CoburgDiesen Sommer vor sechs Jahren wird Drasko Nenadic wohl nie vergessen. Mit der SG Flensburg/Handewitt steht der heute 30-Jährige im Finalturnier der Handball-Champions-League. Dass die Mannschaft von Ljubomir Vranjes in Köln um die Krone Europas spielt, ist schon eine Überraschung. Was an diesem Wochenende in der Kölner Arena folgt, sollte als eine der größten Sensationen im europäischen Vereins-Handball der vergangenen Jahre eingehen. Als krasser Außenseiter krönen sich die Norddeutschen zu den Helden Europas. Drasko Nenadic landet mit 24 Jahren den bislang größten Erfolg seiner Karriere.

"Was wir mit Flensburg erreicht haben, bedeutet mir sehr viel", sagt Nenadic im Sommer 2020. Der 2,02 Meter große, serbische Nationalspieler ist mittlerweile beim Bundesliga-Aufsteiger HSC 2000 Coburg gelandet und soll mit seiner Erfahrung und Abwehr-Qualitäten ein wichtiger Baustein für das Unternehmen Klassenerhalt werden. Vor sechs Jahren galt Nenadic, der aus einer Sportler-Familie stammt, noch als großes Talent. Flensburgs Trainer Ljubomir Vranjes holt ihn zur Saison 2013/2014 aus Spanien in die Bundesliga.

Erste Saison die beste

Seine erste Runde in der stärksten Liga der Welt ist gleich seine beste: Nenadic wirft 74 Tore in 28 Spielen. In der Liga landet die SG hinter dem THW Kiel und den Rhein-Neckar Löwen auf Rang 3. International trumpfen die Flensburger auf, buchen das Ticket für Köln. In einem an Spannung kaum zu überbietenden Halbfinale schaltet die SG den großen Favoriten FC Barcelona aus. 41:39 heißt es nach Siebenmeterwerfen. Hampus Wanne wirft Flensburg rotzfrech per Leger über Danijel Saric ins Finale. Mit zwei Toren in der regulären Spielzeit trägt Nenadic seinen Teil zum Finaleinzug bei. Dort kommt es zum deutsch-deutschen Duell gegen den norddeutschen Rivalen THW Kiel. Wieder ist Flensburg Außenseiter, wieder wird der Favorit gestürzt. 30:28 heißt es nach 60 Minuten - die SG Flensburg/Handewitt ist Champions-League-Sieger.

Sechs Jahre später denkt Drasko Nenadic, der im Finale ohne Tor blieb, gerne an den Sommer in Köln zurück, richtet den Blick aber nach vorne. "Ich freue mich auf die neue Herausforderung und habe neue Ziele vor mir." Eines heißt: Klassenerhalt mit dem HSC. Für Nenadic, der einen auch für Liga 2 gültigen Zweijahresvertrag unterschrieben hat, ist eine Schlüsselrolle vorgesehen, er soll im Abwehr-Mittelblock für Stabilität und vorne im Rückraum für Durchschlagskraft sorgen. "Ich hoffe, dass wir es schaffen, Coburg in der Bundesliga zu halten", sagt Nenadic. Seine Entscheidung, nach drei Jahren nach Deutschland zurückzukehren, habe er nicht alleine getroffen. "Ich habe viel mit meinen Eltern und meinem Bruder (Petar, Profi in Veszprem, Anm. d. Red.) darüber gesprochen. Ich wollte zurück und bin froh, wieder in Deutschland zu sein."

Gorr verlangt mehr

Auch der HSC ist froh, einen Spieler mit Nenadics Kaliber verpflichtet zu haben. "Er ist nicht unbedingt der impulsive Spieler, aber verfügt dafür über ein Höchstmaß an Spielintelligenz. Seine Stärke ist die Flexibilität , er ist vielseitig in der Deckung und im Angriff einsetzbar", sagt HSC-Geschäftsführer Jan Gorr über den vermeintlichen Coburger Königstransfer. Der ehemalige Trainer hat bei Nenadic aber noch Verbesserungspotenzial erkannt: "Mit seiner Erfahrung muss Drasko Verantwortung in unserem Team übernehmen. Bislang ist er noch ein bisschen zurückhaltend. Ich wünsche mir von ihm, dass er etwas energischer auftritt, damit die anderen von seiner Erfahrung profitieren." Noch hat Drasko Nenadic Zeit, in die ihm vorgesehene Führungsrolle zu wachsen. Gelingt das, könnte der Sommer 2021 ein ähnlich schöner wie der vor sechs Jahren werden.

Zur Person: Drasko Nenadic

Karriere Bis 2010 spielte Drasko Nenadic für den Erstligisten Roter Stern Belgrad. Danach ging Nenadic zwei Jahre in Spanien für BM Granollers und BM Guadalajara auf Torejagd. Zwischen 2013 und 2017 spielte der 30-Jährige in der Bundesliga für die SG Flensburg-Handewitt, den HSV Hamburg und die Füchse Berlin. Ab Januar 2018 folgte ein halbjähriges Gastspiel in Dänemark bei Bjerringbro-Silkeborg, bevor der Halblinke im Juli 2018 zu RK Celje ging, Im September 2019 kehrte Nenadic nach Granollers zurück. Seit Juli 2020 steht er beim HSC 2000 Coburg unter Vertrag. Privates Geboren wurde Drasko Nenadic am 15. Februar 1990 in Belgrad. Er stammt aus einer Sportler-Familie. Mutter Dragica war im Basketball erfolgreich, Vater Velibor spielte Handball. Auch sein älterer Bruder Petar spielt Handball und steht aktuell in Ungarn bei KC Veszprem unter Vertrag. In Berlin spielten die Nenadic-Brüder kurze Zeit zusammen.