Seit Tierarzt Joachim Lessing auf seinem Grundstück in einigen Metern Höhe einen Nistplatz für Weißstörche errichtet hat, sind die Großvögel dort Stammgäste. Dass einer davon aber plötzlich in Lessings Gartens steht, hat Seltenheitswert. Und es ist bei einem Jungstorch kein gutes Zeichen.

Seltene Fünflinge hat das Schernecker Storchenpaar in diesem Jahr aufgezogen: "Das ist schon sehr, sehr viel gewesen", sagt Lessing. "Wahrscheinlich ist einer ein bisschen zu kurz gekommen. Wir hatten es schon gesehen, als er fliegen geübt hat." Der Jungstorch hatte ein sogenanntes "Hungergefieder": Einige Federn werden dann wegen fehlender Nährstoffe nicht korrekt entwickelt. "Die Schwungfedern sind bei diesem Storch nicht voll ausgewachsen", erklärt Lessing. Es fehlten vier von den sechs schwarzen Federn am Flügelende.


Erst im Garten, dann im Pool

Das wurde dem Storch - ironischerweise der Größte der fünf - bei seinem ersten ernsthaften Flugversuch zum Verhängnis. "Er ist vielleicht 100 Meter gesegelt", sagt Lessing. Ohne vernünftige Schwungfedern gelang ihm aber der Weg zurück in den Horst nicht, sondern er landete im Garten. "Ich habe dann versucht ihn hochzuscheuchen", aber mehr als anderthalb Meter Höhe brachte der Storch nicht zustande. Genug, um in den Pool zu stürzen. "Da haben wir ihn dann erst mal rausgeholt."

Das ist nun rund fünf Wochen her. Die hat der Storch in einer Voliere verbracht und wurde von Lessing aufgepäppelt. Die Hoffnung: Die Federn bilden sich noch und der Storch wird flugfähig. Allerdings drängt die Zeit: "Bis Ende August sollte er los", sagt Lessing, denn die Weißstörche sind schon voll im Reisefieber Richtung Süden. "Seine Geschwister sind schon vor drei Wochen los."


Risikoreiche Entscheidung

Deswegen hat Joachim Lessing das sehr scheue Tier nun erneut unter die Lupe genommen. Die gute Nachricht: Immerhin zwei Federn sind noch gekommen. Die schlechte: Zwei stecken noch in der Hülse. Ob das für einen Flug in den Süden reicht? "In der Voliere kommt er gut hoch. Aber die Frage ist, ob man das Risiko eingehen will." Dafür wolle sich Lessing zuvor noch einmal mit Fachleuten über mögliche Erfahrungsberichte austauschen.

Sollte es nicht klappen, wird es für den jungen Storch nichts mit dem Winter im Süden. Dann muss er entweder bei Lessing oder einer speziellen Einrichtung für Störche überwintern. "Es wäre schon schöner und auch artgerechter, wenn er mit Artgenossen zusammen ist", sagt Lessing. Bei der Mauser sollten dann die restlichen Federn folgen, damit es im nächsten Jahr ab in den Süden gehen kann.