An der Spitze dreier der fünf Krankenhäuser im Regiomed-Klinikverbund stehen Frauen. Die Direktorinnen Dagmar-Astrid Wagner (Coburg), Eva Jungkunst (Lichtenfels) und Caroline Schubert (Hildburghausen und Schleusingen) trafen sich anlässlich des Internationalen Frauentages zu einem Erfahrungsaustausch. Eines eint sie: Sie raten allen Frauen, sich frühzeitig über die eigenen Ziele klar zu werden und sie konsequent zu verfolgen.

Was bedeutet Ihnen der Internationale Frauentag?
Wagner: Er ist wichtig. Aber in einem weiterentwickelten Verständnis. Das ist nicht mehr so wie in den 70er-Jahren in Deutschland, als noch um Grundlegendes gekämpft werden musste. Ich finde, dass die Unterdrückung der Frau mittlerweile in der west-europäischen Kultur weniger ein Thema ist. Heute steht für mich die Wahrnehmung im Vordergrund, dass Frauenrechte noch immer in vielen Ländern beschränkt sind. Man darf nicht aufhören, darauf hinzuweisen.
Jungkunst: Wertschätzung sollte an jedem Tag stattfinden, nicht nur an einem.
Schubert: So sehe ich das auch. Wertschätzung sollte jeden Tag gelebt werden. Wobei ich persönlich Wertschätzung beispielsweise nicht an sprachlichen Klimmzügen festmache. Aus meiner Sicht würde es genügen einmal im Text auf Geschlechterneutralität hinzuweisen. Ich persönlich fühle mich nicht gleich übergangen, wenn in einem Text keine durchgängige Geschlechterunterscheidung stattfindet.
Wagner: Das sehe ich anders. Ich spreche in meinen Reden und Texten immer beide Geschlechter explizit an. Es gibt aber ja auch die Möglichkeit, neutrale Begriffe zu finden, bei
denen sich beide angesprochen fühlen können.

Die Suffragetten, "Mein Bauch gehört mir", lila Latzhosen, BH-Verbrennung - alles mal Zeichen von Frauen-Protest gegen herrschende gesellschaftliche Normen - was sagt Ihnen das heute?
Schubert: Wir haben diesen Bewegungen viel zu verdanken. Und wir sind auch noch nicht am Ende. Ich finde es zum Beispiel bedenklich, dass wir eine Quote brauchen, damit Frauen die Chance bekommen, auf Führungsebenen zu agieren. Die Leistungen sollten ausschlaggebend sein - nicht das Geschlecht.
Jungkunst: Die Entwicklung in der Folge der Proteste war wichtig. Der Bewegung ist es zu verdanken, dass wir heute in der komfortablen Lage sind, dass es nicht mehr um männlich oder weiblich geht, sondern um die Qualifikation, das fachliche Können. Das ist sicher keine Selbstverständlichkeit.
Wagner: ...und das alles ist noch gar nicht so lange her. Wenn man bedenkt, dass meine Mutter die schriftliche Erlaubnis meines Vaters benötigt hätte, um berufstätig sein zu dürfen....
Jungkunst: In anderen Ländern ist das ja zum Teil immer noch so und schlimmer. Da reicht ein Blick auf die aktuelle Situation unserer Migranten, die einer völlig anderen Kultur entstammen, was die Regeln zwischen den Geschlechtern angeht. Da bleiben die Missverständnisse hier in Deutschland natürlich manchmal leider nicht aus.

Wurden Sie schon einmal von Männern diskriminiert oder hat sich jemand daneben benommen?
Wagner/Jungkunst/Schubert (unisono): Nein!
Schubert: ...aber man wird in einer Führungsrolle zunächst vielleicht etwas argwöhnischer
betrachtet. Aber schlussendlich wird man als Funktionsträgerin wahrgenommen. Nicht als Frau.
Wagner: Die Männer wissen mittlerweile, sich einer weiblichen Führungskraft angemessen
gegenüber zu verhalten.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Wagner: Ich bin niemand, der auf den Tisch haut. Ich suche einvernehmliche Lösungen auf
Augenhöhe und schätze sachlich-fachliche Auseinandersetzungen.
Schubert: Ich denke, dass Frauen oft zu mehr Empathie und Diplomatie fähig und eher an Deeskalation interessiert sind. Auch ich führe auf Augenhöhe und versuche, meine Mitarbeiter mitzunehmen.
Jungkunst: Ja, Frauen sind sicher emotionaler, empathischer. Sie können Schwingungen schneller wahrnehmen und interpretieren.
Schubert: Die Kunst ist, das Emotionale auch ausblenden zu können (lacht).

Welche Rolle spielt das Wort "Familie" in Ihrem Leben?
Wagner: Ich habe die beste Familie der Welt geheiratet, durch die ich sehr große Unterstützung erfahre. Aber so komfortabel haben es natürlich nicht alle berufstätigen Frauen. Ich würde mir wünschen, dass Mütter die arbeiten, weniger als Rabenmütter wahrgenommen würden. In Frankreich ist man da schon viel weiter.
Jungkunst: Einen Mann würde man so etwas vermutlich nicht fragen (lacht). Der Rückhalt der Familie ist natürlich wichtig. Ich freue mich übrigens zu sehen, dass es unter den frisch gebackenen Vätern unter unseren Mitarbeitern des Klinikums Lichtenfels selbstverständlich geworden ist, in Elternzeit zu gehen.
Schubert: Ja, das beobachte ich in unter meinen Mitarbeitern ebenso. Eine sehr erfreuliche Entwicklung! Und wie man mit dem Thema Familie umgehen kann, liegt natürlich auch an der jeweiligen Unternehmenskultur. Hier bei Regiomed ist die sehr positiv. Ich fühle mich da in nichts eingeschränkt. Ich sehe viele Frauen um mich herum, die ihre Arbeit mit Herzblut machen und daneben noch die Familie organisieren. Wenn man solche Macherinnen als Führungskraft im Team hat, kann man sich wirklich glücklich schätzen. Das verdient größten Respekt!

Was würden Sie jungen Frauen raten, die sich heute für einen Beruf entscheiden müssen?
Jungkunst: Viele Jugendliche - Jungen genauso wie Mädchen - haben keine genaue Vorstellung von dem, was sie einmal beruflich machen wollen - und nicht immer bringen Studien- oder Berufsberatung die gewünschte Klarheit. Das ist natürlich schlecht. Ich persönlich habe während meines BWL-Studiums mehrere Praktika in unterschiedlichen Abteilungen und Branchen gemacht, um herauszufinden, wie die Arbeitswelt funktioniert und was mir wirklich Spaß macht. Das hat sich bewährt.
Schubert: Unser Bildungssystem ist da sicher noch verbesserungsfähig. Schule und Studium sind teilweise zu fixiert auf theoretische Inhalte. Man startet in einen Beruf und hat von der Praxis erst mal keine Ahnung. Die Wirtschaft bietet inzwischen Trainee-Programme an. Und Praktika sind absolut zu empfehlen. Auch um herauszufinden, was man vielleicht nicht werden will.
Wagner: Je früher der Zielfindungsprozess beginnt, desto besser. Es muss eine Phase geben, in der man absolut ehrlich mit sich ist und sich eingesteht, worin man gut ist und worin eben nicht. Dann erschließt sich der Weg von alleine.
Schubert: Hilfreich sind natürlich auch Förderer, die in der Lage sind, das Potenzial in einem Menschen zu erkennen und es zu fördern, egal ob Mann oder Frau.
Jungkunst: Genau. Das ist mir zum im Rahmen der Personalauswahl ganz wichtig. Es zählen der Mensch und sein Profil. Nicht das Geschlecht oder das Alter oder sonst etwas. Wenn der Mensch zur Aufgabe passt, dann stellen wir ihn ein und entwickeln ihn weiter.

Welche Eigenschaft wünschen Sie anderen berufstätigen Frauen?
Jungkunst: Die Fähigkeit, auch mal über sich selbst zu lachen.
Schubert: Den Mut, einfach zu machen.
Wagner: Den Mut, Frau zu bleiben.

Die Fragen stellte Astrid Volk.


Information

Der Internationale Frauentag (International Women's Day) wird weltweit von Frauenorganisationen am 8. März begangen. Der Tag wird auch Weltfrauentag, Tag der Frau oder Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau genannt. Er entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen und kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin schlug auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen gegen den Willen ihrer männlichen Parteikollegen die Einführung eines internationalen Frauentages vor, ohne jedoch ein bestimmtes Datum zu favorisieren. Die Idee dazu kam aus den USA. Dort hatten Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) 1908 ein Nationales Frauenkomitee gegründet, welches beschloss, einen besonderen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren. Der erste Frauentag wurde dann am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. Seit 1921 findet der internationale Frauentag am 8. März statt.

Heute ist der 8. März in vielen Ländern ein gesetzlicher Feiertag. In der Volksrepublik China ist der Nachmittag für Frauen arbeitsfrei. Es gibt jedoch auch insbesondere politisch aktive Frauen, welche sich inzwischen gegen die Feier des Frauentags aussprechen. Die luxemburgische EU-Kommissarin Viviane Reding stellte dazu fest: "Solange wir einen Frauentag feiern müssen, bedeutet das, dass wir keine Gleichberechtigung haben. Das Ziel ist die Gleichberechtigung, damit wir solche Tage nicht mehr brauchen."
(Der Text wurde von www.kleiner-kalender.de entnommen)