Ausdauernden, ja begeisterten Beifall ist das Philharmonische Orchester des Landestheaters bei seinen Sinfoniekonzerten eigentlich längst gewohnt. Regelrechte Ovationen wie am Montag beim 4. Sinfoniekonzert dieser Saison freilich sind selbst vor diesem Hintergrund durchaus bemerkenswert. Was war passiert?
Berlioz und Debussy als französisches Komponistenduo sind gewiss eine einleuchtende Programm-Kombination. Schließlich haben Berlioz und Debussy auf je eigene Weise als Klangzauberer die Musikgeschichte nachhaltig beeinflusst.


Berlioz als Lichtdesigner


Während Debussy feinste Valeurs auf der Palette der Klänge mischt, agiert Berlioz mit seiner meisterlichen Instrumentationskunst beinahe wie ein Lichtdesigner.
Mit immer neuen Beleuchtungen baut er Klangszenen auf wie in seiner relativ selten gespielten Sinfonie "Harold in Italien", die am Montag im Landestheater erklang.
Wer als Solist sein Glück vor allem im virtuosen Monologisieren an der Rampe sucht, wäre in diesem Werk am falschen Ort. Wer aber als Solist den Dialog mit dem Orchester und den Stimmen des Orchesters liebt, kann in dieser "Sinfonie mit Solobratsche" melodienselig sein Glück finden. "Harold in Italien" ist eine reizvolle Aufgabe für die Sänger unter den Bratschern - eine reizvolle Aufgabe für Amihai Grosz.

Roland Kluttig als Berlioz-Anwalt

Vor knapp zwei Jahren hatte Grosz das Coburger Publikum als Solist in Bartóks Violakonzert erstmals fasziniert. Am Montag verzauberte er seine Zuhörer vom ersten Einsatz an mit dem edlen Ton seiner wertvollen historischen Bratsche - warm, dunkel timbriert, wunderbar zart und doch tragfähig, dabei bemerkenswert schattierungsfähig in den klangfarblichen Abstufungen wie in der Dynamik. Die Solobratsche hat in diesem Werk tatsächlich eine ungewöhnliche Rolle. Sie fungiert im Grunde als Erzähler - eine Aufgabe, die Amihai Grosz überaus beredt ausfüllte.


Exaltierte Ausbrüche


Die Musik von Berlioz hat - besonders in Deutschland - gewiss nicht nur Fans. Ihre Grellheiten, ihre exaltierten Ausbrüche, ihre oft theatralisch anmutende Dramaturgie machen es Skeptikern denn auch leicht, bei Bedarf polemisch zu spotten. Tatsächlich hat Berlioz da und dort auch ungeniert banal anmutende Melodien eingebaut.
Mit einem kompetenten Berlioz-Anwalt am Dirigentenpult spielen solche Einwände keine Rolle.


Lyrische Feinheiten


Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig jedenfalls, ein unumwunden bekennender Berlioz-Fan, lässt scheinbar ganz selbstverständlich hörbar werden, dass in dieser Musik nicht nur grelle Effekte stecken, sondern auch viele lyrische Feinheiten. Und er demonstriert gemeinsam mit dem ebenso engagiert wie klangschön, reaktionsschnell und stilsicher musizierenden Philharmonischen Orchester, dass bei Berlioz Effekte nicht äußerlicher Zierrat, sondern sehr wohl auch dramaturgisches Mittel sein können.


Gastmusiker aus Bamberg, Hof und Weimar


Nach der Pause dann Debussys Meisterwerk "La Mer", das bereits am Samstag beim vormittäglichen "Concertino" im Mittelpunkt stand. Beim Sinfoniekonzert am Montag musste Kluttig in sein grippegeplagtes Philharmonisches Orchester - sehr kurzfristig eine Reihe von Gästen beispielsweise aus Bamberg, Hof oder Weimar ins Orchester integrieren.

Ovationen als Finale

Und die ebenfalls dezimierte Bratschengruppe des Philharmonischen Orchesters erhielt spontan hochkarätige Unterstützung. Amihai Grosz vertauschte für Debussys "La Mer" einfach die Solistenrolle mit dem Part am ersten Bratschenpult neben Coburgs stellvertretendem Solobratscher Andreas Hilf.


Klangliche Feinheiten


Das Publikum jedenfalls erlebte eine Aufführung, in der sich - trotz der bisweilen heiklen Akustik des Landestheaters - spannungsvolle Gestaltung und klangliche Feinheiten ergänzten. In seinem Dirigat verband Kluttig jederzeit Intensität des Ausdrucks mit subtiler Differenzierung in Agogik wie Dynamik.


Ovationen


Ganz nebenbei wurde dabei deutlich, dass Debussys Klangfarbenreichtum auch dort, wo die Farben scheinbar flirrend verschwimmen, nicht das Resultat gleichsam verschwimmenden Musizierens ist, sondern - im Gegenteil - nur auf der Basis rhythmisch sehr präzisen und zugleich lebendig atmenden Spielens entsteht. Am Ende: beeindruckte Stille im Publikum, dann jedoch Ovationen.



Der Werdegang eines Ausnahme-Künstlers

Amihai Grosz Der 1979 in Israel geborene Brat schist Amihai Grosz pflegt als Solist eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim und dessen West-Eastern Divan Orchestra. Amihai Grosz begann sein Bratschenstudium mit zwölf Jahren an der Jerusalem Academy of Music, später wurde er Schüler von Tabea Zimmermann an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" und von Haim Taub am Keshet Eilon Music Center. Seit der Saison 2010/11 ist Grosz 1. Bratscher bei den Berliner Philharmonikern.

Ausblick Montag, 8. April, 20 Uhr - 5. Sinfoniekonzert "Tristan und die Folgen": Schreker, Schönberg, Strauss, Mahler