"Ich lauf' da ja immer rein und raus, aber die Muster über der Tür hab' ich erst jetzt gesehen." Üppige Jugendstilverzierungen, Reliefs und Skulpturen, Fledermäuse, Spinnen, Ratten, eine Katze, ein Frosch, Frau mit Fisch... Christopher Fischer ist einer der 32 Heilig Kreuz-Schüler, die in diesem Schuljahr einen besonderen Erfahrungsprozess durchleben durften: Kunst kann Augen öffnen, Kunst kann verändern. Allerdings bringt andächtige Betrachtung 14- und 15-Jährigen wohl wenig, die müssen selbst anpacken dürfen. Und so geschah es auch.
Carmen Georg unterrichtet eine der 8. Klassen der Heilig-Kreuz-Mittelschule. Sie hatte gehört, dass die Keramikkünstler Sigrun Wassermann und Klaus Dorrmann, die ihre Gale riewerkstatt in Wohlbach betreiben, Projekte mit Schülern durchführen. Carmen Georg nahm Kontakt auf.
Man kam samt Schulleiterin Ariane Hofmann ins Spintisieren, offensichtlich sehr produktiv, denn das "Projekt" wird neben der Kunsterfahrung für die Schüler ein 2,40 Meter hohes Objekt hervorbringen:
Eine von den beteiligten zwei achten Klassen mit individuellen Tonplatten gestaltete Vierkantsäule, die beim Schulfest am 27. Juli auf dem Schulhof am Schleif anger enthüllt werden soll, an einem schönen Platz in der Grünanlage. Ein Rundweg soll an ihr vorbei führen, und dann könnten ja spätere Klassen in späteren Jahren wieder aktiv werden, bis dort im besten Fall eine Art Skulpturengarten entstanden ist. Das ist der Traum, dessen Verwirklichung jetzt begonnen wurde.
"Können wir die Säule eigentlich auch taufen, ihr einen Namen geben", fragt Dzenana Schwesinger bei einem weiteren Arbeitseinsatz in der Werkstatt von Sigrun Wassermann und Klaus Dorrmann. Mit dem Bus waren die Schüler letzte Woche nach Wohlbach gefahren, um ihre im ersten Durchgang schon gebrannten Tontafeln zu glasieren. "Wir mussten Handschuhe tragen. Das Zeug, das wir auf die Tafeln aufgetragen haben, ist giftig. Und sehr teuer." Tim Müller ist der Respekt anzumerken, die anderen nicken ernst. Das Kobaltoxid wird die Strukturen der Tontafeln nach dem neuerlichen Brand bei 1300 Grad blauschwarz und noch plastischer hervortreten lassen.
Dzenanas Frage nach einem Namen für die Stele unterstreicht die Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit diesem Projekt, mit ihrer Schule, in der die späteren Schulabgänger auch eine Spur von sich zurücklassen - so die Idee von Klaus Dorrmann.

Das Material verzaubert

Zurück zum Anfang: "Wir haben die Schüler in der vorbereitenden Phase durchs Haus geschickt, damit sie schon mal nach Motiven suchen", berichtet die Lehrerin. "Da kam kaum etwas heraus. Nur zu sagen, schaut euch mal um, nützt wenig. Rein theoretisch erreicht man keine Auseinandersetzung." Dann brachten Sigrun Wassermann und Klaus Dorrmann etwa 50 rohe Tonplatten in die Schule, 30 auf 30 Zentimeter groß, drückten jedem Schüler eine in die Hand. "Macht Abdrücke von eurer Schule!"
Und jetzt war alles anders. "Es ist das Material in der Hand. Das verzaubert irgendwie." Aus Sigrun Wassermann spricht die Faszination, die sie und ihren Mann bindet in einem ja oftmals auch mühevollen Schaffensprozess und ihr Atelier seit 1990 betreiben lässt. Reich wird man dabei nicht gerade, was durchaus eine Rolle spielt, wenn man, wie die beiden, ein Kind, einen Sohn hat. Im Kontakt mit dem Künstlerpaar kamen die Schüler zum Nachfragen, nach anderen Lebensmodellen: Wie macht ihr das, was ist das für ein Beruf?
Mit den Tonplatten in der Hand begegneten die Jugendlichen nun den nie wahrgenommenen Viechereien in ihrer Schule, den fantastischen Ornamenten und "Mustern". Sie erkannten dabei auch die Schönheit des ganz Normalen: Adrijan Osmani zeigt eine Platte, in der ein Lichtschalter seine Abgrenzungen hinterlassen hat. Alexander Sappok trat mal schnell mit dem Schuh in den Ton. Die Schüler kichern; tatsächlich blieben doch aber interessante Linien und Formen zurück!
"Die Platten ruhig und fest ranzudrücken, war gar nicht so einfach", werden im Erlebnisbericht über die konkrete Motivabformung mehrere der Jungen und Mädchen lebhaft. "Da musste man immer wieder mit dem Daumen so randrücken; der hat irgendwann richtig weh getan", feixt Georgi Radev. Richtig "Spaß" gemacht, hat das Ganze aber von Anfang an, "besser als Schule", tönt es aus der Menge. Na klar.

Ganz andere Qualität

Lehrerin Carmen Georg bestätigt: "Die Schüler haben sich geöffnet, haben sich viel Zeit genommen. Das Praktische hat sie eine ganz andere Welt wahrnehmen lassen, die kennen sie doch sonst nicht. Ein unmittelbares Erfolgserlebnis war damit verbunden. Sie haben ja jetzt richtige künstlerische Arbeit geleistet. Das hat eine ganz andere Qualität." - Soviel auch zur ursprünglichen offenen oder versteckten Skepsis im Hause, ob man denn "so etwas" mit diesen Schülern machen könne. Geld kostet das alles ja schließlich auch. Sollte die Gestaltung des Skulpturenweges eine Zukunft haben, bräuchte man in jedem Fall weitere Sponsoren.
Mittlerweile liegen die gestalteten Platten, unregelmäßig zurechtgeschnitten, in ihrer Motivik spannungsvoll arrangiert und nummeriert auf dem langen Werktisch und auf Holzplatten, bereit für den Ofen in Wohlbach. Am Ende werden sie an der aus Betonsteinen hochzumauernden Stele im Schulhof geklebt.
"Es war gar nicht schwierig, mit diesen Mädchen und Jungen zu arbeiten", bestätigen Sigrun Wassermann und Klaus Dorrmann. "Im Gegenteil, die sind so süß, so offen", lächelt die Künstlerin.