Premiere und Abschied zugleich ist die Inszenierung von Hauptmanns Frühwerk für Michael Götz. Nach erfolgreichen Arbeiten in der Reithalle und diversen Außenspielstätten führt der 31-Jährige erstmals Regie auf der Großen Bühne. Zum Ende der Saison verlässt Götz das Landestheater nach drei Spielzeiten in Coburg, um künftig als freischaffender Regisseur zu arbeiten.

"Einsame Menschen" ist ein früher Hauptmann und zählt sicher nicht zu seinen bekanntesten Werken. Wie würden Sie die Handlung in zwei Sätzen beschreiben?
Michael Götz: Vordergründig geht es um eine Dreiecksgeschichte.
Im Hintergrund aber geht es um das Aufeinanderprallen verschiedener Lebensideen, die mit der gesamten Familie zusammenhängen.

Was reizt Sie an diesem Stück?
Hauptmann hat in "Einsame Menschen" wahnsinnig komplexe Figuren geschrieben. Man muss sie präzis umreißen, damit das auf der Bühne funktioniert. Dafür hat er wirklich geklaut in der eigenen Familiengeschichte. Dadurch, dass die Figuren aus dem Leben gegriffen sind, sind sie eben so unglaublich vielschichtig. Es war ein spannender Prozess, das herauszuarbeiten. Eigentlich sind sechs Wochen Probenzeit dafür zu wenig. Hauptmanns Regieanweisungen allerdings sind ganz toll. Da freut man sich als Regisseur drüber. Er beschreibt ganz genau, wie die Figur grundsätzlich angelegt ist. Das machen Autoren heute nicht mehr. Diese Jahrhundertwende-Autoren haben's drauf, Dialoge zu schreiben, aus denen man alles ablesen kann, wo man aber auch sehen muss: Was steht noch dahinter?

Lässt sich das Stück in einem Satz charakterisieren?
Es ist sperrig - und andererseits sehr heutig.

Wie sieht das Ausstattungskonzept aus?
Ditteke Waidelich als Bühnenbildnerin, Imke Paulik aus Kostümbildnerin und ich waren uns schon bei der ersten Besprechung schnell einig, es nicht heutig zu machen. Wir lassen das Stück weitgehend in der Entstehungszeit, ohne es realistisch zu machen. Was sind die allgemein gültigen Themen? Darum geht es. Dann kann man "Einsame Menschen" wie Shakespeare und Tschechow in der Entstehungszeit lassen.

Worauf müssen Sie als Regisseur besonders achten?
Man muss sich ganz ehrlich mit diesen Figuren befassen. Man muss Authentizität schaffen. Dieses Stück schreit ja danach: "Spiel mich naturalistisch." Dann ist es spannend zu fragen: Was bleibt übrig, was ist wirklich wichtig? Vordergründig ist Johannes Vockerath die Hauptrolle. Vockerath hat zwei Lebensentwürfe, die miteinander streiten. Familie und individuelle Freiheit. Aber wenn nicht alle anderen Schauspieler Hauptrollen spielen, läuft das Stück weg.

In Ihren Inszenierungen spielt die Musik oft eine wichtige Rolle. Wie sieht's in dieser Hinsicht bei "Einsame Menschen" aus?
Ich habe ganz lange rumprobiert, war anfangs bei den "Toten Hosen" und Rammstein" unterwegs, habe aber rasch gemerkt: Das funktioniert nicht. Jetzt bin ich bei den Tiger Lillies und ihrem Album "Births, Marriages And Deaths" gelandet.

Sind Sie Hauptmann-Fan?
Das weiß ich eigentlich gar nicht. "Biberpelz" mussten wir in der Schule lesen, ich glaube in der sechsten Klasse - das hab' ich gehasst. "Einsame Menschen" habe ich während der Schauspielschule gelesen, mich aber nicht mehr im Detail genau daran erinnert. Ich wusste nur noch, dass es tolle Figuren waren, bevor ich's mit Blick auf die Inszenierung erneut gelesen habe. Ich bin gerade dabei, Hauptmann wirklich kennenzulernen.

Worauf muss man besonders achten, wenn man ein Stück wie "Einsame Menschen" heute inszeniert?
Wir haben, glaube ich, eine sehr knackige Stückfassung erarbeitet - etwa ein Drittel gestrichen. Bei Hauptmann steht sehr viel zwischen den Zeilen. Die zentrale Frage ist: Wie schafft man es, das Innere nach außen zu kehren? Es gelingt nur, wenn man durch das, was die Figuren verhandeln, hindurch schaut, was sie wirklich wollen.

Nach drei Spielzeiten als Regieassistent und Regisseur am Landestheater verlassen Sie Coburg. Wie geht's weiter mit dem freien Regisseur Michael Götz?
Bis September werde ich auf jeden Fall in Coburg wohnen bleiben. Am 25. Juni beginnen in Wiesbaden die Proben für "Tom Sawyer" auf der Studiobühne. Im Januar inszeniere ich dann "Michael Kohlhaas" in Coburg in der Reithalle. Ansonsten gibt's zwei, drei Sachen, die aber noch in der Schwebe sind.

Wann landen Sie als Regisseur bei der Oper?
Wenn Herr Busse es mit anbietet. Mal schauen. Dem Thema Oper bin ich jedenfalls überhaupt nicht abgeneigt. Ich weiß aber nicht, ob ich das jetzt schon kann. Es ist ja doch ein Unterschied, ob man ein musikalisches Schauspiel macht oder ein Stück Musiktheater. Meine Theaterkarriere habe ich allerdings in der Musiktheaterdramaturgie in Würzburg begonnen.

Was machen Sie am Premierena bend?
Aufgeregt sein. Meine ganze Familie kommt - passend zum Stück. Ich hoffe, dass ich ausnahmsweise mal ausschlafen kann. Dazu komme ich in letzter Zeit ja leider nicht. Kurz vor der Premiere werden die Tage extrem kurz. Aber meist ist man so nervös, dass man gar nicht richtig schlafen kann.


Ein Familiendrama und seine Interpreten

Premieren-Tipp Gerhart Hauptmann "Einsame Menschen", Sonntag, 19. Mai, 19.30 Uhr _ Aufführungen: 23., 30., 31., Mai, 7., 12., 25., 26. Juni, 19.30 Uhr

Produktions-Team
Inszenierung: Michael Götz
Bühnenbild: Ditteke Waidelich
Kostüme: Imke Paulick
Dramaturgie: Georg Mellert

Darsteller Vockerat: Thomas Straus
Frau Vockerat: Kerstin Hänel
Johannes Vockerat: Frederik Leberle
Käthe Vockerat: Sandrina Nitschke
Braun: Sebastian Pass
Anna Mahr: Anna Staab
Frau Lehmann: Philippine Pachl

Ditteke Waidelich, geboren in Stuttgart, hat an der Dresdener Hochschule für Bildende Künste sowie an der Akademi for Scenekunst Fredrikstad (Norwegen) Bühnen- und Kostümbild studiert. Neben der Theaterarbeit ist sie auch im Bereich Performance- und Installationskunst tätig. Am Landestheater Coburg hat sie bereits "Born in the RAF" ausgestattet.

Imke Paulick absolvierte am Staatstheater Wiesbaden ihre Ausbildung zur Damenschneiderin und studiert seit 2010 Kostümbild an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg bei Reinhard von der Thannen. Nach "Dreisamma" ist "Leonce und Lena" ihre zweite Produktion am Landestheater Coburg.

Michael Götz ist seit der Saison 2009/2010 Regieassistent am Landestheater Coburg. 1982 in Würzburg geboren, studierte er nach Hospitanzen in der Musikdramaturgie und im Regiefach an der Akademie der Darstellenden Kunst in Ulm. Als Regieassistent war er zwei Jahre am Staatstheater Wiesbaden und am Berliner Ensemble engagiert. Bereits mehrfach hat sich Götz erfolgreich auch als Regisseur am Landestheater vorgestellt. Zum Ende der Saison verlässt er das Landestheater, um als freier Regisseur zu arbeiten.

Einsame Menschen. Drama (5 Akte; Arbeitstitel: Martin und Martha. Das Wunderkind). Berlin (S. Fischer) 1891. Entstanden 1890. UA 11. Januar 1891 Berlin (Freie Bühne, Residenztheater; Regie: Cord Hachmann; Dramaturgie: Otto Brahm; mit Emanuel Reicher [Johannes])


Der Autor Spätestens als Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich sein Theaterabonnement am Deutschen Theater kündigte, hatte es Gerhart Hauptmann geschafft. Der Autor legendärer Revolutionsstücke wie "Vor Sonnenaufgang" und "Die Weber" war in aller Munde. Und während sich das Establishment mit Grausen abwandte, rissen sich die Intendanten um seine Uraufführungen. 1912, zehn Jahre nach der symbolischen Ohrfeige durch Ihre kaiserliche Hoheit, nahm Hauptmann in Stockholm den Literatur-Nobelpreis entgegen.

Zur Entstehung Seine Ideen sammelte Hauptmann im Alltag. Aus scheinbar einfachen Themen machte er Parabeln auf das menschliche Miteinander. Und so inspirierte ihn ein Skandal in der eigenen Familie zu dem Stück "Einsame Menschen". Sein Bruder Carl leistete sich nämlich eine Affäre mit einer polnischen Studentin und setzte die Familienehre der Hauptmanns aufs Spiel.

Darum geht's Im Drama stört die Studentin Anna ein junges Eheglück am Müggelsee. Während sich Ehefrau Käthe in ihre neue Rolle als Mutter einfindet, lädt der Hausherr Johannes die Studentin ein, einige Zeit in seinem Haus zu verbringen. Und es kommt, wie es kommen muss: Johannes verliebt sich in Anna, Anna verliebt sich in Johannes - gemeinsam zelebrieren sie ihre "Seelenverwandtschaft" und beschäftigen sich mit erhabenen Gefühlen. Da ist kein Platz für die ganz alltäglichen Sorgen der jungen Mutter Käthe, die das knappe Familienbudget zusammenhalten muss. Aus Angst vor dem gesellschaftlichen Skandal drängen Johannes' Eltern Anna zur Abreise. Als sie fort ist, setzt Johannes sich in sein Boot und rudert allein hinaus auf den Berliner Müggelsee ...