Eminegüler Cetinturk verwaltet das Geld, ihr Mann hat nichts dagegen. Auch sonst ist die 65-jährige Türkin eine selbstbewusste Frau, immer bestrebt, ein unabhängiges Leben zu führen. Das war nicht immer leicht.

Als ihr Ehemann 1969 nach Deutschland ging, blieb sie zunächst in der Türkei - ihr Sohn war gerade zwei Wochen alt.

Ihm wollte sie die strapaziöse Übersiedlung in eine fremde Welt nicht zumuten. Auch als er etwas älter war, fuhr Eminegüler Cetinturk erst einmal allein nach Deutschland, nach Coburg. "Ich konnte kein Wort Deutsch sprechen und habe es trotzdem geschafft", erinnert sie sich. Auch daran, dass sie glaubte, sie komme in ein Paradies. Das sah aber ganz anders aus, als sie gehofft hatte: Ihr Mann führte sie in eine zwar große, aber wenig komfortable Wohnung. "Wir hatten keine Küche und kein Bad. Die Zimmer waren über mehrere Etagen verteilt."

Keine Sprachkurse


Zunächst bekam die junge Frau eine Stelle bei einer Coburger Firma für Kunststoffverarbeitung, in der auch ihr Mann arbeitete. Zufrieden war sie dort nicht. Zu Hause in der Türkei hatte sie einen Büro-Job, jetzt sollte sie Hilfsarbeiten verrichten. Und noch immer sprach sie nicht deutsch. "Sprachkurse wie heute gab es damals nicht. Ich habe nur im Gespräch mit den Kollegen ein bisschen etwas lernen können", sagt Eminegüler Cetinturk. Weil sie aber gewohnt war, selbstständig zu leben, wollte sie auch gern allein in die Stadt und zum Einkaufen gehen. Sie traute sich, auch wenn sie mitunter skurrile Erlebnisse hatte, weil sie falsch verstanden wurde.

Die Mutter wollte ihren Sohn gern so schnell wie möglich nach Coburg holen wollte und schaute sich nach einer Firma mit angeschlossenem Kindergarten um.

Die fand sie in Dörfles-Esbach. Doch so einfach war der Wechsel nicht. Die türkischen Arbeitnehmer mussten sich, wenn sie nach Deutschland kamen, verpflichten, mindestens ein Jahr in einer Firma zu bleiben. Eminegüler Cetinturk hatte ihr Pflichtjahr aber noch nicht rum. "Mein Mann hat den Rest für mich übernommen."
Sie bekam die Arbeit in Dörfles-Esbach, holte ihren Sohn nach Coburg und die Familie zog in eine andere, größere Wohnung. Aber auch das war nicht leicht. "Wir wurden mehrfach abgewiesen, wenn die Vermieter sahen, dass wir Türken sind. Dabei hatte sich mein Mann extra seinen Schnurrbart abgenommen." Doch das Ehepaar fand schließlich etwas Passendes am Oberen Bürglaß. Alles wäre gut gewesen. Aber der Sohn verletzte sich die Augen und sollte eine Zeit lang nicht mehr in den Kindergarten gehen. Das war schwierig.

Eminegüler Cetinturk wechselte wieder die Arbeit, fing in einer anderen Coburger Firma an, in der auch ihr Mann inzwischen beschäftigt war. "Wir haben in unterschiedlichen Schichten gearbeitet, damit immer einer von uns bei dem Kleinen bleiben konnte."

1974 wurde die junge Frau entlassen.


"Es war eine wirtschaftlich schwierige Zeit." Sieben Monate saß sie zu Hause, was ihr sehr schwergefallen sei. Dann fand sie wieder eine Anstellung in der Filiale eines Coburger Automobilzulieferers in Grub am Forst. Dort blieb sie, bis sie vor sieben Jahren in den Vorruhestand ging.

Doch zurück in die 70er Jahre. Ein zweites Kind kam zur Welt, eine Tochter. Sie wurde ein echtes Sorgenkind der Familie, erkrankte an Hirnhautentzündung, war lange im Krankenhaus und behielt einen bleibenden Schaden zurück. Sie verlor ihr Gehör und musste im Alter von drei Jahren nach Bamberg in einen speziellen Kindergarten gehen. Später wurde bei einer Untersuchung in Erlangen festgestellt, dass das Kind ein Loch im Herzen hat. Noch heute muss Eminegüler Cetinturk weinen, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Dabei hat auch die Tochter alles gut überstanden, ist heute verheiratet und hat selbst Kinder.

Mit 65 noch fit


Die Oma hat oft die Enkel bei sich. Nach mehreren Umzügen innerhalb von Coburg lebt sie heute mit ihrem Mann in Schorkendorf. Das Stadtleben braucht sie aber nach wie vor. "Wir fahren jeden Tag nach Coburg", erzählt sie lachend. Am Montag geht sie zum Frauenfrühstück in die Moschee in der Viktoriastraße. Wenn schönes Wetter ist, schwimmt sie auch gern zusammen mit den anderen Frauen aus der Moschee. "Ich würde gern noch ein bisschen arbeiten, ein paar Stunden in der Woche vielleicht."

Zu Hause zu sitzen, liegt der Seniorin einfach nicht.

Eminegüler Cetinturk fühlt sich mit ihren 65 Jahren noch fit. Und sie ist zufrieden mit ihrem Leben. Der Bundesregierung sei sie sehr dankbar, dass sie so viel für behinderte Kinder tut. Trotz aller Probleme im Laufe ihres Lebens in Deutschland hat die Türkin, die ihre Staatsbürgerschaft behalten hat, nie bereut, nach Coburg gekommen zu sein.