Den ganzen Morgen über lag ein feuchter Nebel über der Wiese zwischen Neustadt und Wildenheid. Der verzog sich aber pünktlich zur diesjährigen Baumpflanzaktion im Neustadter "Familienwald".

Dutzende Freunde und Familien, Jung und Alt trafen sich am Freitagnachmittag an der Eiche, Erle oder Traubenkirsche, die sie sich zuvor beim Neustadter Bauhof ausgesucht hatten. Sie befüllten das Loch ihres noch schmalen Bäumchens mit Erde, wässerten es und stießen mit Sekt, Bier oder Orangensaft darauf an, dass es bald Wurzeln schlagen möge.

Familie Fischer hat allen Grund zur Freude: Vor acht Monaten kam Laura zur Welt. Bereits vor zehn Jahren hat die Familie zum 80. Geburtstag des Opas einen Baum am ersten Standort, der Knochswustung, gepflanzt. Nun kommt für Laura eine Stieleiche hinzu. "Wir finden den Familienwald toll, denn nicht jeder hat zu Hause die Möglichkeit, einen Baum zu pflanzen." Nachdem Lauras Vater das Loch unter vollem Körpereinsatz mit Erde zugeschüttet hat, wird erst einmal mit Sekt angestoßen.

Während an der Stileiche von Familie Fischer die Korken knallen, stehen ein paar Meter weiter drei Leute andächtig vor ihrer Stileiche, die sie für ein befreundetes Ehepaar gepflanzt haben. Elfriede, erklärt einer von ihnen, ist im September im hohen Alter von 92 Jahren gestorben, ihr Mann schon vorher. "Sie hat immer gesagt, dass sie 100 Jahre wird. Das hat sie nicht ganz geschafft", sagt der Neustadter, der neben der Eiche eine Eisenstange mit einer Gedenktafel für die alten Freunde angebracht hat.

Beide hätten zwar ihr Alter gehabt, aber es sei trotzdem traurig, dass sie nun nicht mehr am Leben sind. "Sie waren in unserer Familie fest integriert und immer mit dabei." Die Eiche, die in einigen Jahren groß und wuchtig sein wird, soll ihn immer an seine Freunde erinnern. "Ich fahre hier jeden Tag auf meinen Arbeitsweg vorbei. So kann ich immer hallo sagen."

Eine Reihe weiter freuen sich Inge und Werner Witmann über die Linde, die ihnen Schwager und Schwägerin zur Goldenen Hochzeit geschenkt haben. Eine Linde musste es sein, so eine wie die auf dem großen Platz der Gartenkolonie in Neustadt, wo das Paar seinen Schrebergarten hat. Die Überraschung der Verwandtschaft ist geglückt: Das Jubiläumspaar strahlt mit der Sonne um die Wette, umarmt sich und sagt: "Unglaublich, dass wir schon seit 50 Jahren verheiratet sind. Die Zeit verging so schnell."

So verschieden die Anlässe an diesem sonnigen Herbsttag auch waren: "Ich wünsche Ihnen allen viel Freude an Ihrem Baum", gratulierte Neustadts Bürgermeister und gab den 20 neuen Baumbesitzern noch einen Tipp: "Vergessen Sie nicht, er braucht in den ersten Lebensjahren viel Wasser."

Als das Familienprojekt 2011 von der Stadt Neustadt ins Leben gerufen wurde, wurden in der Knochswustung innerhalb von fünf Jahren bereits 170 Bäume gepflanzt. Der Platz wurde knapp, weshalb auf der sumpfigen Wiese zwischen Neustadt und Wildenheid eine zweite Fläche geschaffen wurde, damit die Neustadter zu ihnen wichtigen Anlässen - Geburtstag, Eiserne Hochzeit, Goldene Konfirmation, in Gedenken an einen Verstorbenen - einen Baum pflanzen können.

Die Mitarbeiter des Neustadter Bauhofs beraten die Bürger und besorgen die Bäume. Zur Auswahl stehen acht Sorten, darunter Eiche, Erle, Ulme und Traubenkirsche. Einmal eingepflanzt, werden die Bäume von den Mitarbeitern regelmäßig gegossen. Sollte einer mal keine Wurzeln schlagen oder absterben, ersetzen ihn die Mitarbeiter. Es ist jedoch ausdrücklich erwünscht, dass sich die Bürger hin und wieder selbst um ihren Familienbaum kümmern.

Anlässe könnten begrenzt werden

Mit den 20 neuen Bäumchen ist der Familienwald kurz vor Wildenheid inzwischen ebenfalls gut gefüllt. "Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, wussten wir nicht, wie die Bürger den Familienwald annehmen", erinnert sich Bürgermeister Frank Rebhan. Das Interesse ist jedoch so groß, dass der Platz allmählich knapp wird.

Die Stadt überlegt deshalb, die Anlässe, zu denen ein Baum im Familienwald gepflanzt werden darf, zu begrenzen. "Uns ist wichtig, dass die Bürger bei der Geburt eines Kindes und zum Andenken an einen Verstorbenen einen Baum pflanzen können." Es kann also gut sein, dass Inge und Werner Wittmann eines der letzten Paare waren, die ihre goldene Hochzeit mit einer Linde im Familienwald gefeiert haben.