Die letzte große wissenschaftliche Untersuchung, unter anderem begleitet von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), hat vor vier Jahren das Ergebnis gebracht, dass weit über die Hälfte der zehnjährigen Kinder keine sicheren Schwimmer sind. Vermutlich dürfte sich der Wert in den vergangenen Jahren noch einmal dramatisch verschlechtert haben, sagt DLRG-Pressesprecher Achim Wiese auf Tageblatt-Anfrage: "Das ist ein Trend, der uns große Sorge bereitet."

Weil sich auch die Schulen immer schwerer tun, angesichts der sinkenden Zahl geeigneter Bäder regulären Schwimmunterricht anzubieten, erfahren die Schwimmkurse in der Freizeit enorme Nachfrage. Viele Kurse werden über Vereine organisiert, aber auch die kommunalen Bäderbetriebe engagieren sich. Stine Michel, Geschäftsführerin der "Therme Natur" in Bad Rodach, ist auch mit dabei: "Wir fangen Ende Juli wieder mit unseren Schwimmkursen an - und sind quasi schon bis in den Herbst hinein ausgebucht."

Stine Michel liegt die Schwimmfähigkeit der Kinder am Herzen. Deshalb organisiert sie mit ihrem Team im Thermalbad, das eigentlich von seiner Struktur als Gesundheitsbad her nicht unbedingt auf Kinderschwimmen ausgelegt ist, seit Jahren auch Schwimmkurse für Kinder ab dem fünften Lebensjahr. Sie tut das aus voller Überzeugung, sagt die Thermen-Geschäftsführerin: "Ich finde, dass Schwimmen elementar wichtig ist, weil es den Kindern eine Bewegungsfreiheit schenkt, die sie nur im Element Wasser erleben." Deshalb ist der Kontakt mit dem Wasser für Stine Michel einer der wichtigsten Schritte in der kindlichen Entwicklung.

Deshalb rät sie Eltern, ihre Kinder möglichst früh mit dem Element Wasser vertraut zu machen. Das könne schon in der Badewanne beginnen und sei auf jeden Fall eine gute Vorbereitung, um später bei einem Schwimmkurs schnell voran zu kommen. Ein paar einfache Übungen reichen aus, sagt die Thermen-Geschäftsführerin: "Die machen es im Schwimmkurs einfacher, die wichtigsten Elemente zu erlernen."

Das "Seepferdchen" reicht nicht

Wenn es um die Sicherheit der Kinder geht, führt für Stine Michel kein Weg am Schwimmkurs vorbei. Als Eltern könne man den Kindern freilich die Angst vorm Wasser nehmen - aber richtig Schwimmen zu lernen, gehe am besten unter fachkundiger Anleitung. Den Eltern rät Michel, sich nicht schon nach dem "Seepferdchen" darauf zu verlassen, dass ihr Kind ein sicherer Schwimmer ist: "Man sollte auch nach dem ersten Schwimmkurs sein Kind auf keinen Fall komplett unbeaufsichtigt im Wasser lassen." Da könne noch zu schnell etwas passieren. Dieser Ansicht ist man auch bei der DLRG. Dort heißt es in einer Pressemitteilung: "Als sicherer Schwimmer kann nur gelten, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze sicher beherrscht."

Wenn es ums Schwimmen geht, weiß Stine Michel, wovon sie spricht. Sie ist nicht nur Geschäftsführerin des einzigen Thermalbades im Coburger Land, sondern auch ehemalige Leistungsschwimmerin. Die 38-Jährige hat schon im Kindergarten das Schwimmen gelernt und ist danach über ein Jahrzehnt für den HCC SV Rostock bei Wettkämpfen an den Start gegangenen. Und das mit Erfolg: Auf der Langstrecke (fünf und zehn Kilometer) wurde sie sogar Deutsche Meisterin.

Wie Eltern ihrem Kind die Angst vor dem Wasser nehmen und es mit ein paar einfachen Übungen fit für den Schwimmkurs machen könnten, sehen Sie in der Bildergalerie.

Das sagt die DLRG

Schwimmfähigkeit Eine "Forsa"-Umfrage hat 2017 ergeben, dass 59 Prozent aller Kinder im Alter von zehn Jahren nicht sicher schwimmen. Bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) geht man davon aus, dass die fürs kommende Jahr geplante Folgeumfrage einen noch schlechteren Wert ergeben wird. DLRG-Pressesprecher Achim Wiese verweist in diesem Zusammenhang auf die Folgen des Corona-Lockdowns: "Wir müssen davon ausgehen, dass für einen kompletter Jahrgang die Schwimmkurse ausgefallen sind."

Forderungen Die DLRG ruft die Kommunen dazu auf, keine weiteren Schwimmbäder aufgrund finanzieller Erwägungen zu schließen. Pressesprecher Achim Wiese: "Ohne Bäder gibt es auch keine Schwimmausbildung." Mit Beginn der Sommerferien will die DLRG heuer mit "Kompaktkursen" möglichst vielen Kinder das Schwimmen beibringen. Da brauche man die Unterstützung der Kommunen, sagt Wiese: "Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Städte und Gemeinden uns ihre Bäder für die Kurse kostenlos zur Verfügung stellen."