Verbände aus der Busbranche schlagen bereits seit längerem Alarm: Weil das Durchschnittsalter der Busfahrer (und Busfahrerinnen) in Deutschland bei 51 Jahren liegt und Nachwuchs nur schwer zu finden ist, werden bis zum Jahr 2029 bundesweit etwa 70000 Busfahrer fehlen. In dieser Prognose noch gar nicht berücksichtigt ist, dass ja eigentlich ein Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs gewünscht ist. Doch wenn niemand da ist, der einen Bus fährt, kann auch kein Gast befördert werden.

Auch in Coburg werden händeringend Busfahrer (und Busfahrerinnen) gesucht. Wie die SÜC als Betreiber des Stadtbusverkehrs lösen wollen, erklärt Raimund Angermüller - und zwar am Ende dieses Textes.

Zunächst berichten eine Frau und ein Mann, warum sie es toll finden, Busse durch Coburgs enge Gassen zu lenken.

Dana Witt: "Ein Stück Freiheit!"

Dass Dana Witt eines Tages mal Busfahrerin werden würde, war eigentlich klar. Schließlich wimmelt es in ihrer Familie geradezu von Busfahrern. Doch anders als bei ihrem Vater, ihrem Onkel und ihrem Cousin dauerte es bei Dana Witt ein bisschen. "Als ich Mutter wurde, hätte ich das mit den Früh- und Spätschichten nicht hinbekommen." Doch irgendwann war die Sonnebergerin es trotzdem leid, einen immer gleichen Tagesablauf zu haben - noch dazu in einer tristen Produktionshalle mit Neonlicht. Im Vergleich dazu ist Stadtbusfahren für Dana Witt "ein Stück Freiheit".

2015 war es, als sie auf eigene Faust beziehungsweise auf eigene Kosten den Busführerschein machte. Sie hätte sich das damals zwar auch von der Omnibusverkehrsgesellschaft Sonneberg (OVG) bezahlen lassen können, wäre dann aber für fünf Jahre an die OGV gebunden gewesen. So aber blieb sie "frei" und konnte 2017 zum Stadtbus-Team der SÜC in Coburg wechseln.

Unterschiede zwischen dem Busfahren in Sonneberg und in Coburg fallen der 45-Jährigen gleich mehrere ein. "In Sonneberg waren die einzelnen Linien etwas abwechslungsreicher", sagt sie. Klar, weil die OGV einen größeren Raum bedient, führt eine Tagestour schon mal über Coburg und Schleusingen und wieder zurück. Da kann eine Schicht, in der sie sieben Mal hintereinander nach Scheuerfeld fährt, natürlich nicht mithalten.

Deutlich besser seien bei der SÜC die Arbeitszeiten, sagt Dana Witt. "Geteilte Dienste", die frühmorgens beginnen, dann eine mehrstündige Pause beinhalten und erst am Nachmittag weitergehen, habe sie in Sonneberg ständig gehabt. In Coburg beschränke sich das in der Regel auf ein Mal in der Woche.

Auch zu den Fahrgästen fällt Dana Witt etwas ein: In manch hinterer Ecke des Landkreises Sonneberg sei die Dankbarkeit groß, wenn zwei Mal am Tag überhaupt ein Bus vorbeikommt. In Coburg hingegen könne es passieren, dass jemand bereits nörgelt, sobald es eine Verspätung von einer Minute gibt. Dabei kann Dana Witt meistens gar nichts für Verspätungen. Ausgerechnet auf ihrer Lieblingsstrecke, der Linie 1 von Niederfüllbach nach Bertelsdorf, liegen zum Beispiel gleich drei Bahnübergänge (Creidlitz und zweimal Rodacher Straße), deren Schranken oft geschlossen sind.

Dana Witt hat aber auch in Coburg schon viele dankbare Fahrgäste kennengelernt. Sie erzählt etwa von einer Frau, deren Mann im Rollstuhl sitzt. "Um das Einsteigen zu erleichtern, habe ich an der Hintertür die Rampe ausgeklappt." Darüber habe sich die Frau so sehr gefreut, dass sie der hilfsbereiten Busfahrerin beim Aussteigen an der Veste ein Eis kaufte. Die Linie 5 zur Veste fährt Dana Witt übrigens auch sehr gerne - "am liebsten bei Sonnenaufgang". Das fühlt sich dann nach besonders viel Freiheit an.

Martin Popp: "Ein Traumberuf!"

Die Frühschicht, die er regelmäßig hat, ist für Martin Popp kein Problem. Ganz im Gegenteil. "Ich fahre gerne in den Sonnenaufgang hinein", sagt der 50-Jährige, der zum Team der Coburger Stadtbusfahrer gehört. Besonders reizvoll findet er die Linie 4 nach Witzmannsberg. Aber: "Es gibt viele schöne Linien!" Dieser Idylle vor den Toren Coburgs steht speziell in der Stadtmitte aber auch so manche sehr knifflige Stelle gegenüber. Martin Popp fällt da zum Beispiel die enge Ecke bei der Ehrenburg ein, an der die großen Stadtbusse von der Steingasse in die Obere Anlage abbiegen müssen. Andererseits sagt Martin Popp mit einem Augenzwinkern: "Geradeaus und auf breiten Straßen kann ja jeder!"

Dass Martin Popp das so locker nimmt, ist auch deshalb bemerkenswert, weil er erst zwei Jahren Stadtbusfahrer ist. Damals suchte er nach einer neuen beruflichen Perspektive, stieß auf eine Stellenanzeige der SÜC - und erinnerte sich an etwas, was ihn schon immer fasziniert hat: Busfahren! Aber da gab es noch ein Problem: "Ich hatte ja gar keinen Busführerschein." Doch damals wie heute ist man nicht nur bei der SÜC derart dankbar über jeden, der sich für diesen Beruf interessiert, dass der Erwerb des Führerscheins komplett finanziert wird. Bei Martin Popp dauerte es nur zwei Monate, bis er "den Schein" hatte und loslegen konnte.

Inzwischen ist er der festen Überzeugung, seinen "Traumberuf" gefunden zu haben. Das hat aber nicht nur mit idyllischen Sonnenaufgängen zu tun oder mit der Herausforderung, ein 300 PS starkes Gefährt um eine enge Kurve zu lenken. "Ich mag auch den Umgang mit Menschen!" Im Laufe eines Tages bekommt er es da mit allerhand Typen zu tun. Morgens etwa gilt es viele Schüler zu befördern. Am Vormittag sitzen vor allem Rentner im Bus - und sofort sinkt der Geräuschpegel. Gegen Abend, also wenn Martin Popp "in den Sonnenuntergang" fährt, befördert er oft gut gekleidete Menschen, die ins Theater wollen, oder auch einfach solche, die gleich einen Kneipenbummel starten.

Zu den vielen Menschen, mit denen er es gerne zu tun hat, zählt Martin Popp auch seine Kolleginnen und Kollegen. "Die sind alle toll", sagt er und freut sich deshalb auch immer auf den kurzen Plausch mit ihnen, den es in den Pausen gibt, vorzugsweise am Bus-Rendezvous am Theaterplatz. "Ach, es macht einfach Spaß!"

DAS SAGT DER CHEF ZUM BUSFAHRERMANGEL

"Ja, es ist ein Branchenproblem", sagt Raimund Angermüller, der Leiter der SÜC-Verkehrsbetriebe, die in Coburg für die Stadtbusse zuständig sind. Als einen Hauptgrund für den Busfahrermangel nennt Angermüller die weggefallene Wehrpflicht. Denn: "Früher wurden Bus- und Lkw-Führerscheine vor allem bei der Bundeswehr gemacht." Privat kann sich das auch kaum jemand leisten, liegen die Kosten doch zwischen 8000 und 10000 Euro. Um trotzdem neue Busfahrer gewinnen zu können, übernehmen mittlerweile viele Arbeitgeber - wie etwa auch die SÜC - die kompletten Kosten, wenn ein Interessent erst noch den Führerschein erwerben muss.

Doch oft ist auch die Zeit ein Problem. Die SÜC hat sich deshalb einen eigenen Fahrschulbus zugelegt, um - in Kooperation mit einer Fahrschule - den Erwerb des Führerscheins etwas beschleunigen zu können. Trotzdem kann es Monate dauern, bis ein Neuling endlich in den Arbeitsalltag starten kann.

Was weitere Qualifikationen betrifft, die ein Busfahrer (oder eine Busfahrerin) haben sollte, fällt Raimund Angermüller mehreres ein. Da wäre zum einen die Freude am Fahren. Zum anderen sei "Kommunikationsfreude" wichtig. Ebenso hält Angermüller "eine Spur Gelassenheit" für wichtig: Schließlich gebe es manchmal auch schwierige Fahrgäste, außerdem hätte man als Busfahrer immer "den Fahrplan im Genick" und müsse dabei dennoch stets umsichtig fahren, weil es ja Menschen sind, die es da verantwortungsvoll zu befördern gilt.

Wenn Raimund Angermüller dieses umfangreiche Anforderungsprofil betrachtet, ist er um so mehr stolz auf sein aktuell 78-köpfiges Stadtbus-Team. Zumal zuletzt - Stichwort: Busfahrermangel - auch schon mal Extraschichten gefahren werden mussten, um den Fahrplan aufrecht halten zu können. "Manchmal war das schon hart an der Belastungsgrenze", weiß Angermüller. Denn im Winter komme es nun einmal auch noch regelmäßig - und zwar unabhängig von Corona - zu krankheitsbedingten Ausfällen. Manchmal seien schon Mitarbeiter eingesprungen, die eigentlich in der SÜC-Werkstatt arbeiten, aber einen Busführerschein haben. So musste - anders als in anderen Städten - bislang noch nie eine Fahrt ausfallen. Doch ob das auf Dauer so bleibt, werde davon abhängen, ob sich neue Interessenten für den Busfahrer-Job finden lassen.