Fäkal, genital, animalisch - es ging um die größtmögliche Beleidigung. Derlei drastische Darstellungen würden heute nicht akzeptiert. Der Lust an der Lästerung zur Zeit der Reformation geht die neue Ausstellung der Kunstsammlungen auf der Veste nach. In der Steinernen Kemenate hat der Direktor der Kunstsammlungen, Klaus Weschenfelder, aus den reichen Beständen 65 Exponate, darunter Grafiken von Dürer, Cranach und Hans Baldung Grien, sinnfällig arrangiert: Diese Polemik, die drastische Ausdrucksweise in Bild und Wort, lässt uns an vielen Stellen schlucken.

"Diese Flugblätter waren die Shitstorms des 16. Jahrhunderts", verdeutlicht Weschenfelder die Wirkungsdimension. Nicht nur die Bibel konnte mittlerweile in höheren Auflagen gedruckt werden.
Auch die per Flugblatt massenhaft verbreitete Beleidigung überzog die Welt nun, in einer generell ja bilderarmen Zeit, in der jede Darstellung weit höhere mentale Durchschlagskraft hatte, als wir dies heute noch nachvollziehen können. Gedruckt zu Hunderten, wanderten die krassen satirischen Flugblätter von Hand zu Hand. Sie erreichten Tausende.

In der neuen Ausstellung auf der Veste haben Sie nun die Wahl: Gehen Sie zunächst den Weg der Lutheraner, eine teuflisch rote Leuchtschrift weist die Richtung. Und stoßen Sie dann auf die Gegenreaktion der Papisten. Oder auch andersrum. Die hintergründige Schau versteht sich als Beitrag der Kunstsammlungen zum "Jahr der Toleranz" innerhalb der Lutherdekade und zum heute erst Recht wieder brisanten Ringen um Toleranz zwischen den Kulturen.

Harte Gangart

Mit der Reformation wird die Forderung nach Toleranz lauter. Gleichzeitig, so erläutert der Kurator - in den nächsten Monaten auch bei speziellen Führungen, bei denen die für uns gar nicht mehr so leicht zu "lesenden", anspielungsreichen Bilder aufgeschlüsselt werden - "verschärft sich auch die Gangart der öffentlichen Auseinandersetzung", ein dialektischer Prozess. In den Flugblättern des frühen 16. bis frühen 17. Jahrhunderts werden die Grenzen erprobt. Wir würden heute sagen, da ging vieles entschieden zu weit. Eine Kultur der öffentlichen Auseinandersetzung musste erst gefunden werden.

Dass der Papst von den Lutheranern gerne als Antichrist dargestellt wird, der den Untergang des Christentums bringt, ist eines der vorherrschenden Muster. Verzerrte Gestalten, Monsterfratzen, das papistische Narrenschiff fährt in den höhnisch aufgerissenen Höllenrachen. Luther hat ein Buch herausgegeben mit 26 Holzschnitten von Lukas Cranach, in denen Motive aus den Evangelien mit Antichristpolemik kontrastiert wird. Die verfressenen, verhurten, geistig verwirrten Mönche waren ein weiteres beliebtes Feindbild der Reformation. Da wird in die Tiara gekackt, man pisst auf die Gegner und zeigt sie Sch... fressend.

Der Papst hurt herum. Der "Stellvertreter Gottes auf Erden" und einer seiner Kardinäle werden aufgehängt, und zwar links und rechts am Balken des Kreuzes. Einer der Höhe- oder auch Tiefpunkte: Auf einem Flugblatt von 1569, "Die Geburt der Jesuiten", betet der Papst ein sich mit einem Hund paarendes Schwein an. Die zur Welt kommenden Schweinehunde werden eifrig unterrichtet und auf die Menschheit losgelassen. In anderen Drucken vollziehen Tiere katholische Riten. Die Texte unter den satirischen Darstellungen sorgen für absolute Klarheit im Gemeinten. Tiervergleiche scheinen besonders geschätzt gewesen zu sein.

Luther mit Heiligenschein

Das schmuddelige Titelbild der Titanic, auf dem sich Papst Benedikt hinten und vorne besudelt hatte, wurde im letzten Jahr verboten; die persönliche Würde war eindeutig verletzt, diese Ausgabe der "Titanic" durfte nicht weiter verbreitet werden.

Die Katholische Kirche versuchte zwar während der Reformation, gegen den beißenden Spott vorzugehen, kam aber gerade in den reformatorischen Städten nicht dagegen an. Es dauert fast hundert Jahre, bis die Gegenreformation mit den gleichen Mitteln zurückschlägt. In diesem Kapitel der Ausstellung sehen wir nun, wie der dickbäuchige Luther samt seiner Mitstreiter ausgetrieben wird. Da ziehen dann Luther und Calvin in den Höllenrachen, "Luthers Eintritt in die Hölle" von 1700 ist eine der beiden Leihgaben aus Genf. Es sind die gleichen Themenmuster, die jetzt bedient werden.

Weitere Aspekte der mittels Flugblatt geführten öffentlichen Auseinandersetzung waren später dann die Anfeindungen der unterschiedlichen evangelischen Strömungen gegeneinander. Die reformatorische Propaganda nutzte das neue Medium, um Luther einen Heiligenschein zu verpassen. Dann erschienen auch Blätter, die generell Kritik an den Formen der Machtausübung formulieren. Muselmanen, Juden, die Indianer werden später plakativ zur Zielscheibe des Spottes, die Spuren und Muster solcher kulturellen Verunglimpfung wirken ja bis heute. "Luther hat Toleranz-Vorstellungen und drastische Formen des Blasphemischen entwickelt", fasst Klaus Weschenfelder zusammen. "In anderen Religionen ist da bis heute kein Weg gefunden."

Kunstsammlungen der Veste Coburg "Die Lust an der Lästerung - Bildpolemik zur Zeit der Reformation". 65 Exponate, vom delikaten Flugblatt bis zum Geschützrohr aus Bronze. Mit einigen polemischen Bildern aus den Satiremagazinen "Titanic" und "Charlie Hebdo" zu Religion und Kirche in der Gegenwart. Bis 8. September, täglich von 9.30 bis 17 Uhr.