Besuch im Allerheiligsten der Landesbibliothek Coburg. Vorbei an Regalen, die bis hinauf zur Decke beladen sind mit schweren Folianten. Ganz hinten im Depot, hinter den meterdicken Mauern der Ehrenburg, lagern die wertvollsten Bestände in zwei wuchtigen Safes. Der größere der beiden beherbergt auch eine Handschrift, die Mitte des 15. Jahrhunderts in Erfurt entstand - ein voluminöser, rund 270 Blatt umfassender Band.

Kaum zu taxieren

Der genaue Wert des großformatigen Bandes ist kaum zu beziffern, sagt Silvia Pfister, die Direktorin der Landesbibliothek. Das müsste letztlich der Markt entscheiden - aber auf weniger als eine Million würde sie das Unikat kaum taxieren. Für sie ist diese Handschrift fast so wertvoll wie die legendäre Spalatin-Chronik, deren drei Bände für jeweils eineinhalb Millionen Euro versichert werden, wenn sie zu Ausstellungszwecken auf Reisen gehen.

"Erfurter Moralität"

Der Grund, warum die Bibliotheks-Direktorin den historischen Handschriften-Band aus dem Tresor holt, liegt auf ihrem Schreibtisch: "Spiel von Frauen Ehre und Schande" steht auf dem schlicht gestalteten Cover des dickleibigen Textbandes, den Hans-Gert Roloff herausgegeben hat. "Erfurter Moralität" - unter diesem Titel wurde die Handschrift in den 1970er Jahren in der Wissenschaft zumindest registriert. Erst Roloffs Edition aber macht den Text nun der Forschung zugänglich - einen Text, der aus Pfisters Sicht gleich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich und zugleich für die Geschichte des Coburger Herzoghauses und für Coburg als Luther-Stadt von besonderer Bedeutung ist.

Auf geheimnisvolle Weise überlebt

Denn bei dieser "Erfurter Moralität" handelt es sich um ein sogenanntes "geistliches Spiel" - eine spezielle Form eines theatralischen Textes, die sich als Gattung im Mittelalter entwickelte. Die in Coburg gehütete Handschrift enthält gar den längsten Text eines solchen "geistlichen Spiels", der überhaupt bekannt ist - mit rund 18000 Versen.

Die Coburger Handschrift, das macht sie besonders wertvoll, ist die einzige Quelle dieser "Erfurter Moralität", die als ein sehr spätes Beispiel der Gattung gelten darf. In ihr künden sich, so Pfister, schon mancherlei vorreformatorische Gedanken an. Das "relativ komplexe Geschehen" stelle gleich drei biblische Gleichnisse auf dramatische Weise dar: das Gleichnis von den leichtgläubigen und den klugen Jungfrauen, das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus und das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Was passierte in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges?

"Tugenden und Laster treten in allegorischer Gestalt auf", erzählt Pfister. Einen benennbaren Autor hat dieses "geistliche Spiel" wie viele andere seiner Art nicht. Im Dunkel aber liegt nicht nur der Verfassername. Im Dunkel liegt auch, wie diese Handschrift in den Coburger Beständen gerettet wurde. Sie zählte schließlich ursprünglich zur Bibliothek von Herzog Johann Friedrich dem Mittleren, dem Vater des späteren Coburger Herzogs Johann Casimir. 1589 kam diese Bibliothek nach Coburg und galt eigentlich als in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges zerstört.

Erst sehr viel später stellte sich heraus, dass einzelne Bände dieser Bibliothek "auf geheimnisvolle Weise überlebt" haben, wie Silvia Pfister konstatiert. Franz Georg Kaltwasser, der damalige Leiter der Coburger Landesbibliothek, entdeckte jedenfalls in den 60er Jahren die Sammelhandschrift in den Coburger Beständen wieder.
Ein Mikrofilm der "Erfurter Moralität" schließlich diente Hans-Gert Roloff als Quelle für seine Textedition.

Von der Handschrift bis zur Forschung

Mindestens zehn Jahre habe Roloff an diesem Projekt gearbeitet, schätzt Pfister. "Ich freu‘ mich darüber, dass dieser Text jetzt endlich gedruckt vorliegt. Das macht mich glücklich. Der Text wird damit jetzt für die wissenschaftliche Öffentlichkeit zugänglich gemacht." Auf dieser Basis könne man nun auch einmal in einem Seminar mit diesem Text arbeiten. "Eine wissenschaftlich fundierte Textausgabe ist immer der Zwischenschritt zwischen einer Handschrift und ihrer Erforschung", sagt Pfister.

Rechzeitig zum Luther-Jubiläum

Dieser Schritt ist im Falle der "Erfurter Moralität" nun getan - durchaus noch rechtzeitig vor dem großen Luther-Jubiläum des Jahres 2017. Denn im Lichte der Reformation mit dem Thesenanschlag von 1517 erhält dieses späte Beispiel eines "geistlichen Spiels" eine besondere Beleuchtung. Immerhin setzte die beginnende Reformation jener Gattung ein Ende. Nur vereinzelt hielt sich der Typus des "geistlichen Spiels" bis in die Gegenwart wie im Falle der Oberammergauer Passionsspiele, die 1634 und damit lange nach der Reformation begründet wurden.

Mittelalterliches Drama und Coburgs Herzogshaus


Geistliches Spiel bezeichnet das Drama des europäischen Mittelalters, das im Rahmen der kirchlichen Liturgie entstand. Den Gläubigen wurde das christliche Heilsgeschehen dabei in dramatischer Gestaltung vorgeführt. Es entwickelte sich seit dem 10. Jahrhundert im Rahmen kirchlicher Feiern aus dem Tropus und wurde anfangs in Kirchen aufgeführt. Im 14. Jahrhundert aber verlagerte es sich auf Marktplätze oder auch in weltliche Säle. Gleichzeitig setzte sich die Volkssprache anstelle der lateinischen Sprache durch. Als bedeutendste Form des geistlichen Spiels in Deutschland gilt das spätmittelalterliche Passionsspiel. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird das geistliche Spiel immer mehr verdrängt. Nur ganz vereinzelt hat es sich bis in die Gegenwart erhalten wie etwa in der Form der bekannten Oberammergauer Passionsspiele (seit 1634).

Johann Friedrich der Mittlere, 1529 in Torgau geboren, war ein Fürst aus der ernestinischen Linie der Wettiner und führte den Titel eines Herzogs zu Sachsen. Aus seiner zweiten Ehe mit Elisabeth, Tochter des Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz, ging auch Johann Casimir hervor (1564 bis 1633), der später Herzog von Sachsen-Coburg wurde. Johann Friedrich der Mittlere starb im Jahr 1595 in Haft auf Schloss Steyr in Oberösterreich.