Mit gesenktem Kopf laufen Menschen durch die Stadt. Das Handy in der Hand verändert unsere Körperhaltung. "Nicht nur wir designen Handys, diese Geräte gestalten auch unser Verhalten", sagt Professor Michael Markert. "Wenn man sich als Designerin oder Designer darüber bewusst wird, eröffnet sich ein großes Spektrum an Möglichkeiten."

Markert ist seit dem Sommersemester Professor für Designbasics, Interaction & Digital Transformation an der Hochschule Coburg und Studiengangsleiter für den Bachelor Integriertes Produktdesign. "Produkte sind nicht immer Objekte mit einer bestimmten Formgebung", erklärt er. "Es können auch digitale Produkte sein, die nur virtuell existieren. Oder nur ein Service."

Die technischen Möglichkeiten haben durch die Digitalisierung enorm zugenommen, aber nicht immer wird bei neuen Entwicklungen auch das Nutzungsverhalten der Menschen berücksichtigt. "Das kennt jeder, der schon mal versucht hat, im Bus was zu tippen: Und dann geht die Schüttelgeste an und macht das rückgängig, was man geschrieben hat." Der digitalen Welt fehlt's noch an Design: "Das alles muss konzeptionell, ethisch, aus Datenschutz- und ergonomischen Gesichtspunkten und durch zielgruppen- und altersgerechte Ansprache gestaltet werden."

Entscheidend ist die Frage, was die Leute mit den Produkten machen. Wie werden sie genutzt? Und wo? Sehr oft mobil. "Wenn wir Handys unterwegs so verwenden, dass wir dabei gegen eine Straßenlaterne laufen, kann man davon ausgehen, dass dieser Vorgang nicht bewusst gestaltet ist", sagt Markert. "Sobald man eine App im Gehen verwendet, müsste das Interface darauf reagieren und zumindest den Text vergrößern - oder eine ganz andere Ausgabe bieten, die nicht visuell ist."

Markert hat beispielsweise eine Möglichkeit getestet, um bei der Navigation statt Sprachbefehlen und Kartendarstellung auf dem Handy akustische Signale zu nutzen. "Ein bisschen wie bei den Fußgängerampeln für Sehgeschädigte: Tok, tok-tok-tok. Man hört, woher das Geräusch kommt, und kann sich daran orientieren." Genau wie das Auge kann auch das menschliche Ohr Räume erfassen. Raumklang lässt sich simulieren. Audio Augmented Reality (oder Audio-AR) ist eines der Experimentierfelder im Interaktionsdesign, die der Professor auch den Studierenden nahebringt.

Zur Ars Electronica im österreichischen Linz hat er im Herbst 2019 die App "Stereospacer: Nature Space" gestaltet. Mit halboffenen Kopfhörern tauchen die Nutzer beim Stadtspaziergang in eine andere Welt ab: "Wer physisch über die Donaubrücke geht, kommt virtuell in eine Klanglandschaft unter Wasser. Da gibt's Tiefseegeräusche, einen Taucher und an einer Stelle einen Wal." Beim Spaziergang kann Vögeln gefolgt werden, Insekten oder einem Sturm. "Das verändert den Stadteindruck, die Wahrnehmung des Raumes."

Markert sieht die digitale Transformation als große Chance für Designer. Vor seinem Ruf an die Hochschule Coburg war er im akademischen Lehrbereich unter anderem an der Bauhaus-Universität Weimar tätig, außerdem als Gastprofessor an der State University of New York at Buffalo. Er hat gerade seine Promotion in Architektur abgeschlossen, zudem hat er viele Jahre Erfahrung als Freiberufler, ist ausgebildeter Designer und Künstler. Gelebt hat der gebürtige Nürnberger jetzt ein Jahrzehnt lang in Weimar. "Coburg liegt in der Mitte und ist für mich die perfekte Verbindung", sagt er. Das fänden auch seine Eltern, sagt er und erklärt: "Sie haben sich in Coburg ineinander verliebt." nat