Das Unheil lauert zwischen den Noten. Wenn die Melodien besonders zärtlich locken, ist Vorsicht geboten in Benjamin Brittens Kammeroper "Die Drehung der Schraube". Das bekommt auch die junge Gouvernante zu spüren, die sich auf eine nur scheinbar harmlose Aufgabe einlässt. Auf einem abgelegenen Landsitz soll sie die Erziehung zweier Waisenkinder übernehmen, deren reicher Vormund weder Lust noch Zeit hat, sich auf diese Kinder namens Flora und Miles einzulassen.


Rätselhaftes Geschehen

Mit naiven Hoffnungen im Gepäck tritt die junge Gouvernante die Reise an. Doch die Geschichte, die sie dann auf jenem Landsitz erlebt, verliert nur allzu rasch ihre idyllische Einfärbung.
Das zeigt die Premiere der Coburger Neuproduktion im Theater in der Reithalle, die das Publikum mit klug dosierter Intensität hinein zieht in das rätselhafte Geschehen.

Urtle Regler folgt in ihrer Inszenierung mit feinem Gespür den geradezu sprechenden Nuancen von Brittens Partitur. Die faszinierend reichen Facetten der Musik übersetzt sie in eine jederzeit sorgfältige, ebenso einfühlsame wie intensive Personenführung. Brittens Kammeroper, 1954 in Venedig uraufgeführt, wird in ihrer Deutung zum dicht verwobenen Kammerspiel.


Geister oder Hirngespinste?

Dieser Abend lebt von einem bemerkenswert homogen agierenden Darsteller-Sextett, das jederzeit gleichermaßen in Gesang wie Spiel beeindruckt. In einer Doppelrolle: Milen Bozhkov. Er übernimmt den Prolog mit klarer Diktion und zieht dann als (eigentlich längst verstorbener) Diener Quint das Publikum in seinen Bann - eine schwarze Seele, die den jungen Miles in den Abgrund ziehen will. Bozhkovs im Timbre leicht angerauter Tenor beeindruckt mit prägnanter Diktion und packendem Ausdruck. Quints weibliches Pendant als schwarze Seele ist die ehemalige Gouvernante Miss Jessel, von Sofia Kallio mit bedrohlicher Intensität gestaltet.

Stets präzis in der Diktion: Hayley Sugars als Haushälterin Mrs. Grose mit ausdrucksvollem Mezzosopran. Als Geschwister-Paar Flora und Miles erlebt das Publikum Carolin Rogos und Karolin Trübenbach - zwei junge Sängerinnen, die mit schlanker Stimmführung und sehr lebendigem Spiel überzeugen. Im Zentrum der Geschichte aber steht Betsy Horne als junge Gouvernante, die immer tiefer hineingezogen wird in das rätselhafte Geschehen auf jenem Landsitz. Mit ausdrucksvollem Sopran gelingt ihr ein faszinierendes Rollenporträt mit vielen Zwischentönen. Die spannende Frage: Sind die Geister von Quint und Miss Jessel, die sie sieht oder zu sehen meint, pure Hirngespinste oder nicht? Diese Frage lässt die Regie bewusst bis zum Schluss offen. Wer sich auf diese Oper einlässt, darf keine Angst vor unbeantworteten Fragen haben.

Formal gesehen ist Brittens Kammeroper ein kühl konzipiertes Gebilde, dessen zwei Akte samt Prolog sich jeweils in acht Szenen gliedern, die stets von einem instrumentalen Zwischenspiel eingeleitet werden.


Dirigent als Klangregisseur

Das 13-köpfige Kammerorchester aus Musikern des Philharmonischen Orchesters entfaltet den raffinierten Farbenreichtum von Brittens Partitur mit reaktionsschneller Präzision und fein differenziert in Dynamik wie Ausdruck. Am Dirigentenpult wird Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig regelrecht zum Klangregisseur dieser Aufführung, der scheinbar mühelos alle musikalischen Fäden souverän in der Hand hält.

Susanne Wilczeks Ausstattung nutzt den knapp bemessenen Bühnenraum geschickt aus. Zentrales Element ist ein drehbares Wandsegment mit großem Fenster, das ausdauernd in Bewegung gehalten wird und unmissverständlich Innen- wie Außenraum symbolisiert und zugleich das im Titel der Oper enthaltene Element Drehung in reale Bühnenbewegung verwandelt. Am Ende gibt es bemerkenswert ausdauernden Premierenbeifall für eine Neuinszenierung, die sich dieses Prädikat verdient: erschreckend gut.