Arpad von Schalscha-Ehrenfeld "tut etwas für sein Land". Das macht er gerade in Washington DC. Warum er das tut, erklärt er auch.
Arpad von Schalscha-Ehrenfeld sitzt im vierten Stock der deutschen Botschaft in den USA in Washington, DC. "So weit es die eigene Gesundheit zulässt und die persönliche Lebensplanung einem den entsprechenden Spielraum lässt, halte ich es für eine vornehme Aufgabe, sich für den Staat zu exponieren, der einem (was in deutscher Geschichte bisher noch nie der Fall war) seit 75 Jahren Frieden, Sicherheit und persönliche Freiheit gewährt und mich nie in existenzielle Notlagen gebracht hat", erklärt Arpad von Schalscha, warum er sich auf diesen Einsatz in den USA eingelassen hat.
In Auslandseinsätze hat es ihn schon öfter gezogen. Vor annähernd zwei Jahrzehnten war der Coburger bereits zum zweiten Mal für insgesamt gut 15 Monate als Polizeibeamter der UNMIK im Kosovo für die Vereinten Nationen tätig. Ein Kollege aus dieser Zeit berät inzwischen das Auswärtige Amt in Berlin aus polizeilicher Sicht in Sicherheitsfragen. "Dieser Kollege hat mich im Sommer 2019 auf eine mögliche Verwendung als ,Blauer Bär' für das AA aufmerksam gemacht", erklärt der pensionierte Polizeihauptkommissar aus Coburg.
Es gibt auch "Blaue Bären"
Das Aufgabenspektrum eines "Blauen Bären" umfasst sicherheitsrelevante Tätigkeiten an deutschen Auslandsvertretungen. Das Auswärtige Amt delegiert diese Tätigkeiten auf sogenannte "Youngtimer", die nicht älter als 65 Jahre und nicht länger als fünf Jahre aus dem aktiven Polizeivollzugsdienst ausgeschieden sind.
Nachdem von Schalscha-Ehrenfeld bei seiner Familie grünes Licht erhalten hatte, ein Vorstellungsgespräch und ein Englischtest in Berlin bestanden waren - kam erst einmal Corona dazwischen.
Im Sommer schloss sich ein Einweisungslehrgang in die konkreten Aufgaben eines "Blauen Bären" an. Danach war Arpad von Schalscha "mission-ready", und es ging nach Washington. "Die Personaldecke war kurz, Arbeit stand an, also los." Trotzdem musste er nach seinem Eintreffen im Oktober eine 14-tägige Quarantäne im Hotel "absitzen".
Seit Anfang November arbeitet von Schalscha-Ehrenfeld auf dem Botschaftsgelände. Im März geht es schon wieder zurück nach Deutschland, da die geplante Besuchsreise seiner Ehefrau den Corona-Einreisebestimmungen zum Opfer fällt.
Die Botschaft in Washington ist eine der größten und wichtigsten deutschen Botschaften weltweit. Sie läuft pandemiegeschuldet nur zu einem Drittel im Präsenzbetrieb, die übrigen Mitarbeiter sitzen im Homeoffice: "Für uns als Dauer-Anwesende erscheint der Dienstbetrieb pandemiebedingt beschaulich, dieser Eindruck trügt jedoch. Aufgaben werden genauso bewältigt wie bei voller Personalstärke im Hause, nur vielleicht dauert's mal etwas länger."
Untergebracht sind ihre drei "Blauen Bären" in einem Hotel im benachbarten Virginia. Der Fluss Potomac, der die Grenze zwischen Washington DC und Virginia bildet, ist nur eine halbe Meile entfernt. Jeden Morgen setzt ein Uber-Transport nach zehnminütiger Fahrt die "Blauen Bären" kurz vor 7 Uhr an der Botschaft ab. Dienstende ist gegen 15 Uhr.
Dann stehen noch etwa zwei Stunden zur freien Verfügung. Wenn es dunkel ist, sollte man nicht mehr unbedingt auf der Straße unterwegs sein: "Wrong place, wrong time, und man steckt vielleicht unversehens in einer blöden Situation, in der man eigentlich nicht so gern wäre", erläutert von Schalscha-Ehrenfeld.
Die Wochenenden sind fast immer frei, anzuschauen gibt es ringsum genug; allein schon aus historischer Sicht, da in der Umgebung im amerikanischen Bürgerkrieg dort ganz schön die Post abging!
Ohne Murren und Knurren
"Was mich von Anfang an positiv überraschte, war der Umgang der amerikanischen Bevölkerung mit den Einschränkungen im Zusammenhang mit Corona." Konsequent werden behördliche Vorgaben diszipliniert eingehalten: Jeder trage inzwischen sein "Schnüffelstück" ohne Murren und Knurren. In ländlichen Gebieten möge es nicht ganz so konsequent zugehen Das könne an einer generell höheren Tendenz zur Umsetzung individueller Freiheitsrechte liegen.
Vor der Präsidentenwahl sei das Tragen bzw. Nichttragen einer Mund-/Nasebedeckung leider auch teilweise ein politisches Statement gewesen. Die Auswirkungen dieser Manifestierung politischer Präferenzen sei den Amerikanern dann zwei Wochen später deutlich um die Ohren geflogen, schildert Arpad von Schalscha.
Bei häufig strahlend blauem Himmel und meist moderaten Außentemperaturen habe er bisher fußläufig von seinem Hotel aus viele Sehenswürdigkeiten besucht, die einem aus den meisten amerikanischen Berichten oder Spielfilmen bekannt vorkommen. Nach nur 20 Minuten erreicht man das Ehrenmal des US Marine Corps, eine eindrucksvolle, überlebensgroße Darstellung des Aufstellens der US-Flagge auf Iwo Jima.
Direkt im Anschluss kommt man zum Friedhof Arlington mit den Grablagen der Familie Kennedy und vieler Persönlichkeiten der amerikanischen Militärgeschichte. Insgesamt sind dort rund 300 000 Menschen beerdigt, die im Kampf fielen, mindestens 25 Jahre aktiv Soldat oder Träger hoher staatlicher Auszeichnungen waren.
Ehrensalven
Der "Betrieb" dort läuft uneingeschränkt weiter, nicht nur gelegentlich hallen drei Ehrensalven über die Reihen der Gräberfelder oder man sieht eine mehrspännige Lafette mit Ehrengeleit und darauf ein Sarg, bedeckt mit der amerikanischen Flagge. Vor manchen frischen Grab sieht man junge Frauen oder Familien. Wie gut geht es uns Deutschen: "No need to go to war".
Das Capitol ist wegen der anstehenden Amtseinführung des gewählten Präsidenten Joe Biden am 20. Januar nur aus der Ferne zu sehen. Wie das Weiße Haus: Vier Reihen massiven Zauns machen einen freien Blick fast unmöglich.
Antrieb
Die Freiheit des Einzelnen ist ein hohes Gut. Hier in Deutschland. "Dafür bin ich dankbar und dafür begebe ich mich auch mal gern aus der Komfortzone heraus und tue was für mein Land. Permanent meckern, leugnen oder lügen überlasse ich Anderen", sagt der pensionierte Polizist aus Coburg - und deshalb sitzt er jetzt in Washington.