Die wohl längste Sommerpause in der Geschichte der Handball-Bundesliga (HBL) hat ein Ende. Nach 207 Tagen fliegt ab Donnerstag der Ball wieder durch die Hallen der Republik. Und das nach der Saison 2016/2017 wieder mit zwei fränkischen Vertretern. Der HSC 2000 Coburg kehrte als Aufsteiger in der wegen der Corona-Pandemie abgebrochenen Saison ins Oberhaus zurück und leistet dem HC Erlangen Gesellschaft. Weil der Abstieg in der vergangenen Runde ausgesetzt wurde, gehen 20 Mannschaften an den Start.

Was heißt das für Coburg und Erlangen? Was können die Franken erreichen? Wer sind die Konkurrenten? Wer die Favoriten auf die Meisterschaft? Siegfried Roch, gebürtiger Oberfranke und Rekordspieler des Traditionsvereins TV Großwallstadt, nimmt die Bundesliga unter die Lupe. Kann der HSC Coburg die Liga halten? "Vier Mannschaften hinter sich zu lassen ist eine heftige Nummer", sagt der aus Wunsiedel im Fichtelgebirge stammende Roch über die Chancen des Aufsteigers, die Bundesliga zu halten. Normalerweise müssen nur zwei Mannschaften den Gang in Liga 2 antreten, in dieser Saison greift wegen der Ligaaufstockung der verschärfte Abstieg. Das gleicht einer Herkulesaufgabe, schließlich zählen die Aufsteiger traditionell zu den ersten Abstiegskandidaten. Im Vorjahr war die HSG Nordhorn/Lingen abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz zu finden. Mit dem Bergischen HC und Den Eulen Ludwigshafen gibt es aber auch Beispiele, dass sich Aufsteiger im Oberhaus halten können. Wer sind die direkten Konkurrenten des HSC? Der ehemalige Torwart Roch nennt sechs Vereine, die ähnliche Ziele wie die Coburger verfolgen: TuSEM Essen, Ludwigshafen, Nordhorn/Lingen, HBW Balingen-Weilstetten, TVB Stuttgart und GWD Minden. "Das sind die Vereine, die seit Jahren gegen den Abstieg spielen. Das hat strukturelle Gründe, weil sie finanziell nicht die Möglichkeiten haben wie andere Klubs." Mit der Verpflichtung von Christian Zeitz sorgte Minden zuletzt für Schlagzeilen. Der 39-jährige Rückraum-Routinier, der zu Jahresbeginn in Stuttgart ein überraschendes Bundesliga-Comeback feierte, soll helfen, den Klassenerhalt zu schaffen. Mit dem ehemaligen Erlanger Carsten Lichtlein hat sich GWD auch im Tor namhaft verstärkt. Einen langjährigen Leistungsträger muss Balingen-Weilstetten ersetzen. Spielmacher Martin Strobel hat seine Karriere beendet. Welches Plus haben die Coburger? "Sie sind eine eingespielte Mannschaft und als Team gewachsen", sagt Roch, der einst als Manager beim HSC tätig war. Die personellen Veränderungen hielten sich in Grenzen, vier Abgängen stehen vier Neuzugänge gegenüber. Vor allem die Wechsel von Kreisläufer Marcel Timm (Lemgo) und Linksaußen Max Jaeger (Erlangen) dürften Lücken hinterlassen. Mit den erfahrenen Rückraumspielern Drasko Nenadic und Pouyar Norouzi Nezhad sowie den jungen Justin Kurch und Paul Schikora hat der HSC auf die Abgänge reagiert. "Geschäftsführer Jan Gorr hat das für den HSC Machbare gemacht", sagt Roch zur Transferpolitik. Für den 38-fachen Nationalspieler sind der Saisonstart und die Abwehrleistung entscheidend. Was ist vom HC Erlangen zu erwarten? Rang 14 in der abgebrochenen Saison und zwei Trainerwechsel - der HCE blieb im Vorjahr deutlich hinter den Erwartungen und Ansprüchen zurück. Michael Haaß als Spielertrainer und der mittlerweile gegangene Sportliche Leiter Kevin Schmidt sollten in der vergangenen Saison den Super-GAU verhindern und den Klassenerhalt sichern. Dafür sorgte schließlich der Saisonabbruch, der den Erlangern ein spannendes Saisonfinale ersparte. Haaß wechselte nun komplett auf die Trainerbank und soll in seiner ersten Saison als Cheftrainer den HCE wieder in andere Tabellenregionen führen. "Sie sind gut besetzt und sollten einen Platz im Mittelfeld erreichen", erwartet Roch eine klare Steigerung.

Und die begründet sich in den Verpflichtungen des HCE. Vor allem die international erfahrenen Simon Jeppson (Flensburg/Handewitt), Steffen Fäth (Rhein-Neckar Löwen), Klemen Ferlin (Celje) und Martin Ziemer (Berlin) sollten das Niveau deutlich heben. "Es wird spannend zu sehen, wie Erlangen den Abgang der Torhüter Carsten Lichtlein und Nikolas Katsigiannis kompensiert. Das waren Typen, die eine Mannschaft mitreißen." Das neue Torwart-Duo Ferlin/Ziemer dürfte den Vorgängern sportlich aber in nichts nachstehen. Auf den Ausfall von Rechtsaußen Johannes Sellin (Fingerbruch) reagierte der HCE mit der kurzfristigen Verpflichtung des schwedischen Torjägers Hampus Olsson (Malmö). Welche Probleme können auf Erlangen und Coburg zukommen? "Beide Mannschaften leben von ihren Zuschauern. Der Heimvorteil spielt im Handball eine große Rolle. Inwieweit das für die reduzierte Zuschauerzahl während der Corona-Krise gilt, bleibt abzuwarten", ist Roch gespannt, welche Auswirkungen spärlich gefüllte Ränge auf die Leistungen haben wird: "Aber das gilt für alle Vereine. Mit dem eigenen Publikum im Rücken können auch große Mannschaften geärgert werden." Wer sind die Favoriten auf die Meisterschaft? THW Kiel, SG Flensburg/Handewitt, Rhein-Neckar Löwen - für Roch zählen die üblichen Verdächtigen zu den heißesten Anwärtern auf die Schale. Mit dem 28:24-Sieg über Flensburg im Supercup zeigten allerdings die Kieler, dass der Titel wohl nur über die Mannschaft von Trainer Filip Jicha gehen kann. An eine Überraschungsmannschaft glaubt Roch nicht. "In der vergangenen Saison war Hannover-Burgdorf in der Hinrunde vorne dabei. Um das über eine Runde durchzuziehen, fehlt aber die Substanz im Kader", erklärt Roch. Wer ist die Attraktion der Liga? Sander Sagosen. Dem amtierenden Meister Kiel ist ein Transfercoup gelungen. "Er ist ein kompletter Spieler mit einem guten Wurf, dem Auge für den Mitspieler und Abwehr spielen kann er auch. Auf ihn freut sich jeder", gerät Roch beinahe ins Schwärmen. Der 25-jährige Sagosen wechselte von Paris St. Germain in die Bundesliga, ist aktueller Welthandballer und wird in seiner Heimat Norwegen als Superstar verehrt. Mit Sagosen, Niklas Landin und Domagaoj Duvnjak haben die Kieler drei Spieler, die sich in ihrer Karriere bereits mit dem Titel Welthandballer schmücken dürfen, im Kader.