Der 28. September 1991 wird Ernst Fleischmann sein Leben lang in Erinnerung bleiben. Heute vor 30 Jahren ist der erste Zug nach dem Mauerfall von Neustadt nach Sonneberg gefahren. Trotz politischer Prominenz mit Staatssekretären aus München und Berlin, Führungskräften der Deutschen Bahn und allen wichtigen Akteuren der fränkisch-thüringischen Kommunalpolitik: Der Mann des Tages war Ernst Fleischmann. Er war der Zugführer der offiziellen Lückenschluss-Fahrt vor tausenden von Zuschauern entlang der Strecke.

Es war ein Jahrhundertereignis

Zum ersten Mal zwischen den beiden vier Jahrzehnte lang getrennten Nachbarstädten unterwegs war Ernst Fleischmann schon anderthalb Wochen zuvor: Am 19. September rollte der erste Werkstattzug Richtung Sonneberg. Das weiß der heute 83-Jährige noch heute so genau, weil sogar für diese nur betriebsinterne Sonderfahrt Erinnerungsschilder geprägt wurden. Die hat sich Ernst Fleischmann ebenso aufgehoben wie allerlei Utensilien der offiziellen Lückenschluss-Fahrt. Die hat er aber, bis auf ein paar wenige ganz persönliche Gegenstände, bereits der Stadt Neustadt vermacht. Die wird sie in ihrem Archiv verwahren. Als Belege für "ein Jahrhundertereignis", wie sich Ernst Fleischmanns Ehefrau Inge - sie saß damals auch im ersten Zug nach Sonneberg - erinnert.

Diesen Zug zu führen - das war für Ernst Fleischmann ein Lebenstraum. Zumindest ab dem Zeitpunkt, an dem klar wurde, dass die Zugstrecke Neustadt-Sonneberg wieder aktiviert werden sollte. Er wohnte schließlich in Wildenheid nicht weit weg von der Bahnstrecke, die nach der deutsch-deutschen Teilung schnell geschlossen und auch abgerissen wurde. Um sich lebhaft an den Abbau der Gleise erinnern zu können, dafür war Ernst Fleischmann nach dem Zweiten Weltkrieg noch zu klein. Aber er weiß noch, was damals erzählt wurde: "Die Russen haben das ganz schnell gemacht." Aber fast genauso schnell legten die Deutsche Bundesbahn (West) und die Deutsche Reichsbahn (Ost) nach der Wende los und reaktivierten die Strecke. Nicht einmal ein Jahr nach dem Tag der Deutschen Einheit war der Lückenschluss geschafft. Das war so einfach nicht, weil es auch auf Neustadter Seite einiges zu erledigen gab. So musste unter anderem in der Wildenheider Straße kurz hinter der Frankenhalle eine neue Brücke für die Bahnlinie gebaut werden. Die alte war schon längst abgerissen.

Immer schön wachsam bleiben

Zu dieser Zeit saß Ernst Fleischmann mit dem Titel des Lokbetriebsinspektors in der Zentrale in Lichtenfels. "Eigentlich war ich da die meiste Zeit am Schreibtisch", erzählt Ernst Fleischmann. Aber diese Fahrt ließ er sich nicht nehmen, zumal er natürlich im Besitz der nötigen Ausbildungsbescheinigung für den eingesetzten Lokomotiv-Typ war. Bereits die Probefahrt mit dem Werkstattzug war für den Wildenheider aufregend. Alleine schon deshalb, weil bei dieser eine historische Lokomotive der Baureihe E44119 im Einsatz war. Diese hatten Ernst Fleischmann und Kollegen für den Betrieb als Museumslokomotive gerettet. Sie steht auch heute noch im Nürnberger Bahn-Museum. "Die Messungen waren aufwändig. Klar, bei 15000 Volt auf den Leitungen", erzählt Fleischmann. Aber da lief alles glatt.

Dann der große Tag: der Samstag, 28. September. Alte Tageblatt-Aufnahmen von diesem Tag zeigen, dass wahre Menschenmassen entlang der Gleise von Neustadt nach Sonneberg standen. Dass Ernst Fleischmann, Wildenheider Original und als engagierter Geflügelzüchter mittendrin im gesellschaftlichen Leben, da haufenweise bekannte Gesicher in der Menschenmenge entdeckte, versteht sich von selbst. "Da hat der gute Ernst natürlich immer wieder aus dem Fenster gewunken", erinnert sich der Pensionär. Das mit dem Winken ging so lange gut, bis der Zugführer vor lauter Begeisterung vergaß, die Wachsamkeitstaste zu drücken. Die hatte schon damals jede Lok eingebaut. Wird die Wachsamkeitstaste nicht in regelmäßigen Abständen gedrückt, gibt es einen Nothalt - es könnte ja was mit dem Zugführer passiert sein. "Die Bremsung erfolgt selbst dann, wenn man nur langsam kurz vor Sonneberg dahin rollt", er zählt Ernst Fleischmann und lacht.

Immer wieder hin und her

Die Konzern-Oberen der Bahn haben nach Fleischmanns Erinnerung ganz schön wild mit den Armen Richtung Führerstand gefuchtelt, weil sie nicht wussten, was los war. Aber zum Glück setzte Ernst Fleischmann seine Lokomotive schnell wieder in Betrieb und die Fahrt ging weiter. X-Mal pendelte Ernst Fleischmann an diesem Tag hin und her. Denn er hatte sich nur die Premierenfahrt, sondern die gesamte Schicht für den 28. September im Dienstplan gesichert. So blieb für ihn zwar keine Gelegenheit, um diesen großen Tag Neustadter Stadtgeschichte gebührend zu feiern - aber was Wissen, bei einem historischen Moment eine bedeutende Rolle gespielt zu haben.