Ellen Rehder hatte von Fechheim noch nie etwas gehört, auch nicht, wo der Neustadter Ortsteil überhaupt auf der Landkarte liegen könnte. Sie kommt aus Bremen. Erst im afrikanischen Tansania, in Matamba, wurde Ellen auf Fechheim aufmerksam.

Die 19-Jährige arbeitete nach ihrem Abitur 2012 für ein halbes Jahr als Freiwillige im Waisenhaus/Kindergarten von Matamba. Das ist die Partnergemeinde der Kirchengemeinde von Fechheim. Aus den Anfangsbuchstaben der Gemeindenamen entstand vor über 20 Jahren der Fema-Kreis. Der setzte sich ein Ziel: gelebte Nächstenliebe.

Der jetzige Bischof der Süd-West-Diözese Tansanias, Job Mbwilo, war von Juni 1987 für vier Jahre mit seiner Familie in der Fechheimer Kirchengemeinde tätig. Jahre, in denen eine freundschaftliche Verbindung zum Heimatort des heutigen Bischofs Jahr für Jahr wuchs, bis zum heutigen Tag. Kein Wunder also, dass Ellen Rehder von den Fechheimern im Gemeindehaus bereits sehnsüchtig erwartet wurde, um von ihrem Matamba-Aufenthalt zu berichten.

Daheim christlich geprägt, ging Ellen Rehder Afrika und die Entwicklungshilfe nicht mehr aus dem Kopf. Bereits vor zwei Jahren war sie mit ihrer Tante Petra, die sich in der Lübecker Partnergemeinde von Tansania engagierte, für vier Wochen dort. "Da habe ich erlebt, wie faszinierend diese Arbeit ist, und dorthin wollte ich für eine längere Zeit", hatte sich Ellen vorgenommen.

Kurs in Kisuaheli

Durch das Missionswerk entstanden Kontakte und dann ging alles ganz schnell. Im Netzwerk mit anderen Organisationen gab es zuvor einen Crashkurs in der Kisuaheli-Sprache. Ein weiterer Sprachkurs, eine Mitarbeitertagung und ein Gesundheitsseminar erfolgte dann in Tansania. Anfang August 2012 hob der Flieger von Hamburg ab.

"Vorher war bei mir nur Vorfreude, bis es dann weg ging", erzählte Ellen Rehder im Fechheimer Gemeindehaus beim gemeinsamen Abendbrot, bevor die Zuhörer den Saal füllten. Nach der Brotzeit, die Heidrun Mücke zubereitet hatte, lauschte das Publikum Ellens Erzählung über die aufregende Zeit in Matamba, zu der sie zahlreiche Fotos mitgebracht hatte. "Ich möchte meine Erfahrungen mit allen Menschen teilen", sprudelte Ellen voller Begeisterung. In Magoye auf dem Diözesengelände hatte sie gewohnt. "Da habe ich erst erfahren, dass dort nicht nur ein Waisenhaus steht, sondern auch ein Kindergarten und eine Frauengruppe, hinter der eben Fechheim steht".

Vom Pfarrer der Diözese wurde sie bei ihrer Ankunft abgeholt. "Das geniale war, obwohl wir nicht in der gleichen Sprache gesprochen haben, haben wir uns die ganze Zeit, 90 Minuten lang unterhalten". Erfrischend erzählte Ellen vom Kindergartenalltag, vom Fema-Haus und der Arbeit der Fema-Frauen. Viele Erlebnisse hatte sie mit der Kamera festgehalten. "Die Kamera war die Attraktion für die Kinder".
Zwei Erzieherinnen sorgten für rund 50 Kindergartenkinder (von einem bis sechs Jahren) sowie eine Köchin, die ebenso für das Putzen zuständig war.

Maisbrei und Prügel

Fast jeden Tag gab es Maisbrei mit Bohnen oder Maisbrei mit Milch und Zucker. "Ich fand es lecker und vermisse es jetzt ein bisschen", meinte Ellen. Bereits im Kindergarten wurde unterrichtet. "Ich fand es schwierig, so kleinen Kindern etwas beizubringen. Auch das war ein Teil meiner Arbeit, ich habe es versucht. Habe jedoch nicht gesehen, dass es funktionieren kann. Pädagogisch ist es nicht wie in Deutschland. Es gilt eben: andere Länder, andere Sitten. Zudem gehört die Prügelstrafe zu Tansania, auch in Familien. Das habe ich vorher gewusst. Aber das zu sehen, das ist schon heftig. Das hat mich berührt, ich war sehr betroffen. Aber die Kinder wussten, die Freiwillige schlägt nicht zu", und das hatten die Kids schnell heraus.

Bei Ellen Rehder mussten sie nicht unbedingt aufpassen oder zuhören. Jedoch hinterfragten die Kinder, was richtig ist. Ob Gott es wolle, dass Kinder geschlagen werden. Hatten nun die schlagenden Erzieherinnen Recht oder Ellen, die Prügel als Strafe nicht kannte. Rehder: "Aber die Kinder haben erkannt, dass es eine Alternative gibt und das ist schon viel wert für ihr späteres Leben."

Begeisterung ohne Schläge

Sie begeisterte die Kinder lieber mit Wettbewerben samt Siegern für die Aufnahmeprüfung zur Grundschule. In den Pausen konnten die Kinder zur Mittagszeit sich hinlegen oder auf der Wiese spielen. Zwischen 15 und 16 Uhr gingen sie nach Hause.

Mit sechs Jahren kommen die Kinder in die Schule, "Bildung hat dort einen großen Stellenwert", berichtete Ellen Rehder. Zur Weihnachtszeit bastelte sie mit den Kleinen Krippenfiguren, backte Weihnachtsplätzchen und schenkte jedem Kind sein eigenes gerahmtes Foto. "Das war etwas ganz Besonderes", erinnerte sich Ellen. Im Waisenhaus haben zwölf Kinder ein Zuhause gefunden und gehen alle zur Schule. Dort leben die Sechs- bis Neunjährigen in einer fröhlichen Gemeinschaft und wachsen in liebevoller Atmosphäre auf, erzählte Ellen. Sie kümmern sich selbst um den Haushalt, waschen zum Teil ihre Wäsche selbst, passen gegenseitig auf und haben zudem genügend Zeit zum Spielen.

Auf dem großen Fema-Gelände, auf dem sich die Kinder frei bewegen können, gibt es noch einen Hühner- und einen Schweinestall, mit einem Schwein. Fleisch auf den Tisch gibt es nur einmal in der Woche. Zudem helfen die Kinder bei der Ernte in den Fema-Gärten, schauen gern Fernsehen und sind sicher, was das TV sagt, das stimmt.

Abends werden die freilaufenden Hühner eingefangen, was den Kids eine Mordsgaudi bringt.
Im Alltag gehe es locker und spontan zu, berichtete Ellen. "Man kann nicht immer planen und diese Mentalität tut auch gut." Wenn nicht gearbeitet wurde, spielte Ellen mit den Kindern. Es wurde gesungen, getanzt, gemalt, Musik gehört, herumgealbert oder im Garten Ball gespielt. Gekuschelt wurde auch, in der Bibel gelesen und Märchen erzählt. Davon bekamen die Kinder nie genug.

"Die Kinder waren unheimlich lieb, das hat mich richtig gefreut. Es waren meine Kinder, die mir ans Herz gewachsen sind." Kein Wunder, dass beim Abschied im Februar die Kinder Ellen um den Hals fielen und bettelten: "baki", bleib hier.

Geschenk aus Kaffeetüten

Fema-Vorsitzende Heidrun Mücke sagte: "Alle, die zum Vortrag gekommen sind, haben dazu beigetragen, dass diesen Kindern dieses Leben ermöglicht wird und Ellen hat ihnen Zuneigung geschenkt." Zum Dank erhielt Ellen einen schicken Shopper, den Larissa Kob aus Kaffeetüten nähte. Diese Shopper können für zehn Euro bei Heidrun Mücke erworben werden. Der Erlös kommt Fema zur Verwirklichung der Projekte zugute.
Im Anschluss berichtete Ellen von ihrem Treffen mit Bischof Mbwilo: "Er hat ganz viel von Fechheim erzählt und diese Zeit ist in ihm ganz lebendig."

Im kommenden Jahr werden sich die Fechheimer wieder auf die Reise nach Matamba begeben, sie pflegen ihre Partnerschaft und können sich überzeugen, dass ihre Spenden dort hundertprozentig ankommen.