Der Reformator Martin Luther muss häufiger mit Tintenfässern geworfen haben: Sowohl die Wartburg in Eisenach als auch die Veste Coburg behaupten von sich, dass Luther dort schwarze Spuren an den Wänden hinterließ, weil er mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen habe.

Solche Luther-Nostalgie ist natürlich ein Aspekt des Lutherweges, der inzwischen durch sechs Bundesländer führt. Niedersachsen habe als siebtes Interesse bekundet, berichtete gestern stolz Jürgen Dittrich, Präsident der Lutherweg-Gesellschaft in Wittenberg. Wenn dann auch dort die Wege gewidmet sind, werde das Netz rund 2300 Kilometer umfassen. Das Teilstück im Coburger Land kam erst vor kurzem dazu. Auf 96 Kilometern führt die Strecke von Neustadt über Coburg und Meeder zunächst ins thüringische Heldburg, von dort über Bad Rodach nach Rottenbach und weiter nach Eisfeld.


Für dieses Teilstück hat nun Günther Beckstein die Schirmherrschaft übernommen. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident leitet derzeit die Landessynode der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Als Zeichen der Schirmherrschaft überreichte Dittrich dem Politiker gestern einen handgefertigten gut eineinhalb Meter langen Stab aus Buchenholz.

"Bayern ist in Sachen Luther im Moment noch etwas unterbelichtet", räumte Beckstein ein. Er wolle auf alle Fälle einige Teilstücke des Lutherwegs abwandern "und den Stab auch zur Synode mitnehmen". Dort will Beckstein ebenfalls für den Lutherweg werben. Ums Übernachten muss Beckstein sich beim Wandern keine Sorgen machen: Der Coburger Dekan Christoph Liebst lud ihn ein ("ich koch' Ihnen auch was Leckeres"), genauso wie der Lautertaler Bürgermeister Hermann Bühling (CSU) und die Heldburger Bürgermeisterin Anita Schwarz (CDU).
Überhaupt, das Wandern mit religiösem Hintergrund: Er sei auch schon mal gepilgert, verriet Beckstein. Normalerweise tun Protestanten das nicht - Pilgern ist ein katholischer Brauch. Aber er habe eine Pilgerfahrt nach Altötting gelobt, falls der 1. FC Nürnberg nicht absteigt, erzählte Beckstein. "Für mich war es eindrucksvoll.

Laufen, beten, reden und schweigen - das war ein Innehalten im Alltag." Das wiederum dürfen auch die Protestanten, und dafür biete sich der Lutherweg auch an, betonte Dekan Liebst. Gerade im Coburger Land seien wahre Kleinode zu entdecken, sagte er mit Verweis auf die Kirchen entlang des Wegs. Vielfach von heimischen Malern gestaltet, zwar "keine große Kunst, aber schön". Sowohl die Stadt als auch das Dekanat Coburg haben Broschüren zum Lutherweg herausgebracht. Außerdem hat das Stadtmarketing einen Kurzfilmüber Luthers Aufenthalt auf der Veste produzieren lassen. Sie stehen im Zusammenhang mit der Lutherdekade, die an die Reformationsbewegung vor 500 Jahren erinnert. 2017 soll das Jubiläum der Veröffentlichung der Thesen von Wittenberg 1517 groß gefeiert werden. Beckstein: "Wir planen einen Gottesdienst mit 300   000 Leuten".

Luthers Aufenthalt in Coburg

Insgesamt viermal hat der Reformator Martin Luther Coburg besucht. Sein letzter und längster Aufenthalt 1530 war auch der kirchenpolitisch bedeutsamste: Luther wartete hier das Ergebnis des Augsburger Reichstages ab, wo es um die Anerkennung der lutherischen Lehre als Religion ging. Selbst nach Augsburg zu reisen war für ihn zu gefährlich: Er stand unter Reichsacht, war also vogelfrei.

Der kursächsische Herzog gewährte ihm Schutz. Coburg war damals der südlichste Teil von Kursachsen. Hier konnte Luther bleiben, weil die Stadt Nürnberg es nicht wagte, ihm Unterkunft zu gewähren. Doch auch die Stadt Coburg schien Luthers Beschützern wohl nicht sicher genug: Der Reformator richtete sich im "Reich der Dohlen" ein, oberhalb der Stadt, auf der Veste Coburg.

Für die damaligen Verhältnisse sei Luthers Unterkunft mit Schlafkammer, Studierstube und "heimlich Gemach" sehr komfortabel gewesen, sagt Klaus Weschenfelder, Leiter der Kunstsammlungen auf der Veste Coburg. Das Lutherzimmer, das heute auf der Veste gezeigt wird, befindet sich in den historischen Räumen, aber von der Ausstattung aus Luthers Zeiten ist nichts erhalten. Der Glasbecher, der Luther gehört haben soll und sich in der Sammlung befindet, stammt aus Wittenberg und soll der Heiligen Elisabeth von Thüringen gehört haben. Auch einen Tintenfleck soll es an der Wand gegeben haben, weil Luther (wieder einmal) mit dem Tintenfass nach dem Teufel warf.
Wichtiger als solche Anekdoten waren freilich die Schriften, die Luther in den rund fünf Monaten auf der Veste verfasste. Dazu gehört sein "Sendbrief vom Dolmetschen", worin er fordert, dass ein Übersetzer dem "Volk aufs Maul" schauen solle.
Aber der Bestseller im Souvenirshop der Kunstsammlungen sind weder Schriften noch Bilder, sondern "Luther-Socken", erzählt Weschenfelder: Auf der einen Socke steht "hier stehe ich", auf der anderen "ich kann nicht anders". Das freilich soll Luther schon 1521 in Worms gesagt haben. sb