Im Februar 1945 beschlossen die drei alliierten Mächte USA, Großbritannien und die Sowjetunion, Deutschland in Besatzungszonen aufzuteilen, wenn der Zweite Weltkrieg zu Ende gebracht war. Das war am 8. Mai 1945 der Fall: Deutschland kapitulierte. Die US-Truppen hatten den südlichen Teil des Gebiets erobert, das den Sowjets zugeschlagen worden war. Am 1. Juli 1945 begannen sie, sich von dort zurückzuziehen; gleichzeitig ermöglichten die Sowjets den Amerikanern, Briten und Franzosen den Einzug in Berlin, das ebenfalls geteilt wurde.

Die Einteilung der Besatzungszonen richtete sich nach den Grenzen von 1937. Was aber, wenn sich die Alliierten darauf verständigt hätten, für die Aufteilung der Gebiete westlich von Oder und Neiße die Grenzen des Deutschen Reichs von 1918 zu verwenden, als es all die Königreiche und Fürstentümer noch gab? Und was, wenn sie entschieden hätten, dass das Staatsgebiet des ehemaligen Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha der sowjetischen Zone zugeschlagen würde? Das hätte zwar einiger Begradigungen bedurft, weil die Exklave Königsberg rundherum von Bayern umgeben war, aber vielleicht hätten die Amerikaner dafür ein größeres Stück von Berlin für sich herausgehandelt.

Unbestätigten mündlichen Überlieferungen zufolge haben russische Truppen 1945 tatsächlich immer wieder versucht, Bereiche des Coburger Gebiets zu beanspruchen, das als Teil Bayerns zur amerikanischen Besatzungszone gehörte. Der Coburger Hobbyhistoriker Jürgen Schmidt konnte aber anhand der Truppenberichte der US-Army nachweisen, dass es war einzelne Übergriffe gab, aber nie den Versuch, das Coburger Gebiet der sowjetischen Zone anzugliedern.

Was aber, wenn das ehemalige Coburger Staatsgebiet eben doch zur Sowjet-Zone gehört hätte? Dann hätten sich die Amerikaner auch von hier zurückgezogen nach Seßlach, Gleußen, Mitwitz und Lichtenfels. Das Coburger Land wäre im weiteren Verlauf der Geschichte Teil der DDR geworden.

Wie wäre dort die Entwicklung verlaufen? Wir haben uns an einem Szenario versucht, gestützt auf Historiker, eigenes Erleben, Zeitzeugenberichte. Diese Fiktion der Zeit von 1945 bis 1989 soll nichts von dem Leid schmälern, das viele Menschen in der Sowjetzone und in der späteren DDR erfahren haben. Es soll weder einen Unrechtsstaat verharmlosen noch soll es den Westen glorifizieren.

Unser Szenario eines "Coburg im Osten" geht davon aus, dass die deutsch-deutsche Geschichte nach 1945 so verlief, wie sie es tat - nur in Coburg nicht. Die Bewohner der Region hätten erlebt, was die Bürger in Südthüringen tatsächlich erlebt haben. Viele hätten in den 40er-Jahren versucht, die Stadt zu verlassen und sich vermutlich in der näheren bayerischen Umgebung niedergelassen. Die Stadt wäre nicht Sitz der HUK-Coburg geworden, und der Coburger Convent hätte sich eine andere Kongress-Stadt suchen müssen. Die Region hätte vermutlich lange von der industriellen Substanz der Vorkriegsjahre gelebt. Die Welt wäre bis in die 70er-Jahre hinein hinter Rossach zu Ende gewesen. Dann - davon gehen wir in unserem Szenario aus - wäre bei Rossach ein Grenzübergang geschaffen worden, so, wie er in der Realität bei Rottenbach entstand.

Weil Coburg sehr exponiert in Grenznähe gelegen hätte, hätte die DDR hier wahrscheinlich versucht, Errungenschaften des Sozialismus zu zeigen wie neue moderne Wohngebiete. Sie hätte vermutlich auch die Altstadt und das Wahrzeichen, die Veste, erhalten. Coburg hätte weniger historische Gebäude verloren als in der Realität.

An der Grenze bluten die Dörfer aus

Ab 1952 weist die DDR Grenzsperrgebiete aus, die nur mit Passierschein betreten werden können. Das betrifft zum Beispiel Rossach und Großheirath (Schleifenhan war schon seit 1811 bayerisch). Auch zwischen Scheuerfeld und Schorkendorf wachsen Sperren empor. Als 1961 der Bau der Mauer beginnt, gehört dieser Abschnitt der Grenze schnell zu den stark gesicherten. Ab den 70-er Jahren betreibt der westdeutsche Bundesgrenzschutz (die Kaserne befindet sich am Ortsausgang von Seßlach in Richtung Witzmannsberg) bei Schorkendorf einen Aussichtsturm mit Blick auf die Grenzanlagen und die Veste, die über die Wüstenahorner Plattenbauten hinausragt.

Viele Orte im Grenzgebiet lässt die DDR einfach ausbluten: Es werden einfach keine Zuzüge erlaubt, auch nicht die von Ehepartnern. Somit nimmt die Einwohnerzahl langsam aber stetig ab. Andere Orte erfahren Zuwachs, weil dort Grenztruppen angesiedelt werden - in eigenen Unterkünften, etwas abseits der Dörfer.

Ein Übergang im Süden für Einreisende

Anfang der 70er-Jahre hofft die Region auf einen eigenen Grenzübergang. Tatsächlich hat sie Glück: Die B4 (in der DDR F4) wird als grenzüberschreitende Verbindung ausgewählt, Rossach wird - aus bayerischer Sicht - das Tor zum Osten im Norden. In den Folgejahren nutzen etliche Exil-Coburger, die sich im südlichen Itzgrund, im Raum Lichtenfels oder Ebern niedergelassen haben, den "kleinen Grenzverkehr", um Verwandte oder die Veste zu besuchen und um auf dem Coburger Marktplatz Bratwurst zu essen. Jeder Einreisende muss pro Tag erst 15, später 25 DM in 25 Ost-Mark umtauschen. Das Geld setzen die Besucher meist in Bücher, Bratwürste und Bier um. Außerdem lassen sie D-Mark in den Intershop-Läden. Dort gibt es billige Zigaretten, aber auch Dinge aus der Region, die ohnehin zum Export bestimmt sind: Spielzeug, Deko-Porzellan und Christbaumschmuck. Die Besuche bleiben meist einseitig: Ausreisen in die Bundesrepublik dürfen DDR-Bürger nur in besonderen Fällen.

Verkehr: Die Bahn bleibt auf den Gleisen

as Coburger Land liegt 1945 an der Linie der Werrabahn und an der Fernstraße 4 - beides nicht die schnellsten Verbindungen. Eine bessere Anbindung in Richtung Norden (Berlin) bleibt über die Jahre hinweg Thema, doch der DDR fehlen die Mittel für einen durchgehenden Ausbau der Straßen und Schienen.

Dafür bleibt in der Region der Bahnverkehr auf Vorkriegsniveau erhalten. Die Strecke nach Lichtenfels wird zwar hinter Ebersdorf gekappt, aber dafür verkehrt die sogenannte Karussellbahn über Neustadt, Fürth am Berg, Steinach und Ebersdorf von Coburg aus in beide Richtungen. Auch die Stichbahn von Coburg nach Rossach wird über all die Jahre hinweg aufrecht erhalten. (Anders als im Westen, wo zum Beispiel die Strecke Breitengüßbach - Kaltenbrunn - Seßlach - Dietersdorf in den 70er-Jahren eingestellt wird.) Ein Bahn-Lückenschluss zwischen Rodach und Streufdorf wird wiederholt diskutiert, weil die Russen die frühere Schmalspurbahn von Heldburg nach Hildburghausen abmontiert haben, die durch Streufdorf fuhr. Allerdings fehlen die erforderlichen Mittel, und nach Hildburghausen wäre die Strecke über Streufdorf aus Coburger Sicht ein Umweg. Da sind die Busse schneller.

Ähnlich verhält es sich mit der Verbindung nach Berlin. Die Zugverbindungen über Grimmenthal und Oberhof beziehungsweise Ernsttal und Probstzella funktionieren zwar, sind aber umständlich. Eine Bahn-Neubaustrecke Coburg-Erfurt oder Coburg-Leipzig wäre technisch zu aufwendig, da immer der Thüringer Wald im Weg ist. Die "Rennsteig-Schnellstraße" über Schalkau und Neustadt am Rennweg gen Ilmenau wird zwar geplant, aber bis auf einige Teilstücke nie verwirklicht. Lediglich einige besonders enge Orte erhalten Umgehungsstraßen; hauptsächlich, damit die Fahrzeuge der Grenztruppen besser durchkommen.