"Wagner in Frankreich" lautet das Motto beim Sinfoniekonzert am Montag im Landestheater. Der Abend verspricht ein Wiederhören mit Amihai Grosz. Der international erfolgreiche 1. Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker übernimmt den Solopart in "Harold in Italien" von Hector Berlioz. Als Vorgeschmack auf den Montag gibt es das zweite Werk des Abends bereits am Samstag beim vormittäglichen "Concertino" (11 Uhr). Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig erklärt und dirigiert Debussys "La Mer".

Berlioz hat "Harold in Italien" im Untertitel "Sinfonie mit Solo-Bratsche" genannt. Wie würden Sie "Harold" beschreiben?
Roland Kluttig: Im Grunde ist das eine instrumentale Oper - ein sehr theatralisches Werk. Für Bratscher ist "Harold in Italien ein hybrides Werk. Manche sind begeistert, manche lehnen es ab.
Es gibt sehr wenige Stellen, wo man als Solist großartige Farben zeigen kann, es gibt keine großen Kadenzen.

Ist es schwierig, Bratscher zu überzeugen, "Harold" trotzdem zu spielen?
Die Bratscher sind ja nicht verwöhnt mit Konzerten. Nach dem umjubelten Auftritt von Amihai Grosz vor knapp zwei Jahren mit Bartóks Violakonzert war allen sofort klar, dass wir diese Zusammenarbeit fortsetzen wollen. Und nachdem das Walton-Konzert für Viola vor einigen Jahren hier schon gemacht worden war, sind wir schnell bei "Harold" gelandet.

Welche Funktion hat das Soloinstrument aus Ihrer Sicht?
Der Solist agiert als Erzähler, der aber auch dem Orchester zuhört. Er erlebt Naturgewalten in den Bergen, lauscht dem Gesang von Pilgern, wird aber auch unterbrochen in seinem Spiel.

Wenn Sie ein Psychogramm des Komponisten Berlioz verfassen müssten: Was würden Sie schreiben?
Exzentrisch, (zögert) anstrengend, aber auch liebenswert. Berlioz ist ein Komponist, der nicht jedem gefällt. Er hat glühende Verehrer, aber auch große Kritiker. In Deutschland ist man heute oft der Ansicht, dass die Musik ein wenig platt sei.

Wie erklären Sie sich das?
Das hat sicherlich damit zu tun, dass man der Programmmusik generell seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Plattheit unterstellt. Das wird im 19. Jahrhundert noch anders. Dabei hat das Programm oft aber die Funktion, Kreativität freizusetzen.

Berlioz fordert in "Harold", dass der Solist abseits vom Orchester zu platzieren ist. Wie lösen Sie das am Montag beim Sinfoniekonzert?
Warten Sie mal ab. Es wird auf jeden Fall etwas Überraschendes geben, auch wenn ich im Moment noch nicht genau weiß, wie wir das in der Praxis umsetzen werden. Das Auf- und Abtreten auf der Bühne ist im Landestheater nicht ganz einfach zu bewerkstelligen.

Was halten Sie mit Blick auf "Harold in Italien" von der Formulierung "B-Seite der Sinfonie fantastique"?
Das klingt etwas negativ formuliert. Richtig ist: Das Stück hat durchaus einen ähnlichen Verlauf. Aber seine besondere Note bekommt es durch den Solisten. "Harold" hat unheimlich viele Überraschungen. Auch unsere Musiker sind an vielen Stellen überrascht, wenn man bedenkt, dass diese Musik 1834 uraufgeführt wurde. Da war Brahms gerade mal ein Jahr alt.

"Wagner in Frankreich" lautet das Motto des Konzertabends: Wo ist für Sie die Verbindung zu "La Mer"?
Wie Berlioz das Orchester behandelt hat, ist damals ganz neu gewesen. Berlioz hat damit Wagner extrem beeinflusst, auch wenn sich Wagner später abschätzig über Berlioz geäußert hat. Andererseits beginnt Debussy als glühender Wagnerianer, bevor er anfängt, seine eigenen Farben zu finden. Debussy ist ohne Wagner nicht zu denken, darf aber nicht wie Wagner klingen. Der Bläsersatz im ersten Teil von "La Mer" kommt direkt von "Parisfal" her, aber er geht in eine ganz andere Richtung, wird viel heller.

Musikgeschichtlich betrachtet: Welche Bedeutung hat Debussys "La Mer" aus Ihrer Sicht?
Debussy ist für mich der stillste Revolutionär der Musik. Es gibt bei ihm - anders als bei Strawinsky oder Schönberg - keine wirklichen Skandale. Aber er hat - das ist jetzt vielleicht etwas provokant formuliert - die Musik stärker verändert als Schönberg und Strawinsky. Debussy ist ein grandioser Erfinder gewesen. Er hat Natur und Malerei auf ganz neue Weise in die Musik gebracht. Debussy ist wirklich der Erfinder dieser Klänge, die später Puccini und Ravel abgewandelt und zum Teil verfeinert haben.

Welche Überlegungen gibt es, die Reihe "Concertino" in der neuen Saison fortzuführen?
Die Reihe "Concertino" soll auf jeden Fall fortgesetzt werden. In der nächsten Saison soll es das Concertino zweimal geben, allerdings dann um 12 Uhr.Es gibt keine Veranstaltung, seit ich in Coburg bin, auf die ich so viel angesprochen wurde wie auf das Concertino. Allerdings ist der organisatorische Aufwand hinter den Kulissen sehr, sehr groß - der Aufbau für das provisorische Konzertzimmer auf der Bühne zum Beispiel. Wenn bei der anstehenden Generalsanierung des Landestheaters für das Orchester ein neuer Probenraum entstehen sollte, der auch Platz für gemeinsame Proben mit dem Chor bieten würde, könnten wir noch viel mehr solcher Formate anbieten. Da wäre auch musikpädagogisch noch unheimlich viel mehr möglich.

Worauf müssen Sie als Dirigent bei Debussy besonders achten?
Bei Debussy ist es sehr schwierig, der Musik mit den klassischen Mitteln der Analyse beizukommen. Man muss sich von der Analyse der Harmonik lösen, man muss in Farben denken. Für die Orchester ist Debussy immer unheimlich schwierig. Das ist Musik, die nicht immer sofort funktioniert. Bei Ravel bekommt man das Orchester im Vergleich dazu viel schnell dorthin, wo man es hin haben will.



"Wagner in Frankreich" lautet das Motto

Samstag, 11 Uhr Landesthe ater Coburg - "Concertino": Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Roland Kluttig erklärt und dirigiert Debussys "La Mer". Eintrittskarten für fünf Euro auf allen Plätzen an der Theaterkasse.

Montag, 11. März Landestheater Coburg: Sinfoniekonzert - Berlioz "Harold in Italien" (Viola: Amihai Grosz), Debussy "La Mer": Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Dir.: Roland Kluttig