"Es gilt die Unschuldsvermutung!" Diesen Satz sagt Oberbürgermeister Norbert Kastner in der Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag gleich mehrmals. Eine gewisse Erleichterung kann er dabei nicht verhehlen: Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass K3-Fleisch aus dem Coburger Schlachthof heraus verkauft wurde. Aber nicht aus dem städtischen Betriebsteil, sondern aus dem der Firma Dellert.

Trotzdem hat der OB die Journalisten aus Coburg und der Region einberufen, um ihnen mitzuteilen, dass der Coburger Schlachthof nun für zwei Wochen geschlossen wird. Um Zeit zu gewinnen, um alles aufzuklären. Das sehe auch Ludwig Dellert so, der Firmenchef von Dellert Fleisch. Am heutigen Freitag soll das letzte Mal geschlachtet werden, dann wird für zwei Wochen geschlossen.

Ganz spontan kam die Entscheidung offenbar nicht.
Denn die Stadt hatte schon vorher mit der Regierung von Oberfranken abgeklärt, wo denn das für Coburg bestimmte Vieh geschlachtet werden könne, wenn Coburg ausfällt. "Kronach, Kulmbach, Bamberg", seien die Ausweich-Schlachthöfe, sagte Kämmerer Wilhelm Austen. Die Zuständigkeit für den Schlachthof fällt in sein Referat; weil der Schlachthofdirektor und Amtstierarzt Michael Klein schon seit einiger Zeit erkrankt ist, müssen sich Mitarbeiter des Finanzreferats um die Verwaltungsaufgaben kümmern.

Kein "Gammelfleischskandal"

Seit März sei kein K3-Fleisch mehr an Gaststätten und Metzgereien gelang, erklärt der Staatsanwalt. Auch dieser Satz ist Kastner wichtig, sagt er doch: Derzeit ist da nichts. Überhaupt könne man von einem "Gammelfleischskandal ungeahnten Ausmaßes" wohl nicht reden, sagt der OB, Medienberichte zitierend. Er nennt es "Fleisch minderwertiger Qualität".

Aber es hätte nicht verkauft werden dürfen. Deshalb wird die zweiwöchige Zwangspause auch dafür dienen, sich darüber klar zu werden, ob die Firma Dellert weiterhin Vertragspartner der Stadt bleiben kann. "Es war ja wohl so, dass da was gewesen ist", sagt Kastner. Es stehe allerdings nicht fest, inwieweit es sich um Einzeltäter handelte oder ob Firmenchef Dellert davon wusste, dass K3-Fleisch an Gaststätten und Metzgereien gelangte. Das hatten anonyme Zeugen in eidesstattlichen Erklärungen für das Fernsehmagazin "Quer" behauptet.

Diese Sendung war am Donnerstag vor einer Woche ausgestrahlt worden. Am Wochenende veröffentlichte die Firma Dellert auf ihrer Homepage eine Stellungnahme: "Ein Handel mit zu beanstandendem Fleisch findet nicht und fand zu keiner Zeit bei der Dellert-Fleisch statt." Nun sagt die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft zumindest aus, dass aus den Firmenräumen heraus mit zu beanstandendem Fleisch gehandelt wurde.

Die Firma Dellert wollte sich gestern nicht äußern. Erst wolle man mit dem Anwalt sprechen, sagte eine Frau am Telefon, die sich als "die Tochter" bezeichnete. Kontakt zu Firmenchef Ludwig Dellert oder Elke Dellert war nicht möglich.

Auch die Regierung prüft

Die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft hat aber nicht nur die Stadt zum Handeln veranlasst. Auch die Regierung von Oberfranken "nimmt diese Mitteilung zum Anlass, verwaltungsrechtliche Konsequenzen gegenüber der Firma Dellert zu prüfen", teilte Sprecherin Corinna Börner mit. Die Regierung von Oberfranken hatte zum Beispiel schon moniert, dass die Kuttelei über keinen eigenen Auslieferungsbereich verfügt. Die Kuttelei war schon nach den ersten Berichten geschlossen worden; Inhaber Marco Termin verlor seine Betriebserlaubnis.

Doch das alles stehe in keinem Zusammenhang zur jetzt verfügten Schließung, sagt der OB. Und es gebe auch keinen Zusammenhang zu den aktuellen Überlegungen in Stadtverwaltung und Stadtrat, den Schlachthof zu schließen. Darüber diskutiere man seit fünf Jahren, seit mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept festgelegt wurde, dass im Bereich des Güterbahnhofs ein "Band der Wissenschaft" entstehen solle. Da passe ein Schlachthof schlecht in die Nachbarschaft.

Einen zusätzlichen Impuls habe die Diskussion erhalten, als sich abzeichnete, dass das Defizit im städtischen Schlachthof noch steigen könne, betont der OB. So verlange die Regierung von Oberfranken, dass auch die Tieranlieferung von einem Amtstierarzt überwacht werde und nicht nur von einem Tierschutzbeauftragten. Aber einen weiteren Tierarzt müsste die Stadt erst einstellen.

Er halte es für "sehr wahrscheinlich", dass der Schlachtbetrieb nach den zwei Wochen Pause wieder anlaufe, betont der OB. Die Stadt müsse als "solider Geschäftspartner" agieren. Es sei denn, die Dinge würden sich so entwickeln, dass Dellert in Coburg nicht mehr weitermacht oder nicht mehr weitermachen kann, schränkt Kastner ein. Dann werde der Schlachthof vollends unrentabel.