Am Landgericht Coburg muss sich ab kommenden Mittwoch Jerry J. verantworten. Er wird beschuldigt, die 16-jährige Linda umgebracht zu haben. Wer den Prozess im Gerichtssaal verfolgen will, wird sich verstärkten Sicherheitskontrollen unterziehen müssen, kündigt Landgerichts-Pressesprecher Christian Pfab im Gespräch mit dem Tageblatt an.
Mit den jüngsten Ereignissen im Amtsgericht von Dachau - ein 54-jähriger Angeklagter zog bei der Urteilsverkündung am Mittwoch eine Waffe und erschoss einen jungen Staatsanwalt - haben die Vorkehrungen allerdings nichts zu tun. Die Coburger Justiz hat bereits vor zwei Jahren die Sicherheitsmaßnahmen verschärft - als Reaktion auf eine Schießerei im Landshuter Landgericht, bei der 2009 zwei Menschen starben.
Früher konnten sich Besucher im Justizgebäude am Berliner Platz mehr oder weniger frei bewegen. Wer etwa einen Mitarbeiter in seinem Büro besuchen wollte, musste sich nicht anmelden. Heute ist das anders. "Der Bürotrakt ist mittlerweile komplett vom öffentlichen Trakt abgeschottet. Alle Gänge enden an Glastüren und wer jemanden besuchen will, muss sich anmelden", erläutert Pfab.
Für den Bereich, in dem sich die Sitzungssäle befinden, war die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen nicht ganz so einfach, denn im Gegensatz zu den Büroräumen darf der Öffentlichkeit der Zugang zu den Sitzungssälen nicht verwehrt werden. Personen- und Taschenkontrollen bei Besuchern sind allerdings erlaubt. Bei besonderen Prozessen sei zu diesem Zweck früher immer eine Metalldetektor(rahmen)sonde - so der Fachbegriff - aus dem Keller geholt worden, sagt Pfab. Seit geraumer Zeit ist diese Schleuse in der Eingangshalle des Coburger Justizgebäudes fest installiert.
Jeder Besucher, egal ob Beteiligter, Zeuge, Anwalt oder einfach nur neutraler Prozessbeobachter muss jetzt mit Kontrollen rechnen. Der Detektor sei regelmäßig in Betrieb - für Stichproben, aber auch dann, wenn es bei einer Verhandlung zu einer "besonderen Gefahrensituation" kommen könnte, beschreibt Pfab. Ist die Schleuse in Betrieb, nehmen immer zwei Justizwachtmeister die Besucher in Empfang. Ist sie außer Betrieb, wie zum Beispiel am Freitagnachmittag, wenn so gut wie keine Verhandlungen angesetzt sind, ist der Justizbeamte hinter der Glasscheibe der Ansprechpartner. Er öffnet den Besuchern bei Bedarf die automatische Tür zu den Gerichtssälen.
Doch der Detektor und die Trennung der Gebäudetrakte sind längst nicht die einzigen Sicherheitsmaßnahmen. Videokameras im und rund um das Gebäude senden Bilder an die Pforte, die Toilettenfenster wurden zum Teil durch Gitter verstärkt, Büros und Sitzungssäle sind mit Notruftastern und Notruftelefonen ausgestattet, die Umgebung der Gebäude ist nachts besser beleuchtet und in der dienstfreien Zeit sieht ein Wachdienst nach dem Rechten.

Sicherheit, ein großes Thema


"Was in Dachau passiert ist, macht uns natürlich betroffen", sagt Landgerichtspräsident Friedrich Krauß. "Sicherheit ist bei uns seit vielen Jahren ein großes Thema." Aber, so stellt Krauß auch klar, absolute Sicherheit sei nicht möglich. "Wir können das Gericht ja nicht in eine Festung verwandeln und wir wollen auch keine Geheimjustiz - die Kontrolle durch die Öffentlichkeit gehört einfach dazu."
Allerdings, so betont Krauß, dürfe man auch nicht außer Acht lassen, dass das Personal in den letzten Jahren immer knapper geworden sei. Sieben Justizwachtmeister tun derzeit im Gebäude am Berliner Platz Dienst. Zu ihren Aufgaben gehöre neben der Betreuung der Sicherheitsschleuse auch noch die Bearbeitung der Post und der Aktentransport, teilweise bis nach Kronach und Lichtenfels. Läuft der Detektor, sind zwei Beamte nur mit ihm beschäftigt, Zeit für andere Erledigungen bleibt da nicht. Schon deshalb sei es wohl nicht möglich, irgendwann alle Besucher zu kontrollieren. Krauß: "Das würde personelle Verstärkung voraussetzen."
Im Kollegenkreis sei Dachau gestern selbstverständlich Thema gewesen, sagt Christian Pfab. "Wir sind alle nicht besonders furchtsam, aber wir haben darüber gesprochen, ob man das eigene Gefahrenbewusstsein vielleicht überdenken muss." Eine Kollegin habe gesagt, sie denke nicht daran, dass ihr so etwas passieren könnte, sondern: "Ich denke daran, ob mein Urteil in der nächsten Instanz hält."