Wenn am Sonntag, 18. Oktober 2020, nachmittags gegen 15 Uhr das feierliche Glockengeläut der unter Denkmalschutz stehenden katholischen Kirche St. Ottilia zu hören ist, dann hat dies einen ganz besonderen Grund: Das kleine, aber schmucke Kirchlein in der Gabelsbergerstraße begeht seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass findet um 15 Uhr ein Orgelkonzert mit begrenzter Teilnehmerzahl statt, das der Kirchenweihe im Jahre 1930 gewidmet ist. Nach neun Jahrzehnten wechselvoller und ereignisreicher Geschichte ist dieser schlichte, aber schöne Kirchenbau für viele Christen auch heute noch ein Anziehungspunkt, ja er hat für viele Katholiken eine ganz besondere Bedeutung. Hier sind viele getauft worden, die später an diesem Ort auch die Erstkommunion empfangen haben. Nicht wenige Brautpaare sind in diesem schmucken Gotteshaus getraut worden. Und wenn sich der Lebenskreis geschlossen hatte, fanden für die Verstorbenen auch Trauergottesdienste darin statt.

Bis es zu diesem Kirchenbau gekommen ist, war es ein langer und nicht einfacher Weg. Vor fast 100 Jahren, im Jahre 1922, umfasste die Neustadter Diasporagemeinde etwa 200 Seelen. So kam im Laufe der Zeit natürlich auch der Wunsch auf, einen eigenen Gottesdienst zu feiern. Bei den Bemühungen, einen geeigneten Raum zu finden, stieß man auf das Wohlwollen und Entgegenkommen des verdienstvollen Geheimrats und Fabrikbesitzers Max Oscar Arnold, der im Werk III der "Arnold'schen Werke" einen Raum zur Verfügung stellte. Hier fand am 25. Juni 1922 in der zur Kapelle umgestalteten Kantine der erste feierliche Gottesdienst mit Stadtpfarrer Franz Ott aus Coburg statt.

Coburger Geistliche gaben Religionsunterricht in Neustadt

Von nun an erteilten die Geistlichen aus Coburg den Religionsunterricht in Neustadt und hielten monatlich einen Gottesdienst. Am 24. November 1923 wurde der Religionsunterricht und ab 3. September 1925 die gesamte Seelsorge dem Pfarramt St. Stephan in Sonneberg übertragen. Dem Sonneberger Pfarrer Porzelt gelang es, mit der Villa "Rosalie" in der Gabelsbergerstraße 2 ein Anwesen zu finden und käuflich zu erwerben, das für gottesdienstliche Zwecke geeignet erschien. Der in einer ehemaligen Werkstatt dieses Anwesens eingerichtete Betsaal erwies sich allerdings auf Dauer als zu feucht, so dass man sich wieder anderweitig umsehen musste.

Weihbischof Dr. Senger, Bamberg, fasste daher den Gedanken, eine eigene kleine Kirche zu bauen. So wurde der Garten des erworbenen Anwesens als Baugrundstück dafür auserkoren. Georg Holzbauer, ein junger Münchener Architekt, erhielt den Auftrag, einen unverbindlichen Plan auszuarbeiten. Dieser stieß auf allgemeine Zustimmung. Allerdings stellte sich nun die Frage der Finanzierung. Von der Kirchengemeinde selbst konnte kaum etwas erwartet werden, stellten doch hauptsächlich Arbeiter, die damals schwer unter der Arbeitslosigkeit litten, die meisten Gemeindemitglieder. Auch die Pfarreien in Coburg und Sonneberg sahen sich aufgrund ihrer vielseitigen Bedürfnisse außerstande, die Finanzierung zu übernehmen. Dem Bamberger Weihbischof Dr. Senger gelang es dann aber nach "rastlosen und zähen Verhandlungen", eine Vorzugsspende vom Bonifatiusverein zu erhalten und eine Landeskollekte beim Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus durchzusetzen. Zu guter Letzt standen dadurch 44000 Reichsmark zur Verfügung. So konnte der erste Spatenstich am 14. Juli 1930 erfolgen. Knapp zwei Wochen später, 27. Juli 1930, fand unter großer Beteiligung die feierliche Grundsteinlegung durch Dekan Franz Ott aus Coburg statt, dem dabei Geistliche aus Sonneberg und Mitwitz assistierten.

Man erinnerte sich an die Ottilia-Kapelle

Die zuständigen Kirchengremien beschlossen, die neue Kirche der Heiligen Ottilia zu weihen. Dies war naheliegend; denn man erinnerte sich an die einstige Wallfahrtsstätte auf dem Muppberg mit der kleinen Kapelle der Heiligen Ottilia. In dieser hatte gar mancher Pilger vertrauensvoll gebetet und auf die Fürbitte der Heiligen Trost und Hilfe gefunden. Die Ottilienkapelle hatte unterhalb der 1926 errichteten Arnoldhütte gestanden. Allerdings war Kapelle bereits 425 Jahre vor dem Kirchenbau in der Gabelsbergerstraße in Trümmer gesunken. Immerhin kehrte die Heilige als Patronin der katholischen Kirchengemeinde zurück; denn die in den Hochaltar eingemauerten Steine ihres alten Heiligtums sollten das neue Gotteshaus mit dem alten verbinden, ja eine Brücke über die 125 Jahre Trennung bilden.

Wie die Weihe gefeiert wurde

Die Feierlichkeiten der Kirchenweihe begannen am Samstag,11. Oktober 1930. Um 17 Uhr versammelte sich die Gemeinde zum Empfang Se. Exzellenz des H.H. Erzbischofs Dr. Jacobus von Hauck vor der Kirche und wohnte der Aussetzung der Reliquien für den Hochaltar und einer kurzen Andacht bei. Am darauffolgenden Sonntagmorgen, 12. Oktober 1930, begannen um 8 Uhr die feierlichen Weihezeremonien in der Kirche durch den Erzbischof, assistiert von den Stadtpfarrern aus Coburg und Sonneberg. Um 8.30 Uhr hielt Pfarrer Porzelt-Frammersbach, der verdienstvolle Vorgänger des Sonneberger Seelsorgers, auf dem neuen Kirchplatz die Festpredigt. Danach folgte die Übertragung der Reliquien in die Kirche und die Altarweihe, bis gegen 19 Uhr die feierliche Pontifikalmesse, zelebriert durch Se. Exzellenz Dr. Jakobus von Hauck, ihren Anfang nahm.

In der Festschrift "25 Jahre ,St. Ottilia‘ Neustadt bei Coburg" schrieb der damalige Verfasser, Lehrer Alexander Rutz, dazu Folgendes: "Ein unvergessliches Erlebnis für alle Gläubigen war es, als zum ersten Mal das hochheilige Opfer durch die Hand des Oberhirten dargebracht wurde. Zu einem machtvollen Lobgesang vereinigten sich am Schluss des Pontifikalamtes die Stimmen aller zum ersten feierlichen Te Deum, zu dem die aus dem Kloster Weyarn stammenden Glocken ihr erstes festliches Geläute zum Himmel schickten. War es nicht auch der aus tiefem Herzen kommende Dank aller Katholiken unserer Heimatstadt, der in Gebet und Gesang und nicht zuletzt in frommer Opfergabe dem Schöpfer aller Dinge dargebracht wurde?"

"Sie wurde sehend"

Kommen wir zur Namenspatronin der Jubiläumsgemeinde, der Heiligen Ottilia, zurück.

"Von ihr erzählt die Legende, dass ihr Vater, der Herzog Adalrich aus dem Elsaß, ,eines rauhen Kriegers und Feindes aller Mönche‘, vor Zorn bebte, als er gewahrte, dass das Kind blind sei und befahl, es zu töten. Er hatte erhofft, einen Sohn und Erben zu bekommen. Seine Gemahlin Beresinde übergab das blinde Mädechen aber einer treuen Magd mit der Weisung, es aufzuziehen und nach dem Kloster Balma im Frankenland zu bringen. So wuchs das Kind fern von seinen Eltern auf, ohne Namen und Heimat im Dunkel seines Lebens, begierig den Gebeten und Unterweisungen der gottgeweihten Jungfrauen lauschend. Mit 15 Jahren empfing es durch den Missionsbischof Erhard (siehe Altarbild von St. Ottilia) die Taufe und den Namen Odilia. Im selben Augenblick öffneten sich die bislang verschlossenen Lider, und Odilia, die von Geburt an blind war, sah."

Alexander Rutz und Adolfine Potyra schrieben dazu in der Festschrift zum 50. Jubiläum im Jahre 1980:

"Möge uns dieses Wunder, das Gott an unserer Schutzheiligen wirkte, auch heute noch anrühren, dass wir immer mehr und in einer anderen Weise ,sehend‘ werden."

Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen!

Quellen:

Festschrift "25 Jahre St. Ottilia Neustadt bei Coburg" von 1955

Festschrift "50 Jahre Katholische Pfarrgemeinde Neustadt bei Coburg" von 1980