Was der Neustadterin Nadine S. vorgeworfen wird, klingt wie ein makabrer Scherz: Sie soll bei einem Coburger Bestattungsinstitut angerufen und sich als Nichte eines Coburger Stadtratsmitglieds ausgegeben haben. Sie soll mitgeteilt haben, dass der Stadtrat und ehemalige Richter am Landgericht plötzlich verstorben sei und der Bestatter die Familie deshalb zu einem späteren Zeitpunkt telefonisch kontaktieren solle, da diese noch ein paar Minuten bräuchte, um sich zu sammeln.

Als der Bestatter die von ihr hinterlegte Telefonnummer zurückgerufen habe, sei der Stadtrat wohlauf, aber durch den Anruf zutiefst schockiert gewesen.

Prozess in Coburg: Frau terrorisierte Stadtrat, Rechtsanwalt und Nachbarn

Neben dem Vorfall mit dem Bestattungsinstitut soll Nadine S. den Coburger Stadtrat und ehemaligen Richter mehrmals kontaktiert haben. Dabei soll sie ihn aufgefordert haben, von seinem politischen Amt zurückzutreten, und ihn unter anderem als "gewichtigen Tyrann" beschimpft haben.

Die Zwischenfälle mit dem ehemaligen Richter sind nicht die einzigen, für die sich Nadine S. derzeit vor dem Coburger Landgericht verantworten muss. Weiterhin werden ihr gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, Nachstellung, Sachbeschädigung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr zur Last gelegt.

Der erste Anklagepunkt soll sich im November 2019 am Neustadter Marktplatz ereignet haben. Laut Anklageschrift ist Nadine S. dort auf ihre Nachbarinnen Sigrid und Kerstin H. getroffen. Zuerst habe S. die beiden Frauen beleidigt, anschließend habe sie Sigrid H. ins Gesicht gegriffen, sie nach hinten auf ihre Tochter Kerstin H. geschubst und ihr dabei eine Kratzwunde zugefügt.

"Leben zur Hölle gemacht": 59 Anrufe in einer Woche

Unabhängig davon soll die Angeklagte Anfang Februar 2020 am Anwesen von Kai S. an dessen Tür getrommelt und ihn dabei beschimpft und bedroht haben: Da sie seinetwegen angezeigt worden sei, wolle sie sich an ihm rächen und ihm "das Leben zur Hölle machen", heißt es in der Anklageschrift.

In der Woche nach dem Vorfall soll sie den Geschädigten Kai S. 59 Mal angerufen und dabei ihre Drohung wiederholt haben. Ende Februar 2020 soll sie auf Kai S., der gerade mit dem Fahrrad fuhr, zugerannt sein und ihm einen Schlüsselbund ins Genick geworfen haben.

Auch ein Neustadter Rechtsanwalt soll durch Nadine S. belästigt worden sein: Sie soll seine Rechtsanwaltskanzlei beobachtet und versucht haben, den Ruf seiner Kanzlei durch Postings in den Sozialen Medien massiv zu schädigen. Um dessen Ruf weiter zu schädigen und zu erwirken, dass der politisch engagierte Rechtsanwalt aus seiner Partei, den Freien Wählern, ausgeschlossen wird, habe sie sogar den Rödentaler Bürgermeister Marco Steiner per E-Mail kontaktiert und Unwahrheiten über den Parteikollegen verbreitet, so die Anklage. Weiterhin habe sie mit einem Maßkrug auf das Auto des Geschädigten eingeschlagen und dabei einen Sachschaden in Höhe von etwa 4600 Euro verursacht. Danach soll sie den Rechtsanwalt angerufen und ihn gefragt haben, ob "ihm sein Auto gefällt".

Längerer Nachbarschaftsstreit

Am ersten Verhandlungstag sagten die beiden Nachbarinnen Sigrid und Kerstin H. vor dem Landgericht aus. Ihren Angaben zufolge liege dem Zwischenfall im November 2019 ein längerer Nachbarschaftsstreit zugrunde. Die Angeklagte beobachte sie schon mehrere Jahre hinweg immer wieder und beleidige sie auch, berichteten die beiden Frauen. Kerstin H. erzählte zudem von mehreren Zwischenfällen, die sich vor und nach dem mutmaßlichen Angriff am Neustadter Marktplatz ereignet haben sollen: Die Angeklagte habe sich als eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes ausgegeben und ein Fax an die Kindertagesstätte geschickt, in der Kerstin H. arbeite. Darin forderte Nadine S., Kerstin H. unter Beobachtung zu stellen, da sie die Kinder schlecht behandle. Zudem soll S. ihr einen toten Vogel in den Briefkasten gelegt haben.

Die Angeklagte schilderte den Sachverhalt ganz anders: Sie gab an, dass es Sigrid und Kerstin H. seien, die sie immer wieder beobachteten. Selbst vor Gericht entbrannte der Konflikt beider Parteien - Vorsitzender Richter Klaus Halves musste immer wieder schlichtend eingreifen und beide Seiten harsch ermahnen.

Die Verhandlung wird Anfang Mai fortgesetzt.