Show? Ernsthafte Diskussionsrunde? Oder Realsatire? "Radio Influenza" ist schwer einzuordnen - und wer am Dienstagabend in der Sonderbar einen Schlagabtausch erwartet hatte zwischen Altstadtfreunden und Stadtrat, der sah sich enttäuscht. Christa Minier als Vorsitzende der Altstadtfreunde und SPD-Stadträtin Petra Schneider waren sehr bemüht, Streit zu vermeiden. Christian Meyer, der künftige Geschäftsführer der Wohnbau, saß im Sinne des Wortes dazwischen.

"Zukunft Coburg" lautete das Thema. "Radio Influenza" will vor allem jungen Leuten einen Zugang bieten zu politischen Themen. Deshalb sorgt Organisator und Moderator Ahmet Oezer für Show-Elemente: Das Ballett des Landestheaters zeigte drei kurze Stücke, eines davon eigens für diesen Abend choreografiert. Eigenwerbung sei das, räumte Ballettmeisterin Tara Yipp ein.
Schließlich war das Ballett aus Spargründen schon einmal abgeschafft worden.

Wie Räume wirken

Zukunft Coburg: Angesichts des Podiums musste es ums Bauen und Gestalten gehen. Die Gespräche auf der Bühne boten viele Ansätze, doch vertieft wurde keiner . Von "Psychotropie" sprach zum Beispiel die Stadtforscherin Tamara Härty, die auch einen Lehrauftrag an der Coburger Hochschule hat. Gebäude, Zimmer, Plätze wirken auf Menschen auch in einer Weise, die sich nicht immer rational erklären lässt. Kinder fürchten sich im Dunklen im an sich vertrauen Zimmer, Menschen fühlen sich in Räumen oder auf Plätzen auf unerklärliche Weise wohl oder unwohl - es wäre spannend gewesen, darüber zu reden, wie solche Aspekte in der Stadtplanung berücksichtigt werden könnten.

Auch die Frage nach Utopien in der Stadt wäre Nachfragen wert gewesen, die aber nicht kamen. Natürlich könne sie sich am Bahnhof, der ICE-Halt werden soll, auch Utopien vorstellen, sagte Petra Schneider. Aber: "Dazu braucht es die Bahn." Pragmatische Antwort, Thema abgehakt. Kritischer dann schon die Frage nach der Bürgerbeteiligung bei Planungsvorhaben: Davon sei sie ein Fan, betonte Petra Schneider. Aber am Ende entscheide nun mal der Stadtrat.

Dass die Bürger zu wenig und zu spät über die Sanierungsvorhaben in der Ketschenvorstadt informiert worden seien, ist einer der Dauerkritikpunkte der Altstadtfreunde. Der Verein ging aus einer Initiative hervor, die sich gegen eine Umgestaltung des Salvatorfriedhofs wandte. Daraus wurde eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorhaben in der Ketschenvorstadt. Betroffen davon ist in erster Linie die städtische Wohnbau als Sanierungsträger. Deren künftiger Geschäftsführer Christian Meyer hatte sich Sonderbar-Chef Oliver Müller zuliebe auf die Veranstaltung eingelassen.

Hier die Wohnbau, die sich mit dem Vorwurf der Altstadtfreunde auseinandersetzen muss, sie halte sich nicht an die eigenen Sanierungsziele; da die Stadträtin, die ihre Beschlüsse vehement verteidigt gegen - wie sie findet - ungerechtfertigte Angriffe; da die "Wutbürgerin" (so betitelt von Ahmed Oezer), die in E-Mails an alle möglichen Stellen immer wieder Stadt und Wohnbau anprangert - das hätte wahrlich genug Stoff geboten. Doch keiner wollte sich streiten. Provokationen von Moderator Ahmet Oezer verfingen nicht: Petra Schneider verweigerte die Antwort auf die Frage, ob der Bausenat eine "Geheimloge" sei. Gegen einen Gestaltungsbeirat, dem nicht nur Architekten, sondern auch andere Berufsgruppen angehören, hatten weder Schneider noch Meyer etwas. Da kapitulierte auch Oezer: "Diskutiert ein bisschen, ich muss mit meinem Techniker was klären", beschied er kurz vor Schluss die drei Gäste auf dem Podium.

Schlecht geredet, gut getan?

Sich selbst überlassen, sprachen die drei über die Vergangenheit: Die Bürger seien nicht über die Planungen in Sachen Ketschenvorstadt informiert worden, wiederholte Christa Minier. Meyer, bis vor kurzem noch selbst im Stadtrat, und Petra Schneider widersprachen. Minier setzte nach: Auf die Eingaben der Altstadtfreunde hin würden die Planungen überprüft - schließlich stehe demnächst ein Gespräch mit der Obersten Baubehörde an. Schneider zog die Pressemitteilung der Regierung von Oberfranken aus der Tasche, die just am Dienstag eingetroffen war: Coburg erhält zusätzliche Fördermittel, und damit werde das Engagement von Stadt und Wohnbau gewürdigt. Das verbuchte Christa Minier prompt als Erfolg der Altstadtfreunde ("die Regierung trägt dem bürgerschaftlichen Engagement Rechnung") und machte Petra Schneider damit nahezu sprachlos.

Dann ging es wieder auf sicheres Konsensterrain und um die "Zukunft Coburg". Mehr Fachgeschäfte in der Innenstadt wären wünschenswert, doch da müssten sich die Konsumenten auch an die eigene Nase fassen, gab Tamara Härty zu bedenken. "Die Läden sind ja nicht freiwillig weggegangen." Christian Meyer hält in Zukunft eine Zusammenarbeit für möglich; Tamara Härty wünschte sich zum Abschluss "Seid doch ein bisschen verrückter!