Da staunten die Bauarbeiter nicht schlecht: Als sie an der Ecke Mohrenstraße/Mauer nach einem Leck in der Fernwärmeleitung suchten, tat sich plötzlich der Boden auf und zum Vorschein kam eine Art Kellergewölbe. Zu welchem Haus dieser Raum einst gehört hat, lässt sich heute nicht mehr so einfach sagen. Im Coburger Stadtarchiv findet sich nur ein einziger alter Plan von 1909, auf dem der Hohlraum eingezeichnet ist. Doch selbst damals war er schon zugemauert.

Ein Tageblatt-Leser hatte sich in der Redaktion gemeldet, weil sich auf der Baustelle in der vergangenen Woche plötzlich nichts mehr tat. Stefan Schneidawind, Hauptabteilungsleiter Fernwärme-Kraftwerke bei den SÜC, bestätigt das dem Tageblatt. Zunächst habe die SÜC das Leck in der Leitung nicht orten können. Nach außen hin sei der Schaden nicht sichtbar gewesen. Bei der beschädigten Leitung in der Raststraße zum Beispiel war seinerzeit Wasserdampf ausgetreten und hatte die Arbeitet quasi zum Leck geführt, das war aber auf der Mauer nicht der Fall.

Die Arbeiter seien beim Aufgraben der Straße von erdverlegten Leitungen ausgegangen, sagt Schneidawind. Doch die Fernwärmeleitung sei in dem dubiosen Keller verlegt und der in den Plänen der SÜC nicht eingezeichnet. "Wir waren natürlich sehr überrascht, als plötzlich der Keller auftauchte." Dort lägen übrigens nicht nur Leitungen der SÜC, sondern auch noch andere. Der Keller sei relativ lang und nicht sehr breit, vielleicht zwei Meter. Schneidawind vermutet, dass frühere Eigentümer ihn einfach nicht mehr in neue Pläne aufgenommen haben.

Was passiert nun mit dem Loch und dem Gewölbe? Da es sich um einen Raum handle, der nicht "überwacht" werden könne, weil es keinen Zugang gibt, müsse er zunächst statisch gesichert werden, sagt Schneidawind. "Und wir versuchen jetzt , die Leitungen an anderer Stelle in der Straße neu zu legen." Das sei allerdings nicht so einfach, zumal im Lutherjahr eigentlich keine größeren Baumaßnahmen in der Stadt ausgeführt werden sollten. "Es ist auch nicht damit getan, einfach nur ein Rohr zu verlegen. Es müssen Aufträge erteilt und Material bestellt werden", sagt der SÜC-Fachmann. "Die ganze Baustelle zu koordinieren, das braucht alles ein bisschen Zeit."

Schneidawind könnte sich vorstellen, dass das Gebäude früher einmal eine Gaststätte gewesen ist, "vielleicht um die Jahrhundertwende, denn es gab eine Schwemme". In einem Punkt ist er sich allerdings ganz sicher: "Das Bernsteinzimmer liegt definitiv nicht dort unten, nur Schutt und ein paar tote Ratten."


Ein Keller, den offenbar niemand brauchte

Stefan Schneidawind vermutet richtig: Die Mohrenstraße 38 war lange Zeit Gaststätte. Zumindest wird sie in Ernst Cyriacis Häusergeschichte der Stadt Coburg als solche geführt. 1858 stand hier die "Grübelei" des Bierbrauers Wilhelm Schaffner. 1872 wurde angebaut; die Pläne von damals zeigen ein neoklassizistisches Gebäude, das nicht nur ein Restaurant enthielt, sondern auch ein "Bierzimmer" und ein Billardzimmer.

1878 übernahm der Restaurateur Albrecht Schaffner die "Grübelei", 1901 wurde daraus die "Vereinsbrauerei" mit dem Wirt Michael Jäger. 1905 erwarb der Baugewerksmeister Hans Münscher das Gebäude und reichte alsbald Pläne für einen Neubau ein. 1909 war das, und auf einem dieser Pläne, dem fürs Untergeschoss, ist tatsächlich ein "alter Keller" unter dem Verlauf der Straße Mauer eingezeichnet. Allerdings ist dort, wo sich die Verbindung zum Haus befinden würde, im Plan der Schacht für den Aufzug in die Spülküche vorgesehen. Ob die Verbindung schon vorher verschlossen wurde, geht aus dem Plan nicht hervor.

Der Keller auf dieser Zeichnung entspricht Schneidawinds Beschreibung: lang und schmal. Außerdem verläuft er ziemlich kurvig. Für Reiner Wessels von der Wohnbau Stadt Coburg, der sich intensiv mit der Stadtarchäologie befasst, ein Hinweis darauf, dass es sich um einen alten Verbindungsgang oder einen alten Kanal handeln könnte. Solche Gänge gebe es mehrere, zum Beispiel in der Unteren Anlage oder Hinterm Marstall, sagt er.


Dicke Akte, kein Hinweis

Das Stadtarchiv jedenfalls birgt keine weiteren Pläne oder Unterlagen, die Hinweise auf Tunnel oder Gänge unter dem Pflasterbelag der "Mauer" geben, versichert dessen Leiter Michael Tröbs. Das sei aber nicht ungewöhnlich, sagt er: "Von der alten Probstei wusste auch niemand etwas, bis die Ratsschule abgerissen wurde." Am Kirchhof befand sich einst eine Benediktiner-Probstei, darüber steht heute das Ämtergebäude. Die Stadt hat dort ein Grabungsmuseum eingerichtet, das auf Anfrage während der Öffnungszeiten der Stadtverwaltung besichtigt werden kann.

Das Haus Mohrenstraße 38 füllt eine dicke Akte im Stadtarchiv, wenn auch nicht wegen des Kellers. Münschners Neubaupläne für das Hotel "Bürgerhof" wurden 1910 genehmigt und auch umgesetzt. Das Haus erhielt damals im Wesentlichen seine heutige Gestalt. Allerdings hatte Münschner einen der Giebel verschiefert, was dem Magistrat der Stadt nicht gefiel. Aus gestalterischen Gründen sollte Münschner den Schiefer wieder entfernen. Er weigerte sich und zahlte mehrere Geldstrafen, insgesamt 220 Mark. Am Ende hatte der Magistrat genug und genehmigte "in Gnaden" und weil Münschner nun schon genug bezahlt habe, den Schiefergiebel.

Als nächstes findet sich in der Akte die Bitte des Kinobetreibers Edmund Kluge aus dem Jahr 1914, der eine Hinweistafel für sein "Central-Theater" an dem Gebäude anbringen wollte. Der Kinosaal ist schon auf den Plänen von 1909 verzeichnet.

Doch nach dem Ersten Weltkrieg und dem Anschluss von Coburg an Bayern rentierte sich der "Bürgerhof" offenbar nicht mehr. Die Bayerische Discount- und Wechselbank Nürnberg (später Bayerische Hypotheken- und Wechselbank) legt 1921 Umbaupläne für Geschäfts- und Tresorräume vor - und hat bald den nächsten Streit mit der Stadtverwaltung. Diesmal geht es um Fenster, die illegalerweise in die Brandmauer gesetzt wurden. Hier sind die Strafandrohungen schon höher: Fünf Billionen Mark sind angesetzt. Die Bank argumentiert, dass diese Fenster schon vorher da waren.