Nur noch die älteren Generationen erinnern sich an die Massengrenzübertritte, zu denen es in der zweiten Hälfte des Jahres 1949, vor 70 Jahren also, zwischen Neustadt und Sonneberg kam. Viermal drangen bis zu 25000 Menschen, vorwiegend aus dem Raum Sonneberg, in die amerikanische Besatzungszone an der "Gebrannten Brücke" nach Neustadt vor, um hier Lebensmittel und all das, was in der sowjetisch besetzten Zone (Ostzone) dringend benötigt wurde, einzukaufen. Während das erste "Volksfest deutscher Einheit" von den Grenzposten auf beiden Seiten geduldet wurde - dieses spielte sich am 31. Juli 1949 ab - kam es am 3. September, 2. Oktober und 9. November 1949 zu nicht genehmigten Grenzübertritten.

Damals durften nur Inhaber von Flurscheinen und Arbeitspässen die Zonengrenze an der "Gebrannten Brücke" passieren. Darüber hinaus waren auch Grenzübertritte möglich, wenn hierfür eine besondere Genehmigung der zuständigen Stellen erteilt worden war. Erst als die DDR-Regierung am 26. Mai 1952 die "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands" erließ, wurde die innerdeutsche Grenze von DDR-Seite immer mehr durch Grenzsperranlagen abgeriegelt. Vor der "Gebrannten Brücke", dort wo heute die Grünanlage mit dem Gedenkstein "10 Jahre Grenzöffnung" ist, befand sich damals noch eine Kontrollstelle der Bayerischen Grenzpolizei in einem einfachen Holzgebäude.

Kundgebung zur Wiederherstellung der deutschen Einheit

Am 31. Juli 1949, es war ein Sonntag, fand bei Hönbach in der "Müs" eine Volkskundgebung zur Öffnung der Zonengrenze und Wiederherstellung der deutschen Einheit statt. Rund 25000 Menschen von westlicher und östlicher Seite nahmen an dieser gewaltigen Kundgebung teil. Während auf der einen Seite kein russischer Grenzposten zu erblicken war, ließ die hiesige Grenzpolizei das Passieren der Zonengrenze großzügig geschehen. Die Redner aus West und Ost und unterschiedlichen Parteien sprachen sich für die Einheit Deutschlands aus. Damit einhergehend kam es zu demonstrativen Verbrüderungsszenen, bevor anlässlich dieser Großkundgebung ein

Fußballfreundschaftsspiel zwischen dem VfL 07 Neustadt und dem Sonneberger Fußballverein ausgetragen wurde. Beide Mannschaften standen vor Beginn des Spiels vor ihren Toren und gingen dann mit Transparenten unter den Klängen einer Musikkapelle auf die Platzmitte zu, wo die Begrüßung stattfand und Blumensträuße überreicht wurden. Auf dem Sonneberger Spruchband stand "Wir wollen die Einheit Deutschlands", die Neustadter antworteten mit der Inschrift "Und wir auch!" Das Spiel konnten die Sonnenberger mit 2 : 0 für sich entscheiden.

Im weiteren Verlauf des Nachmittags erlebte Neustadt die reinste Völkerwanderung. Die Besucher aus der Ostzone, vor allem aus Sonneberg, die zum ersten Mal nach Schließung der Grenze ohne Papierschikanen "in den Westen" durften, bevölkerten die ganze Stadt und Umgebung. Sie interessierten sich vor allem für die ausgestellten Waren in den Schaufenstern. Da die Läden aufgrund einer Sondererlaubnis geöffnet hatten, gingen viele Sachen weg wie "warme Semmeln". Bezahlt wurde meist in Ostgeld, das die Geschäftsleute bei den Bankinstituten wieder in Westgeld umtauschen konnten. Manche brachten aber auch Tauschartikel, wie zum Beispiel Damenstrümpfe, Christbaumschmuck oder Spielzeug mit, weil sie befürchteten, für ihr Ostgeld nichts zu bekommen. Auf der Sonneberger Straße zeigte sich ein noch nie gesehenes Bild: In voller Straßenbreite ergossen sich die Menschenmassen gegen Westen.

Ein Missverständnis

Anlässlich des am 1. September 1949 in der sowjetischen Besatzungszone gefeierten "Weltfriedenstages" gaben die russischen Besatzungssoldaten am Samstag, 3. September 1949, erneut den Weg frei in Richtung Grenzübergang. Von westlicher Seite war den 15000 bis 20000 Menschen, die sich aus Sonneberger Richtung zum Schlagbaum an der Grenze ansammelten, der Weg versperrt. Die Amerikaner und die bayerische Grenzpolizei hatten den Befehl, die Grenze scharf zu bewachen und niemanden überschreiten zu lassen. Wenn sich auch bis zur Mittagszeit die Menschen nahezu verlaufen hatten, rotteten sie sich gegen 17 Uhr erneut zusammen. Erst in kleinen Gruppen, dann in Scharen drängten sie zu Fuß und mit dem Fahrrad von den Wiesen über die Grenze zur Sonneberger Straße bis nach Neustadt. Von den westlichen Grenzsicherungsorganen konnten sie nicht mehr zurückgehalten werden. Außerdem zogen ganze Karawanen von Lastwagen, Personenfahrzeugen und Motorrädern in die bayerische Puppenstadt. Sie führten allerhand Tauschgegenstände mit sich. Die Neustadter Geschäfte wurden gestürmt und Lebensmittel und verschiedene Gebrauchsgegenstände eingekauft, da die Geschäftsleute die Ostmark zum Tageskurs als gültiges Zahlungsmittel akzeptierten. Nach 17 Uhr fand auf einer Wiese in der Wildenheider Flur eine Grenzkundgebung zur Einheit Deutschlands statt, bevor um 22 Uhr die Grenze wieder geschlossen wurde.

Ähnliches spielte sich auch am Sonntag, 2. Oktober 1949, ab. An diesem Tag wurde in der Sowjetzone der "Weltfriedenstag" begangen. So bestand die Hoffnung, dass die Grenze erneut geöffnet wird. Während die russische Seite am Sonntagmorgen die Grenze frei gab, wurden die Ungeduldigen aus der Ostzone von den Amerikanern zurückgewiesen. Infolge eines Missverständnisses brach ab 11.50 Uhr "ein Sturm" los. Ein Amerikaner winkte mit der Hand, um die Leute zum Umkehren zu veranlassen. Doch diese verstanden es so, als ob er den Weg in Richtung Westen freigegeben hat. Und so stürmten 15000 bis 20000 Menschen über die Grenze. Helmut Scheuerich, früherer Neustadter Heimatpfleger, schreibt in seinem ersten Band der "Geschichte der Stadt Neustadt im 20. Jahrhundert" dazu: "Die Stadt Neustadt glich an jenem Tag einem Ameisenhaufen. Dank menschlicher Einsicht der Geschäftsleute, die ihre Läden öffneten, konnten die Eindringlinge ihre weniger wertvollen Ostmark über den Ladentisch reichen und als Gegenleistung Taschen und Rucksäcke mit dem füllen, was sie schon jahrelang nicht mehr gesehen hatten. Am Abend waren die Geschäfte fast restlos ausverkauft." Fisch, Fett und Fleisch waren hauptsächlich gefragt.

Einen weiteren Ansturm über die Zonengrenze nach Neustadt gab es am Mittwoch, 9. November 1949.

Obwohl die Ostpolizei rund 50 Personen aus Sonneberg und Umgebung, die sich an die Grenze gewagt hatten, wieder zurückschickten, konnte sie schließlich gegen die ständig größer werdenden Menschenmassen nichts ausrichten. Aus 50 wurden 500 und daraus Tausende. Viele kamen dabei auf den Gedanken, dem Schlagbaum auszuweichen und über die Wiese der "Müs" ihr Heil zu versuchen. Gegen 11 Uhr hatten sich bereits rund 10000 Menschen eingefunden und harrten auf den entscheidenden Augenblick. Als sie eine Lücke in der Postenkette erspähten, brach der Sturm los. Da gab es kein Halten mehr!

Machtlose Grenzposten

Die bayerische Grenzpolizei und die Amerikaner, die zur Verstärkung mit zwei Jeeps und einem Panzerspähwagen angerückt waren, standen dem Treiben machtlos gegenüber. In den Neustadter Geschäften herrschte wieder dichtes Gedränge. Am begehrtesten waren wieder Fett, Fisch, Fleisch, Wurstwaren und Konserven. Andererseits wollten viele Thüringer mitgebrachte Waren, hauptsächlich Christbaumschmuck und Spielwaren aller Art, an Neustadter Großhändler verkaufen, was diese größtenteils bereitwillig abnahmen. Erst in den Abendstunden setzte die Rückkehr in die Ostzone wieder ein. Alle Grenzgänger waren vollbepackt mit Westwaren.

Quellen: diverse Zeitungsberichte; Geschichte der Stadt Neustadt im 20. Jahrhundert, 1. Band, von Helmut Scheuerich; Stadtarchiv Neustadt, Stadtarchiv Sonneberg