Da standen wir nun im kalten Vorgarten des Kreiskrankenhauses Guhrau. Ich hielt meine dreijährige Schwester Sieglinde an der Hand. Ich selbst war ja erst neun Jahre alt. Wir schauten in den dritten Stock und warteten bis unsere Mutter mit dem Rollstuhl von einer ganz in Weiß gekleideten Krankenpflegerin an das Fester gerollt wurde. Der kalte Februar Wind kroch unter unsere alten, dünnen Mäntel.


Der lungenkranke Gutsherr

Die Krankenpflegerin öffnete einen Flügel des Fensters. Unsere Mutter erhob langsam ihre Hand und winkte uns zu. Sieglinde fing an zu weinen. Ich schaute noch immer an das Fenster, das nun mit einem lauten Geräusch verschlossen wurde. Irgendwie spürte ich, dass dies das letzte Wiedersehen war. Meine Mutter starb in den folgenden Tagen an akuter Lungentuberkulose. Es war nun schon Frühling geworden.
Es fing alles damit an, dass meine Mutter als junges Mädchen im Herrenhaus in Laase eine Anstellung als Betreuerin für den kranken Gutsherrn bekam. Der Gutsherr war alleinstehend und es war Elfriedes Aufgabe, ihm die täglichen Mahlzeiten aufs Zimmer zu bringen und für seine Unterhaltung zu sorgen. Sie las ihm vor und spielte leichte Klavierstücke. Ihre ganze Tätigkeit bezog sich auf sein Wohlergehen. Keiner wusste, dass er zu diesem Zeitpunkt schon schwer lungenkrank war. Er bekam schlimme Hustenanfälle und verstarb dann Jahre später. Meine Mutter Elfriede lernte dann ihren Ehemann Paul kennen. Sie war bereits 25 Jahre alt und Paul war einige Jahre jünger. Meine Mutter war schon mit mir schwanger und es wurde schnell geheiratet. In der Kirche kam es nach Aussagen meines Vaters zu einem bösen Omen. Die Kerze auf Elfriedes Altarseite fing an zu flackern und ging dann ganz aus.


Fleisch war die Ausnahme

Elfriede wusste es nicht, aber sie hatte sich schon beim Gutsherrn angesteckt. Die nächsten Jahre verliefen sorglos, bis mein Vater im September 1939 als Soldat an die Front eingezogen wurde. Von da an wurde das Leben für meine Mutter und mich schwieriger. Sieglinde kam dann ein Jahr später zur Welt. Der Großvater vererbte meinem Vater ein schönes Anwesen, das allerdings an einen Friedhof grenzte. Als meine Mutter dies sah, weigerte sie sich hysterisch, in das Haus einzuziehen. Der Gedanke, täglich Gräber und Beerdigungen wahrnehmen zu müssen, erweckte in ihr große Todesängste. Daraufhin wurde ein größeres Haus am Ortsausgang angemietet.
Zwar schickte der Vater den mageren Soldatenlohn nach Hause, aber meine Mutter musste nun alleine für uns sorgen. Blaubeeren und Holz sammeln im nahegelegenen Walde gehörten zur Tagesordnung. Fleischwaren gab es nur zu besonderen Anlässen. Ab und zu half meine Mutter bei den großen Bauern im Dorf aus, und wir bekamen ein Suppenhuhn. Ich erinnere mich noch, dass die Mutter oft schwach und müde war und sie musste sich oft ausruhen. Alle jüngeren Ärzte waren an die Front abgezogen, was für den Umkreis verblieb, war ein siebzigjähriger Hausarzt. Dieser kam nun öfters zu uns und behandelte meine Mutter als Grippepatientin.


Trennung blieb erspart

Hätte der Arzt die wahre Diagnose früher erkannt, wäre wahrscheinlich eine Rettung möglich gewesen. Endlich dann nach vielen Monaten wurde sie ins Kreiskrankenhaus eingewiesen. Dort wurde auch die traurige Diagnose erstellt, dass schon beide Lungenflügel befallen waren, und dass es keine Hoffnung auf Heilung mehr gab. Es wurden einige Telegramme an die Front zum Vater geschickt, dass seine Frau sterben werde. Drei Tage nach der Beerdigung kam dann mein Vater für eine Woche Heimatbeurlaubung. Er versuchte, uns bei Verwandten in benachbarten Dörfern unterzukriegen.


Dorf wurde geräumt

Die einzige Möglichkeit bestand darin, mich und meine kleine Schwerster zu trennen. Die Hausnachbarin, die ihren einzigen Sohn im Krieg verloren hatte, kam nun als Retterin in unserer Not. Frau Dörner nahm sich unserer nun an, so konnten wir in unserer vertrauten Umgebung verbleiben und natürlich wurde uns die Trennung von meinem Schwesterchen erspart. Der Vater kehrte zurück an die Front. Man hoffte, dass der Krieg nun bald zu Ende wäre, und sich das Leben wieder normalisieren würde. Keiner ahnte, dass man schon bald die Heimat verlassen musste.Wenige Monate später kam dann der Aufruf, das Dorf zu räumen. Die russischen Streitkräfte waren vor den Toren. Es wurde eingeteilt, welche Bauern mit Pferdegespannen die Familien mitnehmen mussten. Wir durften nur schnell etwas Kleidung zusammenpacken und mussten los. Es war Januar und eisig kalt. Sieglinde, meine kleine Schwester war in Federbetten auf einem offenen Wagen eingebettet. Sie weinte und hielt ihre große Puppe fest. Ab und zu durfte ich auf den Wagen steigen, um mich auszuruhen. Es schneite und die Wagen kamen nur langsam voran. Ich musste die langen Tage zu Fuß neben dem Wagen laufen.
Die Eiszapfen hingen von meinem alten dicken Rock. Die Schuhe waren nass und schwer. Am Abend wurde dann wenn möglich in einer Ortschaft Halt gemacht, wo man um ein Stuck Brot oder eine heiße Kartoffel bettelte. Wenn man Glück hatte, konnte man mit den Pferden in einer Scheune übernachten. Es ging ums nackte Überleben. Hunger und Frieren, das war nun die Norm. Es wurden Kinder geboren, die dann erfrohren und verhungert am Straßenrand zurückgelassen werden mussten. Die Erde war ja gefroren und so konnte man sie nicht begraben.
Eines Tages gerieten wir in einen schlimmen Schneesturm. Ein schwaches Pferd stürzte und musste zurückgelassen werden. Nun musste der Wagen leichter werden. Man nahm die große Puppe meiner Schwester und schmiss sie in den Straßengraben. Meine Schwester schrie und weinte den ganzen Tag.
Das Pensum von zehn Kilometern am Tag konnte nicht mehr geschafft werden. Es hieß, die Russen hatten uns eingeholt. In der selben Nacht wurde ich durch Frauenschreie geweckt. Man konnte die Panik spüren, ohne zu wissen, was nun geschehen war. Den Kindern wurde erzählt, dass die russischen Soldaten Uhren und Schmuck von den Frauen gestohlen hatten. In Wirklichkeit wurden die Frauen vergewaltigt. Ich hielt mir die Ohren ganz fest zu, damit ich nichts mehr hörte. Früh ging es dann weiter in Richtung Sachsen. Als wir endlich nach Wochen in der Aufnahmestadt angelangt waren, wurde uns gesagt, dass es keinen Platz mehr gäbe und wir weiter nach Thueringen müssten.


Warme Mahlzeit mit Folgen

Die Flucht, der Hunger und das Elend nahm kein Ende. Das letzte Pferd starb, es gab keinen Wagen mehr zum Ausruhen. Die Frau Dörner tauschte den letzten Ring meiner Mutter für einen Handwagen ein. Nun hatten wir fast nichts mehr. Nach ein paar Tagen waren wir dann in Thalebra in Thueringen angelangt. Jeder Bürger dort musste Flüchtlinge aufnehmen. Wir wurden einem Bauern zugewiesen. Endlich eine warme Mahlzeit, die nach so langer Hungerszeit uns schlecht bekam. Der Magen war geschrumpft und wir hatten tagelang Bauchschmerzen. Nachbarn des Bauern kamen und brachten uns einige saubere Kleidungstücke. Und endlich, endlich eine Badewanne mit warmen Wasser und Salz zum Zähneputzen.
Meine kleine Schwester Sieglinde und ich wurden nun getrennt. Sie wurde einem Bauern, zusammen mit Frau Dörner, im Nachbarort zugewiesen. Ich verblieb in unserer Erstzuweisung. Wieder gab es Tänen und die Ungewissheit, ob man sich wiedersehen wird. Eine winzige Abstellkammer wurde für mich ausgeräumt und somit hatte ich ein kleines Reich für mich. Die einsamen Abende waren am schlimmsten. Ich weinte mich in den Schlaf. Ich war nun elf Jahre alt und wurde dort in die Dorfschule eingewiesen. Nach den vielen Wochen der Entbehrung und dem langen Unterrichtsausfall war es nun schwer, die erwünschte Schulleistung zu erbringen. Wieder Angst und Bauchweh vor jedem Schultag. Der Dorflehrer war uns Flüchtlingskindern nicht besonders zugetan. Wir bedeuteten für ihn nur mehr Arbeit. Immer nur Fremde und Einsamkeit, keiner der mich mal tröstete oder in den Arm nahm. Wir waren immer nur Fremde und fast immer unerwünscht.


Endlich eine Freundin

Ein gleichaltriges Dorfmädchen befreundete sich dann doch mit mir. Ich wurde nun öfter mal zu ihren Eltern nach Hause mitgenommen und durfte dort essen und bekam auch ein paar Kleidungsstücke geschenkt. Ich hatte mich ja immer geschämt, mit den alten Fluchtkleidern in die Schule zu gehen.
Ich blieb ein Jahr bei diesem Bauern, bis eines Tages durch den Suchdienst die Nachricht kam, dass mein Vater aus der russischen Gefangenschaft entlassen war und uns nun suchte. Mein Vater hatte eine Arbeit als Feldarbeiter bei einem Bauern im Oderbruch gefunden. Ich wurde in einen Zug gesetzt und mein Vater holte mich am Bahnsteig ab. Er war ja ein Fremder geworden. Ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern. Dieser Mann war von der schlimmen Gefangenschaft sehr krank. Ich erkannte ihn nicht. Meine Schwester verblieb vorerst bei Frau Dörner, denn mein Vater hatte nur eine kleine Schlafstelle in der Waschküche des Bauern bekommen und konnte uns beide nicht beherbergen. Die Bauern behandelten uns leider nicht gut. Sie waren ruppig und unfreundlich und wir durften unsere Mahlzeiten nicht am Tisch essen.
Wieder alles fremd, mit einem fremden Mann der nun mein Vater war. Ich weinte wieder jeden Tag. Der Bruder meines Vaters hatte uns nun auch durch den Suchdienst gefunden und besuchte uns. Als er sah, wie wir dort behandelt wurden und wie mein kranker Vater dort Tag und Nacht schuften musste, nahm er uns mit in sein kleines Häuschen, das in der Nähe von Berlin stand. Nach ein paar Wochen wurde nun auch meine kleine Schwester zu uns geholt. Sie war unterernährt und hatte die Krätze. Ihre Arme waren spindeldünn mit blutverkrusteten Schwielen an Händen und Beinen. Nun waren wir endlich wieder zusammen. Wir wohnten nun auf engstem Raume einige Wochen bei Vaters Bruder. Tante Lieschen, die Frau vom Bruder, tauschte nun Butter und Speck für Medikamente ein, um Sieglinde wieder gesund zu kriegen. Im Spätherbst war die magere Ernte eingetragen und Tante Lieschen sagte dann zu meinem Vater, dass wir eine Lösung für den beengten Wohnraum finden müssen. Sie schlug vor, einige Witwen aufzusuchen, die einen Bauernhof hatten, und dringend eine männliche Arbeitskraft suchten, und wo wir dann wohnen könnten. Mein Vater und ich fuhren mit alten Fahrrädern eines Tages los und machten die Runde bei drei Witwen. Eine war interessiert, aber lehnte dann ab, als sie erfuhr, dass mein Vater noch zwei Kinder mitbringen würde.


Endlich ein Zuhause

Für meinen Vater war es ein sehr schwieriger Gang, sich dort anbieten zu muessen. Tante Lieschen kam auch hier wieder zur Hilfe. Sie hatte eine 42-jährige Witwe mit einem kleinen Hof und drei Kindern ausfindig gemacht und uns dort angemeldet. Wir alle fuhren nun zur Witwe Emma. Sie putzte gerade Rüben, um Sirup zu kochen. Unser Vater packte sofort mit an, was der Emma sehr imponierte. Sie willigte auf einen Versuch ein. Wir drei zogen nun nach ein paar Tagen auf den Hof. Emma hatte zwei Söhne und eine Tochter, Siegfried, Heinz und Regina. Wir waren gerade ein paar Wochen im Haus und alles schien ganz gut zu laufen. Regina und ich freundeten uns an, was mir und meiner kleinen Schwester Lindel beim Einleben in der neuen Umgebung sehr half. Wir wurden richtige Schwestern. Wenige Wochen später geschah nun etwas Unvorstellbares. Eines Abends, es war dunkel, kam die Polizei ins Haus und teilte der erschrockenen Emma mit, das ihr ältester Sohn Heinz und vier seiner Freunde im nahen Waldgebiet verhaftet worden waren. Die Jungs hatten russische Gewehre und Monition entdeckt und schossen ein paar Runden in den Wald. Kurz darauf entdeckte der Oberförster die fünf und befahl ihnen, die Gewehre abzugeben. Einer der Jungs beleidigte daraufhin den Förster, der zur Nazi-Partei gehörte. Dieser nahm die Jungs mit zur Polizeiwache, worauf sie noch in der selben Nacht verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurden. Es war das Jahr 1945. Sachsenhausen war als "Schweigelager" bekannt, die Häftlinge durften keine Post erhalten oder Briefe schreiben. Einer der verhafteten Jungs verstarb noch kurz vor der Entlassung, Heinz überlebte.
Aber es gibt auch erfreulichere Erinnerungen. Unser Vater und Emma verstanden sich so gut, dass sie ein Jahr später heirateten. Emma rief uns dann in die gute Stube und sagte: "Nun könnt ihr Mutter zu mir sagen." Wir waren nach langen Irrwegen endlich "zuhause" angekommen.