Herzog Casimir wurde vor 450 Jahren in eine furchtbare Zeit hineingeboren, aus der sich dann aber die moderne Staatenordnung entwickelte. Im Jubi läumsjahr will man sich in seiner Residenzstadt dieser umstrittenen, bisher auch durchaus verkannten Gestalt nähern; schließlich hat man ihm Entscheidendes zu verdanken, im Kern die Entwicklung von einem unbedeutenden Ackerbürgerflecken zur regional strahlenden Residenzstadt.

Casimir ist auf verschiedenen Feldern zudem ein spannendes Beispiel für die Herausbildung des frühmodernen Staates.

Am kommenden Mittwoch wird sich der Heidelberger Kirchengeschichtler Christoph Strohm, Bruder des aus Coburg stammenden Landesbischofs Bedford Strohm, mit einem zentralen Aspekt des Wirkens von Herzog Casimir beschäftigen. Die von ihm in Auftrag gegebene und eingeführte, von dem wichtigsten lutherischen Theologen der Epoche, Johann Gerhard, verfasste Kirchenordnung blieb bis ins 20.
Jahrhundert gültig: die "Casimiriana".

So wurde Casimir nicht Kurfürst

Als Casimir 1564 geboren wurde, bewegten sich die konfessionellen Spannungen im damaligen Deutschland auf ihren Höhepunkt zu. Casimirs Großvater, Friedrich Wilhelm der Großmütige (1503 - 1554), hatte im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 als Anführer der Protestanten alles verloren. Die Kurfürstenwürde musste er an seinen Vetter Moritz von Sachsen und damit endgültig an die albertinische Linie der Wettiner abgeben.

"Wäre die Geschichte anders verlaufen, wäre Casimir wohl Kurfürst geworden - hätte dann allerdings gewiss nicht in Coburg residiert", stellte der Historiker Gert Melville, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft in Coburg, bei seinem Auftaktvortrag zur Casimir-Reihe fest, die in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule veranstaltet wird.
Casimirs Vater, Johann Friedrich der Mittlere von Sachsen, (1529 - 1595) verstrickte sich dann, wohl im Versuch, den Verlust zu kompensieren, in eine Rebellion gegen Reichsrecht und Kaiser, in den sogenannten Grumbachschen Händel, und geriet wie der Großvater in kaiserliche Gefangenschaft, wo er nach 28 Jahren starb. Für den "wahren Glauben" einzutreten und die Demütigungen auszulöschen, waren nun zentrale Motivation der folgenden Generationen. Casimir entwickelte ein betont gottbezogenes Verantwortungsgefühl gegenüber Untertanen und Gemeinwohl.

In Gottesfurcht gegen die Hexen

Kehrseite dieses Verantwortungsgefühls und seiner patriarchalischen Fürsorglichkeit war allerdings auch Casimirs ausgeprägter Hexenwahn. 178 Prozesse ließ er führen, gestützt von dem herrschenden paranoiden Verfolgungswahn breiter Bevölkerungsschichten.

Christoph Strohm wird sich am Mittwoch in St. Moriz im Speziellen mit Religion, Politik und Toleranz zur Zeit Casimirs beschäftigen. Wie kam es, dass ein weltlicher Herrscher eine Kirchenordnung erließ, eine Verantwortlichkeit entwickelte, die wir nach Jahrhunderten der Diktatur zu fürchten gelernt haben?

Ein wesentliches Ziel Martin Luthers war die klare Unterscheidung der Aufgaben des geistlichen und des weltlichen Regiments, verweist Christoph Strohm in den historischen Hintergrund. In der Kirche sollte es um die Verkündigung des Evangeliums gehen, und zwar ohne Gewaltmittel. Weltliche Regierung dagegen darf Recht, Ordnung und Frieden notfalls auch mit Gewalt durchsetzen. Da die Bischöfe als Verantwortliche nicht ihren Pflichten nachgekommen seien, habe sich Luther an die weltlichen Herren gewandt. So nahmen im Zuge der Reformation weltliche Herrscher auch die Gesetzgebung im Bereich der Kirche in die Hand.

Herzog Johann Casimir fühlte sich im besonderen für die Wahrung der göttlichen Ordnung verantwortlich. Mit seiner Kirchenordnung wollte er auch in der Kirche für "geregelte Verhältnisse" sorgen. Damit rückte aber die Anwendung staatlicher Gewaltmittel im Bereich der Kirche in den Alltag, ganz gegen das eigentliche Anliegen der Reformation, dass das Evangelium nur glaubend angenommen werden, Glauben aber nicht durch Gewalt entstehen könne.
Mit Johann Gerhard gewann Herzog Casimir einen der fähigsten Theologen seiner Zeit als Generalsuperintendenten und Theologieprofessor für Coburg. Er erstellte 1615 eine neue, einheitliche Kirchenordnung, orientiert an der von Kurfürst August von Sachsen 1580 erlassenen Vorlage, mit nun aber noch stärkerer lutherischer Profilierung. Sie reichte von Lehrinhalten über die Gestaltung kirchlicher Handlungen bis zur Organisation kirchlicher Gre mien und des Schulwesens.

Gestärkt werden die Handlungsbefugnisse des General superintenden und der Superintendenten, die zwar Geistliche sind, aber in besonderem Maße die Interessen des Herrschers vertreten, was einheitliche Lehre und Zeremonien, Bildung und sittliches Verhalten der Untertanen anbelangt.

"Zum Abschew und Exempel"

Gerhard habe aber sehr wohl, so Strohm, Wert gelegt auf die Unterscheidung zwischen Kirchenbuße und weltlicher Bestrafung. Wenn die begangene Sünde öffentlich war und somit ein öffentliches Ärgernis darstellt, muss es einen öffentlichen Akt geben, um Schaden von der Gemeinschaft abzuwenden. Doch die Casimiriana stellt klar: Wenn "ein solcher aergerlicher Mensch" nicht bereuen und in die Gemeinschaft zurückkehren will "vnnd die Obrigkeit ihme deßhalben andern zum Abschew vund Exempel auch eine eusserliche Straff aufferleget daß er etlich Sontag nach einander vor der Kirchthuer mit einem weissen Stab oder dergleichen stehen muesse soll dieses nicht fuer eine Kirchenstraffe gerechnet sondern wie es in der Warheit ist für eine weltliche Strafe der Obrigkeit gehalten werden..."

Das Konzept evangelischen Kirchenrechts, das der Casimi riana zugrunde liegt, wurde, so Christoph Strohm, im 17. Jahrhundert zu einem wichtigen Prinzip des kirchenrechtlichen Diskurses.

Vortragsreihe Johann Casimir und seine Zeit. Veranstaltet von der Volkshochschule Coburg und der Historischen Gesellschaft.- Christoph Strohm: Religion, Politik und Toleranz zur Zeit Herzog Casimirs. Mittwoch, 19. März, 19 Uhr, in der Morizkirche. Karten (8 Euro, Abendkasse 10 Euro) gibt es bei der Vhs, Löwenstraße 12, oder bei der Buchhandlung Riemann.

Der Referent Christoph Strohm, geboren 1958 in Memmingen, promovierte 1987 in Heidelberg. Von 1988 bis 1990 war er als Vikar tätig. 1991 erfolgte die Ordination. 1995 Habilitation in Heidelberg. Von 1996 bis 2006 lehrte er als ordentlicher Professor für Kirchengeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

 Seit April 2006 ist Christoph Strohm Lehrstuhlinhaber für Reforma tionsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg. Strohms Forschungsschwerpunkte sind die Einflüsse weltanschaulich-konfessioneller Orien tierung auf die Rechtsentwicklung in der Frühen Neuzeit, Recht und Jurisprudenz im Reformierten Protestantismus (1550-1650), das Leben und Werk Johannes Calvins, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Edition der Deutschen Schriften des Reformators Martin Bucer sowie die kulturgeschichtlichen Wirkungen der Bibel im 17. und 18 Jahrhundert.