"Das ist der wahre Dorian Gray." Der zynische Verführer Lord Henry lacht. Er hat den engelsgleichen Schönling verlockt, sich bis zur Aufgabe seiner ursprünglichen Identität dem Schönheits- und Jugendlichkeitswahn zu ergeben. Am Ende steht der Tod, die Menschlichkeit der fühlenden Seele war lange schon dahin.

Wenn das kein Thema ist in unserer gelackten schönen neuen Welt, in der alle jungen Mädchen Modelqualitäten aufweisen und die Jungs durch in Markenkleidung gehüllte Bodys beeindrucken müssen. Die Uraufführung des Landestheaters Coburg von Roland Fisters Musikdrama "Dorian Gray" wurde denn auch im "Jungen Theater" aufmerksam begleitet.

Unter Leitung von Theaterpädagogin Yvonne Schwartz beschäftigte man sich seit Wochen mit dem Stoff.
Auch Bühnenbildner Michael Heinrich, Professor an der Fakultät Design und Vizepräsident der Hochschule Coburg, bezog seine Studenten in den kreativen Prozess ein.

Im Rahmen der bevorstehenden Schultheatertage (8. bis 11. Juli in der Reithalle) hatte das Kulturamt der Stadt zudem zu einem vom Tageblatt durchgeführten Rezensions-Workshop eingeladen, bei dem interessierte Jugendliche nach dem Besuch der Generalprobe von "Dorian Gray" erfahren sollten, wie ein Theaterstück kritisch unter die Lupe genommen wird. Sie sollten einen analytischen Prozess kennenlernen, der im übrigen bei jedem Kunstgenuss, bei jeder Art von intellektueller Verarbeitung hilfreich sein kann. Am Ende sollte die Fülle der Eindrücke und Erkenntnisse in einem knappen Zeitungsartikel zusammengefasst werden.

Ein Besuch der anderen Art

Dem anstrengenden Unternehmen setzten sich sieben Schülerinnen und Schüler der Berufsoberschule am Plattenäcker aus. Deren 11.Klasse hatte sich unter Leitung von Deutschlehrerin Franziska Friedrich-Schernstein schon Wochen vorher mit intensiver Zeitungslektüre auf einen Theaterbesuch der anderen Art vorbereitet.
Denn wie die engagierten Schüler am entscheidenden Abend erfuhren, ist der Theaterkritiker beim Besuch einer Premiere gänzlich anders gefordert als der normale Besucher, der einen unterhaltsamen, intellektuell und emotional bewegenden Abend erleben will. Der Kritiker hat vor allem die verschiedenen Ebenen des Bühnengeschehens zu analysieren, er hat seine eigenen emotionalen Reaktionen kritisch zu hinterfragen. Er hat konsequent Eindrücke und Erkenntnisse zu sammeln und zu speichern. Nach einem solchen Arbeitsprozess kommt der Kritiker mitunter zu einem anderen Urteil als der zu gepflegter Unterhaltung entschlossene Theaterbesucher.
Noch ohne große Vergleichsmöglichkeiten und durchaus überwältigt von der ungewohnten, komplexen und quer durch die Genres ziehenden Komposition Roland Fisters kamen vier Workshop-Teilnehmer dann zu interessanten Ergebnissen. Hier einige Auszüge:

Intensive Oper (Lisa Patzak):

Die mitreißende Komposition von Roland Fister zeigt die Hochnäsigkeit der Londoner Gesellschaft. Sie überzeugt durch ihre Komplexität, anders als erwartet stehen südamerikanische Rhythmen im Vordergrund. Das Inszenierungskonzept von Bodo Busse ist dezent und nimmt die Theaterbesucher mit in die dekadente Londoner Gesellschaft. In dem eindrucksvollen, grau gehaltenen Bühnenbild und den prachtvollen Kostümen von Michael Heinrich wirkt alles sehr edel, aber zugleich auch leblos und erstarrt.
Das Porträt von Dorian Gray ist der Mittelpunkt des Bühnenbilds und in jeder Szene präsent. Der Wandel von dem makellosen Bildnis zu einer gruseligen Fratze, die den Charakter von Dorian widerspiegelt, ist faszinierend.
Die gesangliche Leistung der Schauspieler und des Chores des Landestheater überzeugen auf ganzer Linie. Eine schöne und gelungene Umsetzung des von Oscar Wilde geschriebenen Romans.
Wie verwandelt sich das Bild? (Patrick Delto):

Das Bühnenbild von Michael Heinrich ist beeindruckend. Imposante Spiegel an den Seiten der Bühne stellen die die Eitelkeit aller Charaktere heraus. Die vier spitz zulaufenden Ansichten auf der Drehbühne haben ein edles, aber auch starres und bizarres Flair, wobei das Gemälde von Dorian Grey bei jeder Ansicht im Mittelpunkt steht. Auch der Wandel des Bildes vom schönen engelsgleichen Dorian zum hässlich teuflischen war sehr beeindruckend und der Effekt sehr mysteriös.
Das Orchester unter Leitung von Roland Fister, das mit modernen und südamerikanischen Rhythmen aber auch mit vielen klassischen Elementen arbeitete, war konsequent mitreißend. Gesanglich konnten alle Darsteller überzeugen, wobei Joel Anmo als Dorian schauspielerisch etwas hölzern wirkte. Die Darstellungen des Lord Henry (Falko Hönisch) und der Mutter Sibyls (Ulrike Barz) waren sehr überzeugend. Bodo Busse ist es gelungen, kritische Fragen an die heutige Gesellschaft zu stellen. Allerdings sollte das Stück eher als Oper eingeordnet werden. Am Ende bleibt die Frage: "Wie entsteht der Effekt des sich verwandelnden Bildes ?"

Neue Maßstäbe gesetzt