Deutschland-Fähnchen aus Papier. Fanartikel gab es damals nicht. Und die Welt war auch noch schwarz-weiß. Zumindest auf unserem Fernseher.

Zum ersten Mal wurden die Spiele einer Fußball-WM nach Europa live übertragen. Das Bild war grieselig und der Ton aus dem fernen Mexiko miserabel. Der Moderator hieß Ernst Huberty und hörte sich an, als würde er in einen Blecheimer sprechen. Auf dem Feld standen Spieler, die heute Legenden sind: Franz Beckenbauer und Uwe Seeler, Gerd Müller und Sepp Maier, Wolfgang Overath und Jürgen Grabowski, Berti Vogts und Karl-Heinz Schnellinger, der damals als einer von ganz wenigen Deutschen in Italien spielte, beim AC Mailand.

Italien ging schon in der siebten Minute durch Boninsegna in Führung, und dann machten die Azzurri, was sie immer auszeichnete: hinten mauern, Spiel verzögern, Sieg über die Zeit retten. Doch Letzteres gelang ihnen zunächst nicht. Ausgerechnet der "Italiener" Schnellinger war es, der Deutschland in letzter Minute in die Verlängerung schoss.

Die Hitzeschlacht ging weiter. Deutschland hatte sein Auswechselkontingent erschöpft, so dass Franz Beckenbauer trotz ausgerenkter Schulter weiterspielen musste - ihm wurde einfach der rechte Arm vor die Brust bandagiert. Der heldenhafte Einsatz sollte zunächst belohnt werden. Gerd Müller spitzelte nach einem Abwehrfehler den Ball über die Torlinie - 2:1. Doch nur vier Minuten später kassierten die Deutschen den Ausgleich durch Burgnich. Und Luigi Riva traf kurz vor dem letzten Seitenwechsel für Italien zum 3:2.

Helmut Schöns Truppe mit dem einarmigen "Kaiser" gab nicht auf. Und wieder war es Gerd Müller, der "Bomber" mit den heruntergelassenen Stutzen, der aus dem Getümmel im italienischen Strafraum heraus zum Gleichstand einköpfte. Doch die Freude über das 3:3 währte nur kurz. Gianni Rivera war es am Ende, der Deutschland mit dem 4:3 aus dem Halbfinale schoss - und mich todtraurig und todmüde ins Bett schickte.

42 Jahre sind vergangen. Deutschland hat Italien in einem EM- oder WM-Spiel immer noch nicht besiegen können. Aus dem Drama von 1970 hat sich ein Trauma entwickelt. Es ist Zeit, den Fluch zu beenden. Ich kann den Donnerstag kaum erwarten.

Die Fußball-Europameisterschaft zieht drei Wochen lang alles in ihren Bann - auch unsere Redakteure Tobias Köpplinger und Leopold Teuscher. Was die beiden rund um die Spiele und am Rande des Wettbewerbs so erleben, bloggen sie als "Einwurf" und "Abseits" auf em.infranken.de.