Die zehn kleinen Negerlein besingt er aus Trotz, allerdings in einer perfiden, akuten Asylantenfassung. Und seinen ersten Roman hat er gegen alle political correctness "Mohr im Hemd" genannt. Der Wiener Martin Horváth war der eine starke Autor des heuer geschrumpften Roman-Marathons zum Auftakt der 10. Coburger Literaturtage. Auch Franziska Gerstenberg führte am Samstag in der ausverkauften Reithalle in perfide Zwischenwelten, bei ihr allerdings stracks auf Geschlechterabgründe zuhaltend, in sexuellen Obsessionen und in Machtspielen, für die schon die sechsjährige Tochter Gespür und Faible entwickelt: "Spiel mit ihr".

Dann hätte da noch Nora Bossong kommen sollen, sie sagte ab.
Am Abend vor der Lesung teilte zur Verzweiflung der Organisatoren (einige literarisch Versessene, die Buchhandlung Riemann, die Volkshochschule, der Coburger Literaturkreis und das Landestheater) auch ihr Ersatz Katharina Hagena mit, dass sie nicht kommen könne. Ihren packenden Roman "Vom Schlafen und Verschwinden" hat das Tageblatt in der Freitagsausgabe vorgestellt.
Da hatten die beiden Gekommenen eben mehr Imaginationsraum für ihren literarischen Blick auf die Gegenwart. Zuvor hatte Kulturbürgermeister Tessmer "Coburg liest" nach zehn Jahren als "nicht mehr wegzudenkende", professionell gestaltete Institu tion gewürdigt.

Markus Horváth führt uns in erschreckende Schicksale in einem Wiener Asylbewerberheim. Wir wollen doch gar nichts wissen von all diesem Leiden! Horváths bezaubernde, verführerisch schelmische Kunstfigur Ali, der Fünfzehnjährige aus Westafrika - hier ein bisschen gefoltert, da ein bisschen gefoltert, die ganze Familie ansonsten umgebracht, das Übliche halt - dieser poetisch-freche Ali allerdings hat die Kraft und die weite Seele, sich der Schicksale seiner 130 Mitbewohner anzunehmen, ihnen im Erkennen ihres Leides und ihrer Individualität die Würde zurückzugeben.

Im humorvollen, ja unerschrocken frechen Erzählen von Geschichten bringt Ali auch uns als bockig distanzierte Leser dazu, wahrzunehmen. In grotesken Überspitzungen hält er uns all die miesen Vorurteile und Klischees vor: Es tanzt ein Mimamuselmann und wirft sein Bömblein hinter sich.

Und so verändert sich doch Bewusstsein und dann Realität, in winzigen Impulsen über jeden einzelnen von uns. Literatur ist politisch, wenn auch nicht so dreist zupackend und umwälzend, wie sich der moderne Machertypus dies wünscht.

Sexuelle Machtspielchen

Im Mikrokosmos der menschlichen Beziehungen brodelt es ebenfalls. Wohin die sexuellen Rollenspiele des Rechtsanwaltes Reinhard führen, der mit 50 Jahren seinen Körper und übers Internet Kristine kennenlernt, ist aus den von Franziska Gerstenberg in Coburg vorgelesenen, packenden Passagen noch nicht unbedingt zu schließen. In ihrer knappen, konzentrierten Erzählweise allerdings vermochte sie atemlose Spannung zu erzeugen. Wer will jetzt nicht wissen, was Kristines Tochter Emma da mit dem verschreckten Nachbarn treibt, dessen Wohnung sie klammheimlich okkupiert?
Äußere und innere Welten: Auch dieser Roman-Marathon war am Puls unserer Zeit.

Franziska Gerstenberg wurde 1979 in Dresden geboren und lebt in Berlin. Sie war bereits bei der Erstauflage von "Coburg liest" dabei, damals als Erzählerin. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und erhielt unter anderem 2005 das Aufenthaltsstipendium in der Villa Concordia im Bamberg.

Martin Horváth wurde 1967 in Wien geboren, studierte Musik und lebt seit 1988 als freischaffender Musiker.

Die Bücher
Franziska Gerstenberg: Spiel mit ihr. Roman. Schöffling & Co, 264 Seiten. 19,95 Euro.
Martin Horváth: Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten.DVA, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Coburg liest 2013 geht weiter mit Harry Rowohlt heute im Contakt (ausverkauft) und morgen mit den Wohnzimmerlesungen des Landestheaters.

Fantastische Klangreisen