PRO

Eine Sache gebe ich gerne zu: Samba und Coburg passen auf den ersten Blick nicht ganz so gut zusammen wie etwa Coburg und Bratwurst. Doch abgesehen davon, dass eine Stadt, die sich das Motto "Werte und Wandel" gegeben hat, auch ruhig mal was Verrücktes ausprobieren darf, hat sich das Samba-Festival seit 21 Jahren bewährt. Und wie!

Vor 21 Jahren war noch der Pfingstkongress des Coburger Convents (CC) das wichtigste Ereignis für die Hotel- und Gastronomieszene. Ohne den CC jetzt inhaltlich bewerten zu wollen: Beim Pfingstkongress bleibt uns Coburgern - bis aufs Marktfest - nur die Rolle des Zuschauers.

Ganz anders beim Samba-Festival: Hier wird gemeinsam gefeiert. Menschen aus ganz Deutschland, ja aus ganz Europa, aus der ganzen Welt, kommen nach Coburg, weil sie mit den Coburgern drei fröhliche Tage verbringen wollen. Das Trommeln in einem oft sehr ähnlichen Takt mag nicht jedermanns Sache sein. Aber spannend wird die Sache doch vor allem dadurch, dass da auch gleichzeitig immer kräftig eine Werbetrommel gerührt wird.

Was kann es für eine Stadt ein besseres Aushängeschild geben als ein solch buntes Spektakel? Ich glaube zwar nicht, dass Coburg in Sachen Tourismus jemals so große Geldtöpfe anzapfen kann wie die Welterbe-Nachbarstadt Bamberg. Aber ein hoher und vor allem positiv besetzter Bekanntheitsgrad hilft auch auf vielen anderen und zum Teil sogar viel wichtigeren Feldern. Etwa, wenn es darum geht, Menschen davon zu überzeugen, nach Coburg zu ziehen. Spötter werden jetzt sagen: "Ach, ist Samba wohl Trommeln für Fachkräfte, oder was?"

Als Antwort verweise ich auf die HUK: Der größte Arbeitgeber der Stadt gibt jedes Jahr sehr viel Geld für den Open-Air-Sommer aus. Und zwar nicht, um in Coburg seinen Bekanntheitsgrad zu steigern - der liegt hier ohnehin schon bei 100 Prozent. Nein, dem Versicherungsunternehmen geht es darum, die Region zu beleben und attraktiv zu machen. Wer vor der Wahl steht, seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Coburg zu verlegen, wird viele Standortfaktoren prüfen.

Das fängt vielleicht bei der Verkehrsanbindung an, geht über die Familienfreundlichkeit und reicht bis mitten hinein in das, was man als Lebensqualität bezeichnet. Und gerade am Samba-Wochenende kann es jeder sehen und hören: Coburg ist bunt und voller Schwung - und das ist auch sehr gut so. Oliver Schmidt


CONTRA

Stimmt, Samba passt nicht zu Coburg. Das tut aber vieles nicht. Gardetanz zum Beispiel gehört ja auch nicht nach Franken, sondern an den Rhein. Und natürlich muss in einer Stadt etwas los sein, sonst ist sie langweilig. Aber es muss einem freigestellt bleiben, ob man mitmacht oder nicht. Samba jedoch kann sich niemand entziehen. Es trommelt einem das Fell. Es trommelt und trommelt. Es trommelt rund um die Uhr. Krieger trommelten früher durch den Tag und die Nacht, um ihren Gegner nervlich zu zermürben.

Das funktioniert heute noch. Dabei gibt es in Coburg schon eine Menge, das es lohnend macht, die Stadt zu besuchen. Aber Schlossplatzfest, Schützenfest, Konzerte auf dem Schlossplatz - sogar dem Fasching und dem CC kann man aus dem Weg gehen. Samba nicht.

Ein nettes Sambafest auf dem Schlossplatz mit einem hübschen Umzug durch die Stadt, das wäre ein hübscher Farbtupfer. Aber Samba überschwemmt die Stadt, zermalmt sie, macht sie für jeden, der nicht trommeln und im Rhythmus wippen oder überteuerten Container-Caipi konsumieren will, zu einem entsetzlichen Ort.

Freilich kann man es aushalten, ein paar Tage auf die gewohnte Nutzung seiner Heimatstadt zu verzichten. Man kann ja auch mal in Kronach, Lichtenfels oder Bamberg in einer schönen Altstadt im Café oder im Biergarten sitzen. Ich will das aber lieber in Coburg und muss daher Samba nicht mögen dürfen.

Wer aber in Coburg wohnt, der darf Samba hassen. Er sollte Mietminderung geltend machen, weil er seine Wohnung praktisch gar nicht mehr nutzen kann. Samba lockt Menschen nach Coburg. Wahrscheinlich nicht ganz so viele, wie die Veranstalter stets vorrechnen, um die Bedeutung des Spektakels zu unterstreichen, aber zu viele für ein Städtchen dieser Größe.

Und Samba vertreibt Menschen aus Coburg, weil es nervt. Natürlich kommen sie wieder, weil Coburg schön ist - solange da kein Sambafest gefeiert wird. Es fällt einem freilich leichter, Samba doof zu finden, wenn man allein die Musik schon nicht für solche hält. Aber selbst wenn das Getrommel schön wäre - das Sambafestival ist penetrant und impertinent, es ergänzt Coburg nicht, es besetzt die Stadt.

Es unterdrückt und übertrommelt alles, was Coburg ausmacht. Deswegen mag ich es nicht. Wer seine Freunde ärgern will, schenkt ihrem Kind eine Trommel - oder ihrer Stadt ein Sambafest. Rainer Lutz