Der Einsatz Ende August im Coburger Stadtteil Neuses entsprach in nahezu allen Facetten dem Tagesgeschäft der Polizei: Gegen 1.15 Uhr an einem Sonntag drang aus einer Wohnung laute Musik. Genervte Nachbarn verständigten die Polizei. Die Anwohner hatten genug von der nächtlichen Ruhestörung. Als die Beamten die Feier beenden und die Nachtruhe wieder herstellen wollten, war ein Mann überhaupt nicht einverstanden und zeigte auch keine Einsicht. "Vielmehr war er äußerst renitent und bedrohte die Beamten." Sie nahmen den Mann in Gewahrsam, wobei es zu einer intensiven Rangelei kam, die auf dem Boden und für den Raufbold in Handschellen endete. "Trotzdem wehrte er sich weiter", berichtet Stefan Probst. Der Pressesprecher der Polizeiinspektion Coburg zu dem ungewöhnlichen Aspekt des Vorgangs: "Der Mann war völlig nüchtern."


Alkohol verstärkt die Aggression

In der Regel ist Alkohol der Auslöser für Gewalt gegen Polizeibeamte, verstärkt die Aggression und setzt jegliche Hemmschwelle herunter. 604 Fälle von Gewalt registrierte das Polizeipräsidium Oberfranken im Jahr 2016 gegen Polizeibeamte. Nach zwei Jahren ist die Zahl solcher Vorfälle wieder um 14,2 Prozent oder 75 Fälle gestiegen. 2020 Polizeibeamte waren davon betroffen, rund 190 Beamte erlitten bei den Angriffen zum Teil schwere Verletzungen. Nahezu täglich werden Polizisten in Oberfranken beleidigt und körperlich oder sogar mit Waffen angegriffen.

Bei über drei Viertel der Täter, 417 Personen, stellte sich der Einfluss von berauschenden Mitteln heraus. 341 Mal oder zu 81,8 Prozent war dies Alkohol. Drogen und Medikamente wurden in 35 Fällen festgestellt und 41 Mal konnte die Kombination von Alkohol als auch Drogen und Medikamenten nachgewiesen werden.

Im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Coburg ereigneten sich im vergangenen Jahr 57 Delikte, bei denen Polizisten geschädigt wurden. Die Mehrzahl waren Beleidigungen, die neben Schimpftiraden unterschiedlichster Ausprägung und Lautstärke auch Gesten und Mimik umfassten. Dabei bedarf es mitunter nicht einmal eines konkreten Anlasses. "Erst kürzlich bekam eine Polizeistreife den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt, als sie mit dem Dienstwagen vorbeifuhr. In diesem Fall kam es zur Anzeige, die von der Justiz auch verfolgt wird."

Oft schlägt der Polizei Aggression entgegen, wenn eine Festnahme erfolgen oder Identitäten festgestellt werden sollen. Weiter wurden 18 Körperverletzungen in Zusammenhang mit dem Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte registriert, Widerstandshandlungen ohne Körperverletzungen gab es sieben. Schließlich waren noch drei Nötigungen im Straßenverkehr zu registrieren.


Glasscherben am Hals

Bespuckt und beschimpft zu werden, das ist auch für die Angehörigen der Polizeiinspektion Neustadt alltäglich. Vor wenigen Wochen wurden Beamten zu einer Schlägerei in einer Spielothek gerufen. Kaum eingetroffen, waren die Ordnungshüter auch Ziel eines Angriffs. "Im vergangenen Jahr hatten wir einen leichtverletzten Beamten, in 2017 glücklicherweise noch keinen", stellt Günter Kieswetter fest. Der stellvertretende Leiter der PI Neustadt weiß aber auch von einer der letzten Abschiebungen zu berichten: Da bewaffneten sich Familienangehörige mit Scheren und Glasscherben und drohten, sich damit selbst zu verletzten. "Die Männer hielten sich die großen Scherben an den Hals."

Während Polizisten häufiger von Gewalt in Zusammenhang mit ihrem Dienst betroffen sind, stehen Sanitäter während des Einsatzes weniger im Fokus. "Es ist ein Thema, aber wir haben noch lange nicht die Situation wie in Großstädten", sagt Oliver Nelkel.

Der stellvertretende Leiter des Rettungsdienstes im BRK Kreisverband Coburg berichtet von Betrunkenen, die ab und an die Rettungssanitäter anpöbeln. "Meist ist vor uns schon die Polizei da gewesen und hat für Ruhe gesorgt. Trotzdem haben die Helfer die Anweisung, sich nicht in gefahrvolle Situationen zu bringen." Mitunter bedarf es nur einer deutlichen Ansprache, um die Situation zu klären. "Etwa als sich während eines Einsatzes ein Betrunkener ans Steuer des Rettungswagens gesetzt und an den Knöpfen und Schaltern herumgespielt hat."
Angesichts des abnehmenden Respekts gegenüber der Polizei spielt die Prävention eine größere Rolle. Wenn im November die neuen blauen Uniformen für die Beamten der Polizeiinspektion Coburg ausgeliefert werden, "sind dabei auch die neuen Schusswesten", erklärt Pressesprecher Stefan Probst. "Früher wurde die Weste nahezu nicht sichtbar unter dem Hemd getragen." Jetzt zeigen die Überzieh-Schusswesten ganz offen, wie aufmerksam die Beamten vor Gewalt auf der Hut sind.