Jung sind die Gesichter - verträumt, fröhlich, hungrig auf das Leben, das noch vor ihnen liegt mit seinen Versprechungen und Verlockungen. Schwärmerisch und völlig weltvergessen liest Tatjana in Büchern von der großen Liebe, auf die sie wartet. Olga aber, ihre jüngere Schwester, will am liebsten gleich mit beiden Beinen hinein springen ins Glück. Den Mann, der sie dabei begleiten soll, hat sie auch schon gefunden - den Dichter Lenski.

Jung wie der Frühling sind ihre Gesichter - doch die Musik, die dazu erklingt, tönt schon ganz am Anfang herbstlich schwer nach Verzicht, Verlust und Leid. Noch bevor der junge Gutsherr Eugen Onegin in Tschaikowskys gleichnamigem Meisterwerk die Bühne betritt, ist unmissverständlich klar, dass diese Reise des Lebens für Tatjana und Olga, Onegin und Lenski nicht ins Glück führt.

Fern von jedem Klischee

Wer Tschaikowskys "Lyrische Szenen" nach Puschkins Briefroman kennt oder zu kennen glaubt, erlebt an diesem Premierenabend im Landestheater dennoch eine faszinierende Überraschung. Denn so dicht, so intensiv, so vibrierend lebendig, so fern von jedem kitschigen Russland-Klischee kommt das Werk nur selten auf die Bühne.

Stichwort Bühne: Gabriele Vöhringer zeigt mit ihrem Bühnenbildentwurf, wie groß die Bühne des Coburger Musentempels wirken kann. Sie hat dazu den Bühnenraum fast völlig leer geräumt. An die Ränder hinten und seitlich hat sie helle hohe Wände bauen lassen, die jeweils Mittelteile mit drehbaren Paneelen enthalten und sich auf diese Weise rasch verwandeln lassen. Effektvolle Schwarz-Weiß-Kontraste und klug eingesetzte Farbsymbolik bereiten den Rahmen für die Regie Konstanze Lauterbachs, die dazu die adäquaten, präzis charakterisierenden Kostüme entworfen hat.

Einsamer Herzensbrecher

Als Regisseurin ist Konstanze Lauterbach eine unerbittliche Entlarverin. Im Fall von Tschaikowskys "Eugen Onegin" lässt sie die Abgründe der Figuren mit großer Intensität sichtbar werden. Das, was in diesem Werk zwischen den Zeilen steht, was in den Seelen passiert, wird in der Darstellung auf der Bühne sichtbar. Denn seelische Regungen verwandelt Konstanze Lauterbach in spannungsvolle Bewegung. Sie besitzt untrügliches Gespür für Räume.

Lauterbachs Regie fasziniert durch die Kunst, die Darsteller ganz konsequent, völlig unbestechlich und doch zugleich behutsam an ihre Grenzen zu führen. Benjamin Werth zum Beispiel. Er verkörpert Eugen Onegin nicht nur als zynischen Herzensbrecher, sondern als einsamen Menschen - gefangen in seiner Unfähigkeit zu lieben, sich auf eine echte Beziehung einzulassen. Von dieser differenzierten Darstellung, so scheint es, profitiert auch Werths feinsinnig nuancierte musikalische Gestaltung.

Ein Rollendebüt auf frappierend hohem Niveau gelingt Betsy Horne als Tatjana. Die Briefszene wird bei ihr nicht zum vokalen Bravourstück, sondern zum gesungenen Psychogramm einer verzweifelt verliebten jungen Frau, die all' ihre Träume, all' ihre Leidenschaft mit selbstzerstörerischer Intensität auf Eugen Onegin projiziert. Umjubeltes Comeback nach ihrer Babypause: Verena Usemann mit ausdrucksvollem Mezzosopran als Olga.

"Wo einen Lenski finden, jung, schwärmerisch, begeistert, wo eine Tatjana, scheu, keusch und doch von Leidenschaft verzehrt?" fragte sich einst Peter Tschaikowsky. In Coburg haben sie beide gefunden. Milen Bozhkov, der sich aus familiären Gründen aus dem Ensemble verabschiedet (dem Landestheater aber als Gast erhalten bleibt), gelingt ein darstellerisch wie sängerisch packendes Porträt. Seine Interpretation der Lenski-Arie zieht mit ihrer intensiven Ausdruckskraft unweigerlich in Bann.

Pointiert im Auftritt: Gabriela Künzler als verwitwete Gutsbesitzerin Larina, während Mojca Vedernjak als Kinderfrau Filipjewna ein gelungenes Coburg-Debüt glückt.

Würdevoll und intensiv im Ausdruck: Michael Lion als Fürst Gremin. Eine zentrale Rolle in Konstanze Lauterbachs Inszenierung spielt der Chor des Landestheaters, der an vielen Szenen beteiligt ist und gleichermaßen durch sein lebendiges Spiel wie präzisen Gesang überzeugt (Einstudierung: Lorenzo Da Rio). Kleine Rolle, großer Auftritt: Sascha Mai als Triquet.

Begeisterter Premierenbeifall

Garant für den ungetrübten Premierenerfolg ist am Dirigentenpult Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig. Mit feinem Gespür für das richtige Tempo führt er das engagiert und klangvoll agierende Philharmonische Orchester jederzeit souverän und dynamisch fein differenziert durch Tschaikowskys Partitur.
Mit untrüglichem Gespür für flexible Übergänge und Formverläufe lässt er die Musik atmen, hält sie stets in Balance zwischen sinnlichem Klang und klarer Kontur.

Begeistert ausdauernder Beifall am Ende eines Premierenabends, der im dichten Wechselspiel zwischen szenischer und musikalischer Gestaltung erleben lässt, warum das Landestheater mit seinen Opernproduktionen weit über die Region hinaus Anziehungskraft besitzt.

Die Mitwirkenden

Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Inszenierung: Konstanze Lauterbach
Bühnenbild: Gabriele Vöhringer
Kostüme: Konstanze Lauterbach
Dramaturgie: Susanne von Tobien
Larina, Gutsbesitzerin: Gabriela Künzler
Tatjana, ältere Tochter: Betsy Horne
Olga, jüngere Tochter: Verena Usemann
Filipjewna, Amme: Mojca Vedernjak
Lenski: Milen Bozhkov / Joel Annmo / David Zimmer
Eugen Onegin: Benjamin Werth / Falko Hönisch
Triquet, ein Franzose: Sascha Mai / Marino Polanco
Fürst Gremin: Michael Lion
Saretzki, Sekundant: Sergiy Zinchenko
Ein Hauptmann: Sergiy Zinchenko
Ein Vorsänger: Marino Polanco / Sascha Mai
Monsieur Guillot: Boris Stark

Gescheiterte Liebe

Termine 5., 9., 11., 17. Juli, 19.30 Uhr (zum letzten Mal in dieser Spielzeit)

Darum geht's Lebemann Onegin zieht aus Langeweile aufs Land zieht und trifft dort seinen Freund Lenski und die Schwestern Tatjana und Olga. Die verträumte Tatjana verliebt sich in Onegin, wird von diesem jedoch zurückgewiesen. Bei einem Duell tötet Onegin seinen Freund Lenski. Jahre später: Onegin trifft in St. Petersburg die inzwischen verheiratete Tatjana wieder und verliebt sich nun tatsächlich in sie. Die zuvor Verschmähte weist nun ihrerseits den völlig verzweifelnden Onegin zurück.

Die Entstehung Als "Lyrische Szenen" hat Tschaikowsky seinen "Eugen Onegin" bezeichnet. Das dreiaktige Werk in sieben Bildern entstand nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Puschkin im Mai und Juni 1877 größtenteils in Glebowo, dem Landgut von KonstantinSchilowskij, der Tschaikowsky beim Entwurf des Textes half. Uraufgeführt wurde das Werk 1879 in Moskau. Am 19. Januar 1892 dirigierte Gustav Mahler in Hamburg die deutschsprachige Erstaufführung. Das Werk ist heute international die meistgespielte russische Oper - noch vor "Boris Godunow" von Mussorgskij.