Hermann und Jörg Kiederle sitzen in dem kleinen Büro in der ersten Etage. Sie lächeln, aber es ist ihnen anzusehen, wie schwer sie sich die Entscheidung gemacht haben, ihr Geschäft in zwei Monaten zu schließen. "Wir haben immer gehofft, dass wir es schaffen. Aber wir müssen die wirtschaftliche Seite betrachten, und die lässt es nicht mehr zu, dass wir weitermachen", erläutert Jörg Kiederle. 30   000 Euro Privatvermögen haben sie in den vergangenen zwei Jahren zugebuttert. Jetzt sei es genug. Denn noch haben die Kiederles keine Schulden, sie sind auch nicht pleite. Ihre Arbeit lohnt sich einfach nicht mehr. Und sie sind nicht die einzigen im Musikaliengeschäft. "Die gesamte Branche steht vor großen Umwälzungen." Der Internethandel und die riesigen Musikhäuser machen den kleinen Läden den Garaus.

Handel mit Noten eingebrochen

"Das Geschäft mit Notensätzen ist bis zu 80 Prozent eingebrochen - auch bei unseren Kollegen", sagt Jörg Kiederle. Zwar gebe es den Internethandel mit Noten schon länger, bisher aber immer noch zu den üblichen Preisen plus Versandkosten. Seit aber ein weltweit agierender Versandhandel mit extrem niedrigen Preisen und teilweise kostenfreiem Versand eingestiegen sei, können die Händler vor Ort nicht mehr mithalten. Jörg Kiederle ist überzeugt: "In den nächsten fünf Jahren wird es kein Musikgeschäft in Städten unter 100  000 Einwohnern mehr geben." Allein in Nordbayern werden drei bis fünf Händler aufgeben oder haben schon geschlossen, sagt der Coburger. "Selbst unsere Lieferanten haben ihren Außendienst schon reduziert."

In eines dieser Häuser wechselt Jörg Kiederle jetzt: Er wird zukünftig in der Klaviergalerie des Musikhauses Thomann tätig sein. Der Bruder Thomas und zwei weitere Lehrer geben bis zum Jahresende noch Musikunterricht.Thomas Kiederle wird aber weiterhin Klaviere stimmen, den Piano-Service und gebrauchte Klaviere anbieten.

Vater Hermann Kiederle geht endgültig in den Ruhestand und konzentriert sich mehr auf seinen Garten. Doch auch ihm fällt der Abschied vom Haus in der Steingasse 14, das der Familie gehört, sichtlich schwer. Zeit, sich zu erinnern. Im Jahr 1929 hatte sein Vater Georg das Geschäft an gleicher Stelle gegründet. "Er verkaufte damals Streichinstrumente und Gitarren, die er selbst gebaut hatte und natürlich Noten." Auch der Sohn Hermann erlernte den Beruf des Geigenbauers, verbrachte vier Jahre in der Schweiz und legte 1954 die Meisterprüfung in München ab. Dann übernahm er das Geschäft, der Vater arbeitete mit, bis er 1982 starb.

Sortiment immer wieder erweitert

In der Steingasse wurde umgebaut und das Sortiment um elektronische Instrumente erweitert. Das Musikhaus Kiederle war einer der ersten Yamaha-Händler in Deutschland. In den 80er Jahren ging's los mit dem Musikunterricht. "Unsere beste Zeit hatten wir in den 50er, 60er und 80er Jahren", erzählt Hermann Kiederle. Unter seiner Ägide wurde das Angebot immer weiter ausgebaut. Bald kamen zu den Instrumenten Zubehör und Noten. 1995 stiegen dann die Söhne ins Geschäft ein. Sie erweiterten das Sortiment um neue Marken und mehr Elektronik. Außerdem richteten sie einen Web-Shop ein. "Es ging uns dabei hauptsächlich um Informationen. Darüber hinaus haben wir Instrumente vermietet mit der Option, sie später auch zu kaufen", erzählt Jörg Kiederle. Seit zwei, drei Jahren seien die Umsätze aber stark zurückgegangen. "Dieses Frühjahr war besonders schlimm - für die ganze Branche."

Die Ursachen dafür sieht der Geschäftsmann aber nicht nur im überbordenden Internethandel. "Nur zehn Prozent der Bevölkerung musizieren." Oft würden Instrumente von minderer Qualität bei Discountern gekauft. "Die funktionieren nicht richtig und die Leute kommen damit zu uns. Wir können da aber auch nichts machen, und so verlieren sie schnell die Lust."

Hermann Kiederle denkt daran, wie das früher war. "Da war das Musizieren noch etwas Besonderes, eine Magie ging davon aus." Dass diese Magie verlorengegangen sei, betrachtet der Geigenbauer als einen Verlust für die Kultur.