Trockenperioden, Schädlingsbefall, Waldsterben. Seit einigen Jahren macht das Ökosystem Wald auch im Landkreis Coburg oft Negativschlagzeilen. Doch wie steht es wirklich um die Wälder und wie müssen sie in Zukunft aussehen?

Christoph Hübner, Bereichsleiter Forsten des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Coburg, hat eine klare Meinung zum Thema Waldsterben: "Ich würde es nicht als Waldsterben bezeichnen, da nicht der Wald an sich stirbt und die Bäume unterschiedlich auf d ie Bedrohungen reagieren. Zumindest sehe ich noch sehr viel Wald draußen stehen." Auch Manfred Herter von der Waldbauernvereinigung Coburger Land findet den Begriff nicht zutreffend: "Der Begriff war bereits seit 1981 bekannt und wurde auch in Frankreich benutzt. Damals waren saurer Regen und Schwefel-Immissionen die Ursache. Die aktuelle Situation ist eine vollkommen andere, weil sie weitgehend global wirkt." Er beschreibt die aktuelle Lage als eine "Selektion der Baumarten durch außergewöhnliche Klimaverhältnisse". Und der Klimawandel habe Mitteleuropa sehr hart getroffen.

Waldsterben: Überzogen oder Realität?

Der Wald sortiert also aus. Wer darf in Zukunft noch bleiben und für wen sieht es schlecht aus? Besonders Nadelbäume wie die Fichte leiden unter den Bedingungen: "Würden in unserem Gebiet die Nadelholzarten nicht vorherrschen, dann wäre die Wahrnehmung in der Bevölkerung eine ganz andere", sagt Herter. Ist der Begriff Waldsterben also eine Frage der Wahrnehmung, Perspektive und des Standortes? Eigentlich egal, meint Herter, denn "es ist es wichtig, dass es die Öffentlichkeit und die Politik endlich begriffen hat, wie schlimm es um den Waldzustand aussieht." Sicher ist also, dass die Klimaverhältnisse den Wald zur Anpassung zwingen, aber Waldsterben ist das nicht. Nur die Bäume, die am besten mit den Veränderungen klarkommen, werden überleben und die nächste Generation stellen. Die Frage ist, wer werden diese Gewinner sein werden?

Bestandsaufnahme: Der Wald von heute

Der Begriff Waldsterben scheint für viele also nicht ganz treffend. Aber mal losgelöst von den Begrifflichkeiten: Wie steht es denn nun wirklich um das heimische Ökosystem? Im Vergleich mit ganz Bayern hat es Coburg durchaus erwischt, sagt Hübner. Maßgeblich dafür verantwortlich seien die klimatischen Veränderungen: "Hohe Sommertemperaturen in Kombination mit langen Trockenphasen. Das sind unsere Baumarten nicht gewohnt und dafür sind sie auch nicht gemacht." Ein weiteres Problem ist, dass Schädlinge von den warmen und trockenen Bedingungen profitieren und von den durch die Bedingungen geschwächten Bäumen. "Also doppeltes Unglück aus Sicht der Bäume."

Wie Albert Schrenker, Forstbetriebsleiter in Coburg berichtet, hat auch der Staatswald darunter gelitten: "Besonders die Fichte hatte mit dem Borkenkäfer und der Trockenheit sehr zu schaffen." Etwas, das man den Wäldern durchaus ansieht, denn in Coburg gibt es, wie auch in ganz Bayern eine hohe Dichte an Fichten. Aber auch Kiefern und Buchen haben Probleme: "Die Kiefer mag keine Wärme und die Buche hat Probleme bei Trockenheit, weil sie durch ihr Laub viel transpiriert", erläutert Schrenker. Doch nicht nur im Staatswald, merkt man die Veränderungen. "Der Klimawandel macht sicher nicht vor Besitzgrenzen halt. Betroffen waren alle in gleicher Weise", sagt Hübner. Ein Unterschied zwischen Privatwald, Kommunalwald und Staatswald lässt sich nicht feststellen, bestätigt auch Herter. Um den Entwicklungen entgegenzuwirken, werden die Wälder seit vielen Jahren umgebaut. Aber auf welche Bäume setzt man zukünftig in Coburg?

"Eine Buche ist kein Kaktus"

Wie anpassungsfähig an Veränderungen sind die heimischen Bäume? Das sei eine Frage des Alters, erklärt Hartmut Balder, Professor für Phytopathologie und Pflanzenschutz im urbanen Bereich, der das Baumprojekt "Grünes Labor" in Coburg seit 21 Jahren wissenschaftlich begleitet. "Bäume haben eine Art Gedächtnis. Wenn sie eine Situation schon erlebt haben, können sie darauf zurückgreifen und sich anpassen." Die Vorbereitung fängt schon in den Kinderschuhen an. "Wenn Jungpflanzen im Luxus erzogen werden, also zu sehr gedüngt, zu viel gewässert werden, dann werden sie verwöhnt."

"Die Anpassungsfähigkeit der Individuen, die aktuell draußen stehen ist sicherlich beschränkt", meint Hübner. Insbesondere mit Blick auf extreme Wetterlagen, die es in den letzten Jahren gab, hatten viele Bäume zu kämpfen. Man kann aus diesen Perioden aber Rückschlüsse für die Zukunft ziehen, so Hübner: Bäume, die heute noch draußen stehen, sind unter ganz anderen klimatischen Bedingungen aufgewachsen. Es sind die Individuen, die am besten mit den Verhältnissen zurechtkamen. Die nachfolgende Generation dieser Bäume könnte deutlich besser mit diesen Wetterphänomenen fertig werden. Mit ihnen müsse man die Bestockung sichern, so Herter

Jede Baumart hat ihre Grenzen

Diese Bäume haben eine Chance, aber auch nur, wenn die Veränderungen nicht im selben Ausmaß und Tempo weitergehen, meint Hübner und erläutert: "Das Problem ist, dass Bäume sehr lange Generationsfolgen haben, weshalb nicht jedes Jahr ein ,neuer Wald' einen Versuch wagt." Auch Balder bestätigt: "Was funktioniert, erfahren wir nicht in fünf Jahren. Doch "aus einer Buche wird niemals ein Kaktus werden. Sprich, jede Baumart hat ihre arteignen Grenzen", erklärt Hübner. "In Zukunft brauchen wir Bäume, die tief wurzeln, damit sie ans abgesackte Grundwasser kommen", sagt Balder. Versuchsweise setzt man deshalb auch auf Bäume wie Edelkastanie oder Baumhasel, die aus den Weinbauregionen Südosteuropas, Südwestdeutschlands, der Schweiz und Frankreich stammen, so Herter.

Die Wald-WG

"Suche Wärme und Trockenheits-resistenten Mitbewohner, für vielfältige, bodenständige und langfristige Wohngemeinschaft (WG). Du solltest unkompliziert, belastbar und flexibel sein."

So könnte die Anzeige für den Wald-Mitbewohner von morgen aussehen, denn das Ökosystem ist einer WG gar nicht so unähnlich. Beide bestehen aus vielen unterschiedlichen Individuen, die alle ihre Stärken und Macken mitbringen. Meistens funktioniert das Zusammenleben ganz gut. Aber ab und an muss jemand ausziehen, weil die Lebensumstände sich verändern oder er mit den Mitbewohnern nicht mehr klar kommt. Also beginnt die Suche nach dem neuen "perfekten" Mitbewohner.

Wie eine WG gewinnt auch der Wald durch Vielfalt. Sie "bringt Stabilität, wenn etwas passiert, denn ein Teil wird überleben", sagt Balder. Ein standortangepasster Mischwald mit mindestens fünf bis sechs unterschiedlichen Baumarten sei, laut Herter, der richtige Weg. So sieht es auch Hübner: "Auf die klimatischen Veränderungen können wir nur reagieren, indem wir eine möglichst breite Palette an Baumarten anbauen, um so das Risiko größtmöglich zu verteilen. Denn keiner weiß, welcher Schädling in 50 Jahren relevant ist."

Also wie sieht sie nun aus, die Wald-WG von morgen? "Anders... wahrscheinlich deutlich laubholz- und baumartenreicher. Möglicherweise aber auch auf Teilflächen eher buschlandartig", prognostiziert Hübner. "Ich glaube wir müssen unsere Erwartungen, was ein Wald ist, neu definieren", bestätigt Balder. Sicher ist, dass der Wald sich verändern muss, sagt Schrenker. Wie er genau aussehen wird, das kann keiner sagen, aber "viel hängt von unserem Verhalten ab, wie wir uns benehmen".