Helmut Lauterwasser und Steffen Voss ziehen sich Handschuhe über, bevor sie die historischen Drucke und Handschriften berühren. Sie packen sie vorsichtig in Blechkisten und polstern sie ab, damit die wertvollen Stücke keinen Schaden nehmen. Die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter bei RISM, einem internationalen Quellenlexikon der Musik, sind derzeit damit beschäftigt, wertvolles Notenmaterial, zum Teil mit Texten, aus der Landesbibliothek Coburg nach München zu bringen. Dort wird es katalogisiert und dann in RISM eingestellt. Helmut Lauterwasser ist begeistert vom Bestand der Landesbibliothek. "Es handelt sich um Musikhandschriften des 19. Jahrhunderts. Und für diesen relativ kurzen Zeitraum finden wir hier eine ungewöhnlich große Sammlung", erläutert er. Einige Musikalien seien sogar mit Lithographien verziert.
"Vieles wurde Ernst II. gewidmet." Der Coburger Herzog war selbst Opernkomponist. Er hatte maßgeblich zur Entwicklung des Theaterlebens in seinem Einflussbereich beigetragen und Kontakte zu solchen Zeitgenossen wie Franz Liszt und Richard Wagner geknüpft. Entsprechend international ist der Bestand, der sich inzwischen in der Landesbibliothek befindet. "Wir haben Liedtexte und Widmungen in englischer, französischer, russischer und polnischer Sprache gefunden. Das ist wohl auch der europaweiten Heiratspolitik des Herzoghauses zu verdanken", stellt Steffen Voss fest.

Material aus Schloss und Kirche


27 000 Musiktitel bewahrt die Landesbibliothek auf. "Einen großen Teil macht der Bestand des Landestheaters aus", erzählt die Leiterin der Landesbibliothek, Silvia Pfister. Die dort gesammelten Werke hat aber bereits der im vergangenen Jahr verstorbene Musiker, Dirigent und Musikkritiker Rudolf Potyra in einem speziellen Katalog zusammengefasst. Sie werden nicht noch einmal in RISM verzeichnet. Es bleibt aber noch genug zu tun für Helmut Lauterwasser.
Die Schlossmusikalien, die unter anderem auch Kompositionen Prinz Alberts enthalten, und die Kirchenmusikalien, vor allem der Bestand der Kirchenbibliothek von St. Moriz, gehen durch seine Hände. "Man muss jedes Blatt einzeln anschauen." Manchmal geben zum Beispiel Wasserzeichen über die Herkunftszeit Auskunft", erläutert er. Dass der Wissenschaftler in der Landesbibliothek auf eine wohl geordnete Sammlung zurückgreifen kann, ist vor allem das Verdienst des stellvertretenden Bibliotheksleiters Rudi Mechthold. "Es ist quasi sein Lebenswerk", sagt Silvia Pfister. Weil das Notenmaterial stark gefährdet ist, muss es durch Entsäuerung vor dem Papierzerfall geschützt und restauriert werden. Das kostet viel Geld. Deshalb hatte sich die Landesbibliothek mit dem Modellprojekt "Einlagen" innerhalb der Musiktheatersammlung um Fördermittel der bundesweiten Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts beworben. Die Initiative für dieses Projekt ging 2011 von Kulturstaatsminister Bernd Neumann aus. Die Coburger Einrichtung war eines von 40 Projekten, die den Zuschlag erhielten und unterstützt wurden.
Davon können jetzt alle Fachleute profitieren, die sich für die besonderen Musikalien des Herzoghauses aus dem 19. Jahrhundert interessieren. Sie werden in RISM katalogisiert und sind über die Landesbibliothek einsehbar. "Wir haben bereits Anfragen aus aller Welt", berichtet Silvia Pfister. Derzeit sind in RISM 2500 Titel aus der Schlossbibliothek und 257 aus der Morizkirche katalogisiert. Und es geht noch weiter. Helmut Lauterwasser war nun schon zum dritten Mal in Coburg und hat kleinere und große Schätze abgeholt - darunter auch eine aufwendig gestaltete Komposition von August Wilhelmj (1845 bis 1908). Er hat ein Stück für Gesang und Klavier nach Heinrich Heines "Loreley" (oder auch Lorelei) verfasst.