Auch wenn sich mancher angesichts des kulturellen Angebotes in Coburg bisweilen auf einer Insel der Glückseligen wähnen mag - keine Stadt ist eine Insel, erst Recht nicht in Zeiten weitreichender Vernetzung. Schnell ist die Glückseligkeit dahin, wird sie nicht gepflegt und gefördert. Was auch eine öffentliche Aufgabe ist.
Der bisherige Coburger Kulturreferent Norbert Tessmer, der in wenigen Tagen als neuer Oberbürgermeister von Coburg starten wird, war nicht als klassischer Schöngeist zu seinem Amte gekommen, sondern als pragmatischer Kommunalpolitiker mit Engagement im sozialen Bereich. Also setzte er seine Schwerpunkte der kulturellen Zukunftsgestaltung vor allem mit sozio-kulturellem Ziel. Mit vielleicht nicht sofort spürbarem, aber langfristigem Effekt, wie er überzeugt ist. Kulturelle Bildung sei zukunftsweisende Sozialarbeit.
Noch sind die neu en Ressortverteilungen nicht getan, möglich aber, dass Tessmer den Kulturbereich auch als Oberbürgermeister in seiner Zuständigkeit belassen wird.

Kulturreferenten unter sich

Gerade weil Tessmer pragmatisch veranlagt ist, blickte er auch als Kulturreferent gerne über die Coburger Nasenspitze hinaus auf die Aktivitäten anderer bayerischer Kommunen. Das Städtenetzwerk "Stadtkultur" war ihm in der zurückliegenden Wahlperiode vielseitig genutzter Bezugspunkt, wie er gegenüber dem Tageblatt immer wieder betonte. Es dauerte nicht lange, und da war er auch schon Vorsitzender dieses 50 Kommunen umfassenden Verbandes, der keine weitere Behörde installiert hat, sondern vor allem projektbezogen arbeitet.
Warum gerade jetzt dieser Verweis auf ein in Coburg bisher kaum sonderlich beachtetes Aktivitätsfeld Tessmers? Das große jährliche Festival von "Stadtkultur" steht an, heuer unter dem Stichwort "Lokalklang". Ging es in der Vergangenheit etwa um Literatur, von unten sozusagen, so sperren die 25 teilnehmenden Städte und Gemeinde in diesem Jahr die Ohren auf, hören auf den "Heimatklang". - Oh Gott, doch nicht etwa "Volksmusik"?
Bayern, seine Großstädte wie die vielen kleineren Kommunen, haben ihren eigenen Klang, behaupten die Initiatoren. Der hat seinen historischen Hintergrund, ist wichtig für Identifikation und Verortung des einzelnen in einer "Heimat", ein existenzielles Grundbedürfnis des Menschen, dessen Erfüllung in Zeiten von Globalisierung und Auflösung vieler vertrauter Strukturen gefährdet ist.

Dieser in der Vergangenheit auch grässlich missbrauchte "Heimatklang" vermischt sich heute an vielen Stellen auf oftmals reizvolle und packende Weise mit Klängen aus aller Welt. Wie ist das denn mit Samba in Coburg? Nur um ein nach wie vor umstrittenes Stichwort zu nennen. Beim Tambacher Sommer tauchen mehr und mehr hochprofessionelle Ensembles auf, die ihre eigene Herkunft, bisher meist das ungemein lebensvolle Bayerische, mit Lateinamerikanischem oder sonstigen Einflüssen verbinden.
Nun also ein Festival, das in eben diesem elementaren Bereich nicht rückwärts gewandt auf weitere Zelebrierung des Gewesenen zielt, sondern der Veränderung nachspüren, das Gegenwart und zukünftige Entwicklungen in den Fokus nehmen will, musikalisch wie mundartsprachlich. Und bitteschön mit Genuss.
Vom 9. Mai bis 27. Juli wird in 115 Einzelveranstaltungen in 25 bayerischen Städten Musik gemacht, die mit heutigen Heimatgefühlen verbunden ist. "Volksmusik ist anders - so wie Bayern heute klingt, das werden wir in seiner ganzen Vielfalt zeigen!", sagt Projektleiterin Christine Fuchs, die Geschäftsführerin von "Stadtkultur" mit Sitz in Ingolstadt. Jenseits von Sentimentalität und Schunkelei geht es um den heutigen "Lokalklang", um Crossover von traditionellen und neuen Musikgattungen und -stilen, von fränkischen, bayerischen, schwäbischen und internationalen Klängen und Mundarten, um die (neue) Volks- und Weltmusik eben.

Muss das sein?

"Wie klingt deine Stadt?", lautete die Ausgangsfrage, auf die die beteiligten Orte mit einem facettenreichen Programm antworten. In Konzerten, Tanz-Veranstaltungen, Mundartlesungen, Performances und Filmvorführungen widmen sich 138 Bands, Blaskapellen oder Orchester sowie Sänger, Künstler und Wissenschaftler den lokalen Klängen.

Es gibt ein munter gestaltetes Programmbuch dazu, indem die teilnehmenden Kommunen musikalisch porträtiert werden. Für Coburg führt der imaginäre Johann Strauss von der Vergangenheit ins Heute mit Samba, Sommerevents, Klassik Open Air im Rosengarten, zu Blasmusik im OPA-Stil und zu Cross Art. Das eigentliche Programm reicht vom Heimatabend mit Fragezeichen der Stadtbücherei über das Stadtfest "So klingt Coburg" am 18. Mai, weitere sprachliche Hinterfragungen bis zur "Vokalbrasserie" des Chores "Unerhört" unter Leitung von Antoinetta Bafas am 3. Juli im Kongresshaus.

Wenig dramatisch und im einzelnen womöglich auch ohne das Label des Netzwerkes "Stadtkultur" auf dem Coburger Jahresprogramm? - Mag sein. Dennoch lässt der größere Rahmen andere Zusammenhänge deutlich werden, eröffnet Fördermöglichkeiten, regt an für die Zukunft, bringt andere auf andere Gedanken.
Übrigens wurde der von Norbert Tessmer installierte Kultur- und Schulservice der Stadt Coburg bereits mehrfach als beispielgebendes Pilotprojekt im Rahmen des Netzwerkes "Stadtkultur" weitergereicht. Gerade der Vernetzung von Schule, Kunst und Kultur wird zunehmend Bedeutung beigemessen. Dass kulturelle Bildung die Entwicklung "unseres höchsten Gutes - unserer Kinder" fördert, hat Tessmer vielfach vertreten.
Die Geschäftsstelle von "Stadtkultur" in Ingolstadt koordiniert die Projekte der Mitgliedskommunen, unterhält eine Angebotsbörse zum Austausch von Veranstaltungen und Informationen. "Stadtkultur" ist zudem Gründer und Träger der Literaturstiftung Bayern.

Lokalklang - Festival für Volks- und Weltmusik in Bayern. 9. Mai bis 27. Juli in 25 baye rischen Städten. Das umfangreiche Programm gibt es als Publikation und online auf www.lokalklang.de. Zu Wort kommen dort auch Wissenschaftler und Heimatpfleger.

Aufgetaktet wird von 9. bis 11. Mai in Würzburg. Neue Volksmusik mit Uraufführung eines Sinfoniekonzertes. Symposium mit wissenschaftlichen Vorträgen, musikalischen Aufführungen und künstlerische Praktiken zu einer Gesamtkomposition, in der eine Brücke zwischen Volks- und Weltmusik geschlagen werden soll. Mit dabei: Boxgalopp, das Philharmonische Orchester Würzburg, Andreas Hofmeir (LaBrassBanda), die Komponisten Yasutaki Inamori, Klaus Hinrich Stahmer und viele andere.
Heimat-Abend?! Brauchts des? Anneliese Hübner, Stephan Mertl, Edmund Frey, und Brigitte Maisch gehen am 12. Mai ab 19 Uhr in der Stadtbücherei dieser Frage mit viel Musik vergnüglich nach.

So klingt Coburg! Stadtfest am 18. Mai von 9 bis 18 Uhr auf dem Albertsplatz. Mit diversen Coburger Chören, Gruppen und Orchestern erleben, wie Coburg klingt und schmeckt. Modera tion: Radio Eins, Veranstalter: Kulturamt

Jugend schreibt 2014 Wettbewerb der Stadtbücherei zum Thema "Heimat - Daheim", Veranstaltung am 21. Mai um 15 Uhr. Coburger Schülerinnen und Schüler schreiben Kurzgeschichten, Essays, Gedichte, Romane oder Theaterstücke zum Thema "Heimat - Daheim", die in einem Preisträgerbuch veröffentlicht werden. Die besten Texte werden prämiert.

Heimat ist Vielfalt Lesung der Coburger Schreibwerkstatt, 31. Mai, 14 und 16 Uhr, Albertsplatz.

Vokalbrasserie Weltmusikalische Kost des Chores "Unerhört!" und des Musikvereins Stadt Rödental, am 3. Juli, 19.30 Uhr im Kongresshaus Rosengarten.

Das große Coburger Sprachlabyrinth Itzgründisch nach Themenbereichen. Begehbares Labyrinth aus Stellwänden mit Texttafeln in der Landesbibliothek, 18. bis 26. Juli. Geordnet nach Themenbereichen vermittelt das Sprachlabyrinth einen Eindruck vom Reichtum der Regionalsprache, die auch Rückschlüsse auf die Wesensart der Bevölkerung zulässt.