Ein außergewöhnliches Werk erwartet die Besucher eines Konzerts am 4. April in der Coburger Heilig-Kreuz-Kirche. Auf dem Programm steht die Wiederaufführung eines lange verschollen geglaubten Werkes am Entstehungsort: Johann Georg Künstels "Markus-Passion" wird interpretiert vom "Ensemble com passione" unter der Leitung des aus Coburg stammenden jungen Dirigenten Robert Schad. Beginn: 19 Uhr.

Johann Georg Künstel wurde vermutlich in der Nähe von Kronach in Oberfranken geboren und war nach einer längeren Amtszeit in Ansbach seit 1684 als Hoforganist, später als Hofkapellmeister in Coburg tätig. Sein musikalisches Schaffen gipfelte in fünf für damalige Verhältnisse sehr groß dimensionierte und umfangreich gestaltete Passionen nach Texten der Evangeliumstexte.

Um 1691 bis 1694 in Coburg entstand die besonders groß angelegte Markuspassion. Das Werk war zur Zeit der Entstehung sehr erfolgreich und beliebt. Es wurde nachweislich bis in das frühe 18. Jahrhundert regelmäßig aufgeführt, auch in Mitteldeutschland, erklärt Dirigent Robert Schad: "Es besteht zudem die Annahme, dass auch Johann Sebastian Bach das Werk gehört haben könnte, nicht zuletzt, weil in seinen Passionsvertonungen einige musikalische Ähnlichkeiten mit Künstels Markus-Passion erkennbar sind."

Späte Wiederentdeckung

Diese These sei jedoch (noch) nicht belegt, räumt Schad ein. Das Werk habe nicht nur durch seinen außerordentlichen Umfang eine besondere Position für die deutsche Vokalmusik des späten 17. Jahrhunderts inne.

Viele besonders typische Merkmale der späteren Passionen des Barock können hier bereits gefunden werden, unter anderem der gezielte Einsatz von Chorälen, die typischen Turbachöre oder auch die Streicherbegleiteten Jesusworte. Mitte des 18. Jahrhunderts gerieten das Werk und die vier weiteren Vertonungen in Vergessenheit.

"Durch einen zufälligen Fund eines Kenners jedoch tauchte das Autograph der Markus-Passion in den 1980er Jahren wieder auf und geriet in Privatbesitz", erklärt Schad die Überlieferungsgeschichte des einst in Coburg entstandenen Werks: "Die anderen Passionsoratorien Künstels hingegen werden wohl für immer verschollen bleiben."

Durch Julian Franke wurde das Werk wissenschaftlich wieder erschlossen und schließlich beim Ortus-Verlag veröffentlicht. "Seit etwa 1720 jedoch erklang die Markus-Passion nicht mehr nachweisbar in Coburg", sagt Schad.

Mit dem Projekt im April möchte das "Ensemble cum passione" dieses lange vergessene Werk an seinen Ursprungsort zurück führen und in der Heilig Kreuz-Kirche in Coburg zur Wiederaufführung bringen. Anschließend soll die Markus-Passion ihre Dresdner Uraufführung in der "Heimat" des Ensembles erfahren.

"Damit soll ein weiterer Vertreter der Gattung Passionsoratorium in das richtige Licht gerückt und mit der Aufmerksamkeit und Bedeutung versehen werden, die ihm zusteht", sagt Schad.

Rund um die Wiederaufführung der Markus-Passion von Johann Künstel

Konzert-Tipp Johann Georg Künstel "Markus-Passion" - Wiederaufführung am Samstag, 4. April, 19 Uhr - Heilig-Kreuz-Kirche Coburg

Das Ensemble cum passione trat erstmals auf Initiative seines Gründers Robert Schad im Frühjahr 2016 in Erscheinung. Es setzt sich aus Musikern und Studenten aus Dresdner, Weimarer und Nürnberger Hochschulen und Ensembles zusammen, darunter der Universitätschor Dresden, der Dresdner Kammerchor, die Ökumenische Kantorei der Weinbergskirche Trachenberge und der Nürnberger Marginalchor.

Robert Schad ist gebürtiger Coburger, besuchte das Gymnasium Albertinum und erlernte in dieser Zeit das Akkordeon-, Klavier- und Orgelspiel. 2009 nahm er ein Lehramtsstudium für Grundschulpädagogik mit Hauptfach Musik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf, das er 2014 abschloss. Von 2014 bis 2018 studierte er Chor- und Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber" Dresden. 2019 wurde Schad zum neuen künstlerischen Leiter des Kammerchores Cantamus Dresden gewählt. Johann Georg Künstel stammt wahrscheinlich aus Weißenbrunn bei Kronach. Sein Lebenslauf ist nur in wenigen Dokumenten belegt. ab 1669 taucht er in Ansbacher Kirchenbücher auf. In Ansbach wirkte er als Hoforganist. 1684 wechselte er an den Coburger Hof, wo er zunächst als Hoforganist tätig war. 1691 wurde Künstel zum Hofkapellmeister in Coburg ernannt. Seine Markus-Passion muss in den letzten drei Lebensjahren Künstels zwischen 1691 und 1694 entstanden sein. Nach Künstels Tod 1694 gingen alle Musikalien an den Coburger Herzog. Eine Inventarliste, gefunden in Rudolstadt, zählt insgesamt 21 Werke auf - darunter fünf große Passionsoratorien, von denen bisher jedoch nur die Markus-Passion und zwei Kantaten wiederentdeckt werden konnten.

Vorverkauf im Pfarramt von Heilig Kreuz sowie bei der Coburger Buchhandlung Riemann. Tickets gibt es zudem online (ensemble-cumpassione.jimdofree.com/karten). Die Kartenpreise: 15 Euro (13 Euro im Vorverkauf) neun Euro ermäßigt (Schüler, Studierende, Schwerbehinderte).red