Diese Wimpern! Diese Augenbrauen! Und diese offenen Hemden bis zum Bauchnabel! Schon das, was Europäer "lateinamerikanischen Tanz" nennen, ist ein Klischee. Und die Formationstänzer in ihrer schuhgewichsten Schmalzlockenaufmachung setzen noch eins drauf.

Doch das gehört hier zum Sport. Was dem Fußballer sein Trikot, ist der Tänzerin ihr strassbesetztes Kleid, und wo der Fußballer Stollen trägt, hat die Tänzerin einen Pfennigabsatz. Ansonsten geht es hier wie dort um Leistung, Disziplin, Wettbewerb. Sieben Teams tanzen in der Regionalliga Süd im Formationstanz Latein, die Saison umfasst fünf Turniere. Die Aufgabe: zwei Mal den gleichen Tanz mit nahtlosen Übergängen von Rumba zu Chachacha, Samba, Jive und Paso Doble möglichst fehlerfrei und exakt vorführen, sechs Minuten lang und immer so tun, als sei das alles ein reines Vergnügen.

Um das anzusehen, sind am Samstagabend über 1000 Menschen in die Coburger Anger-sporthalle gekommen. Ligarekord. "So eine Kulisse haben bislang nur die Handballer und die Sportschützen geschafft", staunt der Schirmherr, Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD). "Das hat der Tanzsport verdient!"


Dabei ist der Tanzsport mit der Disziplin "Formation Latein" das jüngste Kind des traditionsreichen TV Coburg-Ketschendorf, der vor allem Turner ausbildet. Doch die Tänzer haben es nicht nur geschafft, innerhalb von zwei Jahren in die dritthöchste Liga durchzutanzen, sondern sie sind sogar schon bayerischer Meister geworden. Und: Der größte Teil von ihnen kommt aus der Region Coburg-Kronach, auch, wenn etliche von ihnen vorher bei der TSG Fürth aktiv waren, genauso wie ihr Trainer André Heller. Dem ist in der Pause zwischen Vor- und Hauptrunde die Spannung anzusehen. Doch die erste Erleichterung lässt nicht lange auf sich warten: Die Ketschendorfer dürfen im großen Finale um die Spitzenplätze tanzen. Der TCS Rot-Weiß Viernheim ist raus, heißt es zunächst.


Überwältigt vom Besucheransturm
Anspannung herrscht auch in der Kabine: Wieder und wieder betrachten die Tänzerinnen und Tänzer am Laptop die Aufzeichnung ihres Vorrunden-Auftritts. "Es gab ein paar Patzer", sagt Isabella Jockheck selbstkritisch. Sie wollen es besser machen in der Hauptrunde, besser abschneiden als eine Woche zuvor im hessischen Fischbach, wo sie das große Finale erreichten, aber am Ende nur sechster wurden.

Überwältigt zeigen sie sich vom Besucheransturm - und ähnlich geht es draußen den Helfern vom TV Ketschendorf. "Wir sind so gut wie ausverkauft", seufzt Bernd Schäfer mit traurigem Blick auf die letzten Brezeln. Derweil hat das Publikum erfahren, dass die Pause länger dauern wird: Es wird doch noch ein kleines Finale geben, denn nicht nur Viernheim hat das große Finale verpasst, sondern auch das Team von TSC Fischbach/TSC Metropol Hofheim. Weil aber die Viernheimer schon fast abreisefertig waren und sich nun wieder in die Tanzkostüme stürzen müssen, geht es erst mit Verspätung weiter.

Da dürfen auch die Tänzer mal raus in die Halle, Bekannte begrüßen. "Aber nur in Schön!", mahnt Co-Trainerin Silke Hoffmann. Also in den Tanzschuhen, nicht in Schlappen! Und nur zehn Minuten! Und alle zusammen! Tänzer haben diszipliniert zu sein.

Ab 21 Uhr kämpfen die fünf Teams im großen Finale. Die Ketschendorfer müssen als letzte aufs Parkett. Ohne kleine Patzer geht es auch diesmal nicht, aber dafür gelingt die schwierige Schleuderfigur in der Diagonalen exakt. Auch die anderen Teams haben mehr oder weniger heftige Wackler. Bei der Formationsgemeinschaft "Frankfurter Kreis/TSC Usingen" muss ein Paar aus einer Figur ganz aussteigen. Trotzdem wird die hessische Formationsgemeinschaf am Ende den Sieg davontragen. Die Tänzer des TV Coburg-Ketschendorf erobern sich den vierten Platz. "Mit der Leistung meiner Tänzer bin ich zufrieden", sagt Heller. "Die Wertung können wir nicht beeinflussen". Drei Turniere sind noch zu tanze, das nächste in zwei Wochen in Bietigheim.