Es hört sich an wie das Drehbuch eines schlechten Films: Am Freitagnachmittag wurden zwei Show-Kleider der A-Formation der Tanzsportabteilung des Turnvereins Ketschendorf aus den Umkleidekabinen entwendet (siehe Text unten). Für die Tänzer eine Katastrophe.
Beirren ließen sich die Coburger von dem Sabotageversuch nicht. Mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch erkämpften die lateinamerikanischen Paartänzer einen hervorragenden vierten Platz und haben einmal mehr bewiesen, dass sie in die Regionalliga gehören.


Schlechter Scherz

"So etwas habe ich während meiner ganzen tänzerischen Karriere nicht erlebt", sagt André Heller vor dem Turnier der Regionalliga Süd am Samstagabend sichtlich geschockt. Gleich zwei der maßangefertigten Kleider wurden aus den Umkleidekabinen der Tänzer entwendet. "Wir wissen nicht, ob derjenige aus dem Tanzsport kommt oder sich schlicht einen schlechten Scherz erlaubt hat", erklärt der Trainer des TV Ketschendorf.
Zum Lachen ist wirklich niemandem zu Mute. Ein Kleid hat einen Wert von 1000 Euro und ist aus Stoffen gefertigt, die nicht ohne weiteres nachproduziert werden können. Alles, was von den Einzelstücken übriggeblieben war, sind Federn, die offensichtlich abgeschnitten und vor der Toilettentür aufgefunden worden sind. Es folgte eine Welle der Solidarität von Vereinen aus der gesamten Bundesrepublik. "Viele denken, dass Intrigen zum Tanzsport dazugehören", sagt André Heller. "Aber dem ist nicht so."
Alle Unterstützung half aber nichts: Der TV Ketschendorf musste beim vierten Turnier der Saison in der Angerturnhalle mit den Kleidern vom Vorjahr antreten. "Die Farben sind die gleichen", bestätigt André Heller. "Aber unsere Tänzerinnen fühlen sich nicht wohl und es ist eine ungewohnte Situation", gibt er zu. Der Trainer gibt sich aber kämpferisch: "Vielleicht tanzt es sich mit Wut im Bauch besser."


Kämpferisch und motiviert

Er sollte Recht behalten. Vor rund 1000 Zuschauern musste der TV Ketschendorf als erster seine Choreographie "Phoenix" präsentieren. Nach ein paar kurzen Grußworten des neuen Vorsitzenden Norbert Kastner und des Coburger Oberbürgermeisters Norbert Tessmer wurde es gleich ernst. Vor dem Einmarsch hat sich das Team noch einmal in der Kabine versammelt, um sich mit der Musik mental auf die Choreographie einzustimmen.
Sechs Minuten lang darf die Präsentation sein und in diesen Minuten gaben die acht Paare körperlich und expressiv alles. Cha-Cha-Cha, Rumba, Samba, Paso Doble und Jive sind die Tänze, die dem Publikum und den vier Punktrichtern präsentiert werden müssen. Bewertet werden Takt und Rhythmus der Musik, die tänzerische Leistung, die Ausführung der Choreographie sowie Durchgängigkeit und Charakteristik. Zwar gibt es in "Phoenix" keine Hebefiguren, dafür anspruchsvolle Round abouts und Pirouetten.


Gute Leistung abgeliefert

Nach weiteren neun Teams aus den Regionen Altenburg bis München stand fest: Der TV Ketschendorf ist unter den besten sieben und hat somit das große Finale erreicht. "Bis auf wenige Wackler haben wir eine sehr gute Leistung abgeliefert", bestätigt André Heller. "Aber ich weiß, dass die Jungs und Mädels noch eine Schippe drauflegen können." Und das taten sie. "In der zweiten Runde holten die Ketschendorfer alles aus sich heraus und lieferten ein grandioses Finale ab, bei dem sie diesmal als Vierter an den Start gehen mussten. André Heller hielt es während der Darbietung seiner Tänzer kaum mehr auf dem Stuhl. Das Publikum tobte und auch die Punktrichter waren sichtlich angetan. Gleich drei von ihnen sahen den TV Ketschendorf sogar auf dem dritten Platz.
Am Ende hat das Team das Podest um Haaresbreite verpasst. Sieger wurde trotz kurzer musikalischer Panne vor Beginn der Präsentation die Tanzsportgemeinschaft Weinheim mit ihrer Choreographie "Showgirls", die von Emanuil und Sarah Karakatsanis entwickelt worden ist.
Auch, wenn es für das Podest nicht gereicht hat, sind die Tänzer des TV Ketschendorf zufrieden. "In dem alten Kleid zu tanzen war ungewohnt", gibt Mareike Ponsel zu. "Aber wir haben gehofft, dass wir mit dem Coburger Publikum noch ein paar Prozent zulegen können."In zwei Wochen ist Saisonfinale in Altenburg. Auch, wenn sich das A-Team des TV Ketschendorf in der Regionalliga etabliert hat, war die laufende Saison für alle Beteiligten kräftezehrend. "Wenn alles vorbei ist, werde ich in Urlaub fahren und meine Akkus aufladen", sagt André Heller. Einige Tänzer werden es ihm gleichtun. Er verspricht aber: "Danach kommen wir zurück und versuchen, noch besser zu werden."


Um Hinweise wird gebeten

Für Hinweise, die zum Auffinden der zwei verschwunden Kleider führen, hat der TV Ketschendorf eine Belohnung in Höhe von 250 Euro ausgesetzt. Falls der Dieb einsichtig werden sollte, können die Kleider bei jedem Vereinsmitglied oder anonym am Gelände zurückgegeben werden. Vielleicht kann das A-Team zum Saisonfinale dann doch noch in den richtigen Kleidern für seine "Phoenix"-Choreographie auftreten.