Gegen Carl Orff hat an diesem Abend niemand eine Chance. Da mag der Bayerische Rundfunk im Kongresshaus so viele Mikrophone aufbauen wie er will für das Landes-Jugendjazzorchester Bayern. Das Publikum drängt sich in der Morizkirche um die besten Plätze für "Carmina Burana", während sich wenige hundert Meter weiter im Kongresshaus ein kleines Völkchen von Jazz-Enthusiasten versammelt. Schon lange vor Konzertbeginn in St. Moriz drängen sich derweil die Zuhörer dicht an dicht bis hinauf in die zweite Empore.


"O Fortuna"


"Unerhört" - der Name des Chores wird an diesem Abend zum Programm werden. Unerhört der Enthusiasmus, mit dem sich der gerade mal vor sechs Jahren von Antoinetta Bafas gegründete Chor gemeinsam mit dem Theater- und Konzertkinderchor an dieses ehrgeizige Projekt namens "Carmina Burana" wagt. Unerhört die Spannung, die sich in den ersten Takten entlädt.


Wie eine Naturgewalt


"O Fortuna" - die Hymne auf die Beherrscherin der Welt setzt das von Orff in Musik gesetzte Glücksrad mit unwiderstehlicher Macht in Gang. Wie eine Naturgewalt reißt der Sog der Gesänge alles mit sich.
Mit geballter Kraft, aber auch mit verblüffend schlanken Klängen verwandeln die beiden Chöre Orffs weltliche Gesänge in eine Hymne auf das Leben.


Wenn das Glücksrat einmal ins Rollen kommt


Wenn das Rad der Fortuna erst einmal ins Rollen gekommen ist, hält niemand mehr die Wucht dieser Musik auf, die aber wenige Takte später verblüffend zart, fast zerbrechlich klingen kann.


Rhythmische Präzision


Antoinetta Bafas achtet am Dirigentenpult unerbittlich und mit großer Souveränität auf rhythmische Präzision und dynamische Differenzierung. Orffs Partitur bietet auch für leistungsfähige Chöre viele Tücken. Das beginnt beim Text mit seiner kunterbunten deutsch-französisch-lateinischen Mischung und endet bei den komplexen rhythmischen Strukturen, die an diesem Abend beachtlich präzis und reaktionsschnell in Klang verwandelt werden.


Intensive Gestaltungskraft


Martin Trepl singt die Bariton-Soli mit stets tragfähiger und doch zugleich schlanker, beweglicher Stimme und intensiver Gestaltungskraft. Derweil der Tenor Sascha Mai das Lied des gebratenen Schwans mit den nötigen karikierenden Akzenten versieht. Und Nina Andreeva singt die Sopran-Soli mit geballter Ausdruckskraft und durchsetzungsfähiger Stimme.


Gregorianik bis Opernpathos


"Cantiones profanes" hat Orff sein Meisterwerk im Untertitel genannt. Sie sind ein musikalischer Reigen aus Liebe und Leben in vielen Stilen. Vom Gregorianik-Anklang bis zur opernhaften Geste spannt sich der Bogen, der bei aller Vielfalt keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt.


Begeisterter Beifall


Gemeinsam mit dem Theater- und Konzertkinderchor singt der Chor "Unerhört" bei Bedarf wuchtig, kantig und kraftvoll und im nächsten Takt spannungsvoll leise. Mit bedingungsloser Begeisterung, mit frischem Klang in allen Lagen verwandeln beide Chöre die gestalterischen Impulse Antoinetta Bafas in pulsierenden, schier unwiderstehlichen Gesang.


Geschmeidig musizierendes Orchester


Das Philharmonische Orchester Brünn, verstärkt durch einige Musiker aus dem Coburger Raum, agiert ebenso engagiert wie präzis, ebenso geschmeidig und differenziert im Klang wie kraftvoll und energisch akzentuiert. Am Ende gibt es schrankenlose Begeisterung und beträchtlich ausdauernden Beifall, der schließlich gar noch mit zwei Zugaben belohnt wird. Das Konzert wird übrigens am Samstag, 20. Oktober, in Karlsbad wiederholt.