Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es in diesen "2G-plus"-Tagen am sinnvollsten, eine Einrichtung wie die "Therme Natur" zu schließen. Denn mit irgendwas zwischen 100 und 150 Besuchern pro Tag kommt ein Thermalbad aufgrund der laufenden Personalkosten teurer als komplett im Lockdown. Aber Rechenspiele lässt Stine Michel als Leiterin des Kurbetriebs gar nicht zu: "Eine Schließung kommt überhaupt nicht infrage."

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Warum auch? Das sagt sich zumindest Lutz Lange, der mit seinen Bäderbetrieben - zu denen auch die "Therme Natur" gehört - seit Beginn der Corona-Pandemie gut eine dreiviertel Million Besucherkontakte hatte. "Und keinen einzigen Fall, bei dem es eine Ansteckung im Bad gab", berichtet Lange, der auch Geschäftsführer im Bad Rodacher Thermalbad ist. Man dürfe also ruhig den Mut haben, sich im Rahmen der derzeit vorgegebenen Regeln zu bewegen, sagt Lange.

Nur noch halb so viele Gäste

Wenn das mit den Regeln halt so einfach wäre. Denn die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Vorgaben bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie sind ein Punkt, der bei Stine Michels Jahresbilanz eine zentrale Rolle spielt. Zwischen "frustriert" und "schockiert" sei manch Thermenbesucher aus Thüringen gewesen, als er mit den bayerischen Verhaltensregeln konfrontiert wurde. Da ist die Sache jetzt, so hart sie ist, einfacher: Schließlich gilt fast überall "2G-plus". In Bad Rodach heißt das: Erst im Kurhotel testen, dann rein ins Bad. Dass man sich dort nahezu nicht anstecken kann, überrascht die Geschäftsleitung des Thermalbades nicht. Man habe schließlich hohe Hygienestandards, kenne sich bei der Desinfektion aus und verfüge über eine leistungsfähige Belüftungsanlage. "Wir wissen: Wir haben eine Therme, die funktioniert", ergänzt Lutz Lange.

Dennoch sind die Zahlen deprimierend. Kamen 2019 noch 214000 Besucher in die "Therme Natur", so kam mit Corona der große Einbruch: 2020 wurden 102600 Gäste gezählt, heuer waren es bis einschließlich Sonntag 92000. Dass der Betrieb da ein Verlustgeschäft ist, versteht sich quasi von selbst. Sollte der Dezember so weiterlaufen, wie der November zu Ende gegangen ist, dürfte am Monatsende ein Minus von 200000 Euro in der Bilanz stehen. Und dennoch sagt Bürgermeister Tobias Ehrlicher: "Wir werden uns dieses Minus leisten müssen." Denn ein geschlossenes Thermalbad ist für die Hotels, Gaststätten und Geschäfte in der Stadt der schlimmstmögliche Fall. Deshalb steht auch für Lutz Lange außer Frage, dass das Thermalbad geöffnet hat, solange es die staatlichen Vorgaben nicht verbieten. Man müsse als Kurstadt das Ganze sehen, sagt der Geschäftsführer: "Wir haben als Therme einen Auftrag - egal, ob ein Gast oder 1000 Gäste kommen."

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Die Zeit der Stillstandes bis Mitte Juni haben Betriebsleiter René Michel und sein Team genutzt, um technische Arbeiten zu erledigen - von der Reinigung des Schlammwasserbehälters über neue Fliesen und Fugen bis hin zum Austausch alter Versorgungsleitungen. Dazu kamen noch die neue 95-Personen-Sauna (die im Winter eröffnet werden soll) und die Neugestaltung des Thermenbistros. Überschlagsmäßig kommt Werkleiter Michael Fischer von der Stadt auf rund 700000 Euro, die heuer in Bauprojekte geflossen sind - teilweise mit erheblicher finanzieller Unterstützung des Landkreises. Das freut wiederum Lutz Lange: "Wenn wir wieder unter Volldampf laufen, sind wir einen Schritt weiter."

Bei all den Problemen, die sie im Thermalbad in den vergangenen anderthalb Jahren bewältigen mussten, hat es dennoch positive Entwicklungen gegeben. So bleibt der Durchschnittsgast in Bad Rodach im Vergleich zum Jahr 2019 heute einen halben Tag länger: 3,5 Tage genau. Diese erfreuliche Entwicklung sei auch eine Aufgabe an die Stadt, sagt der Geschäftsführer. Man müsse schauen, dass der Gast künftig noch mehr Freizeitangebote geboten bekomme. Denn: "Nicht jeder, der nach Bad Rodach kommt, geht fünf Tage hintereinander ins Thermalbad." Immerhin bleibt er aber auch dort länger, das sagt die Statistik der "Therme Natur" auch. Deshalb wurde im Bad ja das Bistro erneuert, die Blockhaus-Sauna gebaut und das Hauptrestaurant (die Sache läuft noch) auf Vordermann gebracht. Die Ansprüche der Gäste steigen, sagt Stine Michel: "Der Thermenbesuch ist immer mehr zu einem kleinen Urlaub geworden."