Eintauchen in andere Zeiten, geistige Welten, zum Beispiel dem altersweisen Thomas Mann und seiner Familie - und seiner großen Liebe Klaus Heuser - begegnen. Sehr tief, packend, prägnant und mit viel Humor gewährt uns das Hans Pleschinski mit seinem neuen Roman "Königsallee", den er am Dienstag in der Coburger Buchhandlung Riemann vorstellte. Viel mehr noch, so lebendig Pleschinski schreibt, so szenisch virtuos, süffisant trug er auch vor, näherte er sich geradezu verblüffend den Romangestalten.

Fast schwärmerische Kommentare aus dem durchaus zahlreichen Publikum nach der Lesung, denn so mancher Besucher hatte den geistreichen Roman in den sechs Wochen, seit seinem Erscheinen, schon verschlungen, was den Beck-Verlag im 250.
Jahr seines Bestehens zur sechsten Auflage "zwang". Wirklich ungewöhnlich für einen Autor, dem es doch tatsächlich auch um "Bildung" geht, um unsere "Geistesschätze".

Bevor wir in diesem außergewöhnlich reichen Roman zu Thomas Mann selbst kommen, ist es die Stimmung des Jahres 1954, der vorsichtige Aufbruch, der noch allerorten vorhandene Nazi-Starrsinn, aber auch das "unaussprechliche Weh ob der Toten" und die "Trümmer der Seelen", die uns umfangen, konkret im Hotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf an der Königsallee, das den aus dem Exil zurückgekehrten Thomas Mann und seine Frau Katia zur Lesung des "Felix Krull" erwartet, ein Politikum ersten Ranges.

Mit Eleganz und Einfühlungsvermögen kommen uns eine Vielzahl von Personen nahe, der Empfangschef Oskar Siemer, der Memelländer nun in rheinischen Diensten mit seinen "Verhaltenskrücken, mit denen sich jeder, je nach seinem Verstand, einrichtete", die 43-jährige Putzfrau Fräulein Anita und die über Hermann Hesse, Deserteure, Wehrkraftzersetzer und feige Anschwärzer aus dem Exil schwätzenden Herren Stadträte, die auf den Nobelpreisträger warten. Er soll Düsseldorf zurückführen in die Liga der anständigen Städte.

Die große Liebe

Zufällig im gleichen Hotel abgestiegen ist ein weiterer Heimkehrer, der Exportkaufmann Klaus Heuser mit seinem indonesischen Lebensgefährten Anwar Batak. Heuser, 1927 zur gleichen Zeit auf Sylt wie Thomas Mann, war dessen große versagte Liebe. "Du bist ihm inniger begegnet, als wohl sonst irgendein Mensch. Du lebst ewig fort, denn der zarte Joseph in Ägypten, der Gebenedeite Gottes, der hat deinen Schmelz bekommen", klärt Tochter Erika Mann Heuser auf. Frech und in grotesker, ein bisschen traumtänzerischer Szenerie eingedrungen ins Hotelzimmer Heusers, will sie den von einer Begegnung mit Mann abhalten, die den fast 80-Jährigen zu arg erschüttern würde.

Der mit den Faschisten gestürzte, jammerlappige Ernst Bertram, Nietzsche-Biograf im Nazi-Geiste und früherer Weggefährte Manns, will hingegen, dass Heuser für ihn um Versöhnung bittet. Dann taucht auch noch der mindergeachtete Sohn Golo Mann auf, der endlich den Segen des Vaters will, um ein bedeutender Geschichtsschreiber zu werden.

Es kommt zu grotesken Auftritten, eine Art Geistershow. Wir erhalten in Kürze und doch erstaunlicher Dichte Porträts, Lebensberichte, philosophische Exkurse, konträre Positionen im jeweils entsprechenden Sprachstil und Zeitgeist, wobei wir indirekt immer tiefer in die Familie Mann und das Werk Thomas Manns hineingezogen werden.

So präzise und konkret alle Positionen benannt werden, gelingt es Hans Pleschinski doch gleichzeitig auch, poetische Traumzustände zu beschwören, bis hin zur eindringlichen Erfassung des losgelösten Fernostreisenden Klaus Heuser und seines Partners, bis hin zur Traumszenerie im Halbschlaf des Thomas Mann, in dem auf eigenwillige Weise dessen Leben und Werk vorbeiziehen. Gar nicht zu sprechen von der Vielzahl literarischer Querverweise, wobei der ganze Roman zudem spielerisch ausgerichtet ist an Thomas Manns "Lotte in Weimar", halt andersrum.

In allem politischen Gerangel, dem familiären wie dem gesellschaftlich akuten, kommt es übrigens zur zauberbergigen Begegnung.

Und das Fantastischste an diesem Roman: Hans Pleschinski hat zwar sein bewundernswertes Imaginationsvermögen aktiviert, um sich der Zeit und der Geistesgröße zu nähern, in "tolldreister" Manier, wie er selbst sagt. Doch tatsächlich hat sich Pleschinski strikt an Werk und öffentlich dokumentierte Aussagen und an die historischen Dokumente gehalten, zehntausend Tagebuch-Seiten Thomas Manns, Notizen Erika Manns und: der Nachlass samt bisher unbekanntem Briefwechsel Klaus Heusers mit Thomas Mann, auf den Pleschinski bei seiner Recherche stieß. Ein prickelnder Roman.

Überigens wurde in Russland eben Hans Pleschinskis Roman von 2002 "Bildnis eines Unsichtbaren", das in der Münchner Bohéme der 80er und 90er Jahre spielt, verboten, weil es angeblich Propaganda für gleichgeschlechtliche Liebe mache. Russland sei wieder einmal erschrecken auf diktatorisch rückwärts gewandtem Weg, berichtete Pleschinski von seinen Lesereisen und Kontakten.

Hans Pleschinski: Königsallee. Roman.C.H.Beck Verlag München, 396 Seiten, 19,95 Euro.

Hans Pleschinski wurde 1956 in Celle geboren. Er studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaft und arbeitet im Kulturbereich, unter anderem als BR-Moderator. Er lebt als freier Schriftsteller in München. Zu seinen erfolg reichsten Werken gehören "Bildnis eines Unsichtbaren" (2002) und "Ludwigshöhe" (2008). Zahlreiche Ehrungen, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.