Erbprinz Franz Friedrich Anton von Sachsen-Coburg-Saalfeld wandelte im Herbst 1775 auf Freiersfüßen, wie man seinerzeit vermutlich gesagt hätte. Aus diesem Grund hielt der damals 25-Jährige sich öfter in Rodach auf: Seine Verlobte war Prinzessin Sophie von Sachsen-Hildburghausen, die er am 6. März 1776 heiratete und die wenige Monate später starb.

Ob es Franz Friedrich Anton war oder sein Vater, Herzog Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld, dem am 21. September 1775 der bei Heldritt vom Himmel gestürzte Stein überreicht wurde, weiß man nicht. In zeitgenössischen Quellen ist nur von der "durchlauchigsten Herrschaft" die Rede. Was man aber weiß, ist, dass Franz Friedrich Anton Sammler war: Er baute ab 1775 die Kupferstichsammlung auf, stattete die Schlossbibliothek mit einer umfangreichen Büchersammlung aus und sammelte Naturalien - der Grundstock fürs spätere Naturkundemuseum in Coburg. Wenn also der "Donnerstein" von Rodach in die herzogliche Sammlung kam und dort blieb, sollte er sich im Naturkundemuseum befinden.

Tut er aber nicht, sagt Eckard Mönnig, der stellvertretende Museumsleiter, zuständig für Geowissenschaften sowie Vor- und Frühgeschichte. Er ist der Herr über all die Schubfächer im Keller des Museums, in denen Steine lagern. Ein ungewöhnlich schwerer Stein, selbst wenn er nicht etikettiert wäre, wäre ihm da schon längst aufgefallen. Und hat nicht Friedrich Ernst Florens Chladni, der Begründer der Meteoritenkunde, schon 1819 geschrieben, der Stein sei verschwunden? Akte zu, Geschichte zu Ende?

So einfach ist es nicht. 1806 erschien ein Aufsatz des Oettingshäuser Pfarrers Johann Büttner, in dem er schrieb, der bei Rodach gefundene Stein liege im herzoglichen Naturalienkabinett. Büttner bezeichnete den Stein als "Meteorit". Herzog Franz Friedrich Anton starb am 9. Dezember 1806. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er seine Naturaliensammlung dem Gymnasium Casimirianum übergeben. Dort gab es ebenfalls eine wissenschaftliche Sammlung. Um beide, also um die herzogliche und die des Gymnasiums, hatte sich lange Zeit der Hofmedicus und Professor Hermann Gottlieb Hornschuch gekümmert. Von ihm stammt auch die detaillierte Beschreibung des Rodacher Steins. Doch die Möglichkeit, dass dieser Stein tatsächlich vom Himmel gefallen sein könnte, also aus dem All stammte, zog Hornschuch noch gar nicht in Betracht. Die Theorie von der außerirdischen Herkunft der Meteoriten sollte Chladni erst 1794 veröffentlichen, ein Jahr vor Hornschuchs Tod.

Keine Hinweise auf den Stein

Hornschuch gab zwar regelmäßig Berichte über das "Musäum" im Gymnasium Casimirianum heraus, aber über das Naturalienkabinett von Herzog Franz Friedrich Anton ist nur wenig überliefert. Einer, der das Naturalienkabinett Franz Friedrich Antons beschrieb, war der Erlanger Professor Fridrich Carl Gottlob Hirsching. Mönnig vermutet, dass Hirsching das Kabinett vor 1784 sah, als Erbprinz Franz Friedrich Anton noch in der Ehrenburg wohnte. 1784 zog er ins Gebäude Steingasse 18 um (heute Ämtergebäude der Stadt.

Doch weder im Bericht von 1787 noch in dem von 1792 habe Hirsching den Meteorit erwähnt, sagt Mönnig. "Das hätte er aber gemacht, wenn er darauf hingewiesen worden wäre." Aber vielleicht galt der Rodacher Stein zu dieser Zeit als wenig interessant - verglichen mit einer Goldstufe aus Peru. Überdies interessierte sich Hirsching nicht sehr für die Steine. Ob und unter welcher Bezeichnung der Rodacher Stein in der Sammlung erfasst war, weiß man also nicht genau.

Es gibt also nur Büttners Behauptung von 1806, dass der Stein sich im herzoglichen Kabinett befand. Leiter des Gymnasiums Casimirianum ist zu dieser Zeit Johann Christoph Matthias Reinecke (1770 bis 1818). Ihm werden die herzoglichen Sammlungen anvertraut. Als die Stücke im Gymnasium ankommen, erfasst er sie, aber es wird bis 1818 dauern, bis er den vom Herzog geforderten Gesamtkatalog der Sammlungen fertig hat.

Unter anderem kommen mit dem Naturalienkabinett über 1000 Stücke Erzmineralien und rund 500 Stücke weiterer Gesteinsarten ins Casimirianum. Ob sich der Rodacher Meteorit darunter befand, weiß man nicht. Reinecke erwähne ihn jedenfalls weder in der ersten Inventarliste noch im Gesamtkatalog, sagt Eckard Mönnig. Er hat Reineckes Leben und Wirken im Jahrbuch 2018 der Coburger Landesstiftung ausführlich beschrieben.

Zwölf Jahre, nachdem er die Sammlung von Herzog Franz Friedrich Anton ins Gymnasium übernahm, ist Reineckes "Verzeichniß der naturhistorischen Sammlungen im Herzogl. Gymnasium zu Coburg" fertig. Mönnig vermutet, dass Reinecke erst ab 1814, nach mehrmaligen Aufforderungen und Ermahnungen, begann, daran zu arbeiten. Knapp 400 Seiten umfasst der Katalog, etwa die Hälfte davon nehmen die Mineralien ein. Sie sind gemäß dem damaligen Schema klassifiziert, von Kieseln über Tonartige bis zu den Erzen. Meteorite sind nicht aufgezählt, und dass Reinecke den Rodacher Stein falsch eingeordnet haben könnte, sei recht unwahrscheinlich, sagt Mönnig.

Kurz nach der Fertigstellung des Katalogs starb Reinecke. Die ihm zugesagte "Remuneration" (Aufwandsentschädigung) wurde erst am Tag seiner Beerdigung bewilligt. Weil seine Witwe eine höhere Remuneration erbat, wurde geprüft, ob alles seine Richtigkeit hatte. Insofern weiß man, dass Reineckes Verzeichnis vollständig war. Mehr Geld erhielt die Witwe aber nicht.

Mönnig hält es für möglich, dass zwischen 1806 und 1814 einiges aus der Sammlung im Gymnasium Casimirianum verschwand. Schon beim Transport der herzoglichen Sammlung von Schloss Ehrenburg ins Casimirianum im Oktober 1806 seien "Gegenstände aus dem Schlosse weggetragen (worden), die mir nicht zur Ansicht gekommen sind", schreibt Reinecke am 7. Oktober 1807. Es soll sich um "mehrere Modelle und Muster, sowie sonstige Gegenstände" gehandelt haben.

Verantwortlich dafür war angeblich der Bauinspektor Eberhard, der gleichzeitig Polizeihauptmann war, wie Mönnig sagt.

Und auch nach 1807 sei der Zustand der Sammlungen nie vollkommen sicher gewesen, sagt Mönnig. Somit gibt es also mehrere Möglichkeiten: Der Rodacher Meteorit wurde nie aus dem Schloss weggebracht. Oder aber er verschwand beim Transport ins Casimirianum. Dritte Möglichkeit: Er lag - unerkannt - in der Sammlung im Casimirianum, und verschwand von dort.